WALTER SALLES: Drang nach Westen

Auch „On the Road“ kann die üblichen Probleme von Roman-verfilmungen nicht überwinden: Gute Schauspieler, spannende Erzählung und trotzdem meilenweit entfernt von der literarischen Vorlage.

Die Abenteuer von Dean, Sal und Marylou inspirierten Tausende von Jugendlichen und waren sicher auch für die eine oder andere Vermisstenmeldung verantwortlich.

Nur drei Wochen brauchte Jack Kerouac im April 1951 um sein Meister-werk „On the Road“ zu Papier zu bringen. Das legendäre, 36 Meter lange Manuskript kann derzeit und noch bis zum 19. August im Pariser „Musée des Lettres et Manuscrits“ besichtigt werden. Über sechzig Jahre später hat der Stoff um Dean Moriarty und Sal Paradise es nun auch auf die Leinwand geschafft. Heraus kam ein schönes Roadmovie – nicht mehr und nicht weniger.

In der Tat erwarb Francis Ford Coppola die Filmrechte an Kerouacs Roman bereits im Jahr 1968. Im Laufe der Jahre konnte er jedoch weder Joel Schumacher, noch Jean-Luc Godart oder Gus Van Sant für die Verfilmung dieser undankbaren Vorlage gewinnen. Schließlich nahm mit Walter Salles („The Motorcycle Diaries“) ein Meister des Roadmovie die Herausforderung an, diese Geschichte, die ohne wirkliche Handlung auskommt, zahllose Charaktere beinhaltet und einen fulminanten Rhythmus bietet, auf die Leinwand zu bringen.

Die halb autobiographische Geschichte erzählt die Trips von Sal Paradise – alias Jack Kerouac – und Dean
Moriarty – Kerouacs Kumpel Neal Cassady nachempfunden – kreuz und quer über den amerikanischen Kontinent, inklusive einer gehörigen Portion Sex, Drogen und Be-Bop. Vor allem was Sex und Drogen angeht ist der Film viel expliziter als die Romanvorlage. So werden zum Beispiel Prostitution und Moriartys homosexuelle Beziehung zu Leo Marx (in Wirklichkeit: Allen Ginsberg) veranschaulicht, während sie im Roman nur angedeutet wurden, und der Konsum der Droge Benzedrin ist eines der stärksten Motive des Films. Hier wird jedoch nichts verherrlicht: Der übermäßige Drogenkonsum führt schnell zu körperlichem Verfall und Isolation. Be-Bop kommt leider ein bisschen zu kurz, denn Kerouacs virtuose Beschreibungen wilder musikalischer Nächte wurden im Film auf nur zwei Szenen reduziert. Überhaupt musste viel weggelassen werden: Während der Roman sich durch eine Vielzahl an angedeuteten, sich vermischenden und wiederkehrenden Themen und Motiven auszeichnet, scheint Salles sich auf einige wenige beschränkt zu haben, um diese dann wiederholt in den Vordergrund zu stellen. Dies hat zur Folge, dass der Film an manchen Stellen etwas langatmig und repetitiv ist.

Dafür wird der Zuschauer jedoch mit atmosphärischen Landschaftsaufnahmen, historischen Kulissen und vor allem guten Schauspielleistungen entschädigt. Allen voran Hauptdarsteller Garrett Hedlund zeigt als Dean Moriarty eine wahrlich bemerkenswerte Leistung. Mit imposanter Statur und Stimme porträtiert er glaubhaft den vor Kraft strotzenden und innerlich zerrissenen Anführer der Gruppe. Auch wenn die pseudo-religiösen Anspielungen im Vergleich zum Roman im Film eher spärlich gesät sind, so erkennt man in Hedlunds Moriarty dennoch deutlich den „heiligen Schwindler“. Für die Nebenrollen konnten mit Amy Adams, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen und Kristen Stewart eine ganze Reihe von Stars gewonnen werden. Mortensen glänzt in der Rolle des Old Bull Lee während Stewart als Moriartys Freundin Marylou beweist, dass sie deutlich mehr kann als nur in bleichen Teenagerromanzen die Angebetete zu geben.

Insgesamt ist „On the Road“ eine Art Mittelding zwischen einem durchaus gelungenem Roadmovie und einer größtenteils misslungenen Romanverfilmung. Dies hat zur Folge, dass sowohl die Handlung als auch der charakteristische Stil Kerouacs meistens zu kurz kommen. Gerettet wird der Film letzten Endes durch starke Leistungen der Hauptdarsteller, sowie einer hervorragenden Kulisse.

Im Utopia.


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