INTERPROFESSIONALITÄT: Gut vernetzt?

Mit dem EU-Projekt „Inpro“ sollte die Interprofessionalität in der Aus- und Weiterbildung von Kinderbetreuungsfachkräften gefördert werden. Hat es seinen Zweck erfüllt?

Alle unter einem Stern: Für das EU-Projekt arbeiteten verschiedene Bildungsträger und Wohlfahrtsverbände aus fünf verschiedenen EU-Ländern zwei Jahre lang zusammen.

Schon das Logo – ein buntes, zusammengestecktes Modul – soll die Idee symbolisieren, um die es bei „Inpro“ ging – nämlich darum, die Interprofessionalität in der Kinderbetreuung zu fördern. Ob die Umsetzung dieser Idee über das Projektende hinaus gelingt, muss sich zeigen. Das Ende jedenfalls wurde letzte Woche mit einer Abschlussveranstaltung in Luxemburg begangen. Ziel des von der EU finanzierten Inpro-Projektes war, ein systematisches Modell zur bedarfsgerechten Gestaltung und Nutzung von Expertennetzwerken zu schaffen.

„Inpro ist Teil des Leonardo da Vinci Lifelong Learning-Programms. Im Grunde ist es ein internationales Transferprojekt, das auf den Resultaten von vorangegangenen Studien basiert“, erläutert Marco Da Silva, Inpro-Verantwortlicher bei Caritas Luxemburg gegenüber der woxx. Es handelt sich um eine akademische Synthesearbeit, bereichert durch länderübergreifende Praxiserfahrungen. Neben Caritas Luxemburg arbeiteten, koordiniert durch den deutschen Caritasverband Borken, verschiedene Bildungsträger und Wohlfahrtsverbände aus fünf verschiedenen EU-Ländern zwei Jahre lang zusammen. Am letzten Dienstag stellten sie das Endprodukt, ein Projekthandbuch mit Handlungsanleitungen für interprofessionelle Netzwerkarbeit in der Kinderbetreuung, vor. Es richtet sich vor allem an Personen, die beruflich im Bereich der Kinderarbeit tätig sind.

Seitdem sich europaweit die Einsicht durchgesetzt hat, dass die Chancen künftiger Generationen Arbeit zu finden, einen engen Zusammenhang mit einer hochwertigen und flexiblen Kinderbetreuung haben, gewinnt Interprofessionalität als Serviceansatz für sämtliche Akteure im Bereich der integrativen Kinderbetreuung zunehmend an Bedeutung. Auch kommt Interprofessionalität, indem durch sie vielfältiges Wissen verknüpft wird, den Bemühungen um die soziale Inklusion von Kindern entgegen.

In Luxemburg sind es die Maisons relais, die – entstanden im gesellschaftlichen Spannungsfeld von Beruf, Familie und Schule – als Schnittstelle zwischen verschiedenen Akteuren fungieren. Die zunehmende Komplexität der Betreuung und Förderung von Kindern macht hier aber Qualifizierungsmaßnahmen dringend erforderlich. Netzwerkarbeit ist jedoch nicht unbedingt Teil der Ausbildung von Lehrern oder in anderen Sozialberufen – ganz abgesehen davon, dass gerade im Betreuungsbereich viele nichtqualifizierte Arbeitskräfte tätig sind. Und nicht nur hier ist Netzwerkarbeit erfordert. So ist es nicht immer hilfreich, dass die verschiedenen Zuständigkeitsbereiche zwischen Erziehungs-, Familien- und Gesundheitsministerium aufgeteilt sind.

„In der Kinderbetreuung ist es wichtig, dass die Erzieher in den Institutionen die Entwicklung der Kinder dokumentieren“, erklärt Da Silva. Heute sei es bereits vielen Erziehern selbstverständlich, Portfolios zusammenzustellen und die Eltern einzuladen. Viele wüssten jedoch nicht, wie sie ihre Dokumentation anderen Akteuren zugänglich machen könnten. „Wir wollen Erzieher befähigen, Expertennetzwerke zu initiieren und zu managen“, so die Verantwortlichen von Inpro. Die verschiedenen Methoden und Übungen von Inpro könnten den Betreuern helfen, etwa in den Bereichen von Ernährung, Gesundheit oder interkultureller Öffnung ein „Team around the child“ zu bilden, um dessen bestmögliche Förderung zu erreichen.

