ROADMOVIE: Zum Vögeln nach Spanien

Die belgische Komödie „Hasta la vista“ folgt augenscheinlich einer ähnlichen Logik wie der französische Kassenschlager „Intouchables“. Behinderung und Sex sollen zu einem sommerlichen Roadmovie verwoben werden. Leider bedient sich Regisseur Enthoven aller nur möglichen Klischees.

Leider nur peinlich …

Es hätte gut gehen können. Denn auch wenn der Plot reichlich abgeschmackt anmutet – drei Jungs mit Behinderung wollen nach Spanien in ein Bordell, um Sex zu haben – beginnt „Hasta la vista“ eigentlich vielversprechend, mit einer genau genommen zwar sexistischen, doch ästhetisch gelungen ersten Einstellung: Die Kamera ruht auf den Decolletes zweier am Strand joggender Frauen. Lars (Gilles de Schryver), vom Hals abwärts gelähmt, sitzt auf der Terrasse einer Urlaubswohnung und sieht den beiden sehnsüchtig nach. Genauso wie seine Freunde Philip (Robrecht Van den Thoren) und Jozef (Tom Audenaert) will er aus seinem tristen Alltag ausbrechen, sehnt sich nach Abenteuer, nach Liebe und Sex und natürlich nach Autonomie. Verständlich, denn die Freunde hocken alle mit Anfang zwanzig noch im elterlichen Nest und lassen sich rund um die Uhr pflegen, denn allein klarkommen können sie wegen ihrer Behinderung nicht. Der blonde Sunnyboy Philip ist schwer krebskrank, der tapsige Jozef so gut wie blind, Lars gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Ein goldiges Trio ?

Über ihre Hobbies, ihre Charaktereigenschaften, über sie als Menschen erfährt man auch im weiteren Verlauf des Films wenig, bekommt nur mit, dass Lars irgendwie ein bourgeoises Arschloch ist. So werden die drei so auf ihre physischen Makel reduziert, dass man immer tiefer in den Kinosessel sinkt und sich fremdschämt. Dazu kommen Dialoge, die einen mit den Ohren schlackern lassen. Etwa als die drei versuchen, ihren Eltern die geplante gemeinsame Reise zu verklickern, schlagen diese die Hände über dem Kopf zusammen und es fällt der Satz „Ja, wer soll euch denn dann betreuen?“. Da Philips Zustand sich schlagartig verschlechtert, wird das Ganze heimlich ausgeheckt, eine wallonische Matrone als Fahrerin des Kleinbusses aufgetan und die als Weinfahrt getarnte Reise, von den Eltern dann letztlich doch bewilligt. „Na gut, wenn der Doktor es erlaubt“, heißt es. In einer schlechten Fernsehproduk-tion hätten einen solche Dialoge nicht gewundert.

Im Morgengrauen geht’s im klapprigen Bus los, mit Stopps in Novotel und Mercure-Hotels, womit sich ein Teil der Filmfinanzierung geklärt hätte, oder mal am See unter Sternenhimmel an die spanische Küste, nach Punta del Mar. Neben den allenfalls mittelmäßigen schauspielerischen Leistungen besticht allein Isabelle de Hertogh als Claude in der Rolle der Fahrerin und Assistentin. Denn die ruppige übergewichtige Wallonin ist die gute Seele und vermag in ihrer Rolle als schroffe frankophone Belgierin mit weichem Kern zu überzeugen. Rümpfen die Jungs anfangs noch die Nase über sie, so sind sie am Ende Claudes Charme ganz und gar verfallen. Dazu muss Jozef allerdings erst beim Pinkeln in den See fallen und Claude ihn heroisch retten. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ? Der füllige Blinde erahnt natürlich zuerst ihr gutes Herz, verliebt sich am Ende in „die Dicke“ und hat am Ziel angekommen dann keinen Bock mehr auf Sex mit Katalog-Prostituierten.

Sicher sind Komödien keine feinfühligen Kammerspiele, aber hier nervt der immer wieder geschwungene pädagogische Hammer – nicht erst beim melodramatischen Ende. Auf der anderen Seite jedoch traut der Film sich nichts: Bilder, wie die drei Sex haben, gibt es keine. Wenn zu guter Letzt eine Blondine wie in einer Bacardi-Werbung dem krebskranken Philip mit einem lasziven Augenzwinkern zuprostet, die drei verwöhnten jungen Männer ihre Vorurteile gegenüber der wallonischen Matrone überwunden haben, dann ist alles gut. Wirkliches Leben spielt in diesem Film keine Rolle.

Was einst bei „Einer flog übers Kuckucksnest“ und zuletzt „Intouchables“ dank eines mutigen Drehbuchs, guter Schauspieler und gewitzter, bewusst provokativer, Dialoge funktionierte, scheitert hier auf der ganzen Ebene. Statt mit den Menschen zu lachen, lacht man über sie, hat Mitleid, verspürt Beklemmung. Fazit: Eine von Klischees überfrachtete Möchte-Gern-Komödie über drei Behinderte, die man sich getrost sparen kann.

Im Ariston am Dienstag 20h (fr. Fass.).


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