In England ist diese Praxis schon seit langem gesetzlich festgelegt. Wenn beispielsweise ein Kind im Kindergarten Verzögerungen in seiner sprachlichen Entwicklung zeigt, können die Ursache davon Hörschwierigkeiten oder neurologische Schäden sein, aber auch die Tatsache, dass die Eltern die Umgangssprache nicht beherrschen. Unterschiedliche Experten können dann durch ihr Zusammenwirken solche Schwierigkeiten erkennen und eventuell beheben.

Informelle Zusammenarbeit

„Auf diese Weise können Vorgänge vereinfacht werden“, so Da Silva. In Luxemburg dagegen arbeitet ein Koch mit der Direktion einer Kinderbetreuungsstätte bisher vor allem informell zusammen; Austausch über ein Kind findet unter Professionellen vor allem statt, wenn sie persönlich dazu motiviert sind. Anders als bei den Krankenhäusern ist dieser Austausch bisher nicht reglementiert.

„Gerade die vielen neuen Gesetzesprojekte und Regelungen im Bereich der Kinderbetreuung bieten die Gelegenheit, den Aspekt der Interprofessionalität stärker zu verankern“, glaubt Da Silva. Eine Möglichkeit, die Lerninhalte von Inpro zur Anwendung zu bringen, sei etwa der „Plan d’encadrement périscolaire“ (PEP), nach dem die Gemeinden einen Aktionsplan erstellen müssen, der die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren im Kinder- und Jugendbereich festlegt.

„Der Plan d’encadrement périscolaire ist für einige Gemeinden ein aufwendiges Projekt. Für eine kleine Gemeinde, in der alle Akteure näher beieinander sind, ist er sicher einfacher zu realisieren“, gibt Nico Meisch vom Familienministerium zu bedenken. Daneben gebe es noch andere Projekte, in denen Interprofessionalität bereits heute konkret zur Anwendung kommt, so etwa bei der Kommission für schulische Inklusion (CIS). Hier schaltet, mit Zustimmung des Bezirksinspektors, der Grundschullehrer, der bei einem Kind so gravierende schulische Probleme feststellt, dass es für eine spezielle Betreuung in Betracht kommt, die CIS ein. Nach der Meldung erarbeitet ein multiprofessionelles Team, dem auch der Klassenlehrer angehört, einen Betreuungsplan. „Hier wird bereits versucht, ein kohärentes Projekt umzusetzen, bei dem alle Akteure, die mit dem betreffenden Kind zu tun haben, an einem Tisch sitzen“, so Meisch. Die Netzwerkarbeit, wie sie hier praktiziert wird, müsste noch selbstverständlicher sein.

„In allen Ländern gibt es kompetente Menschen, die motiviert sind und die sich einsetzen, jedoch erfordert das auch viel Zeit und auch Personal“, moniert Da Silva. Jetzt, da die Interprofessionalität stärker an Bedeutung gewinne, müssten auch zusätzliche Mittel bereitgestellt werden.

Mehr Zeit für Interprofessionalität

„Wir behandeln die Sache schon als wichtig. So sollen in einer Maison relais künftig mindestens 154 Stunden pro Jahr und Arbeitnehmer zur Verfügung stehen, um sich mit anderen Professionellen oder den Eltern auszutauschen“, so Meisch. Zugleich seien auch Weiterbildungen erfordert; für diese müsste den Betroffenen aber auch Arbeitszeit zur Verfügung gestellt werden. Wichtige Vorrausetzung für die Teamarbeit sei jedoch vor allem, dass nicht die einzelne Person – ob Psychologe oder sonstiger Experte – glaubt, die alleinige Wahrheit über die Situation eines Kindes gepachtet zu haben. „Es kann ja sein, dass ein Kind sich in der Maison relais ganz anders benimmt als in der Schule; dann kommt es darauf an, dass es einen guten Austausch auf Augenhöhe gibt. Deshalb sind Projekte wie Inpro wichtig“, so Meisch.

Eine große Resonanz auf „Inpro“ war letzte Woche aber nicht zu spüren: Viele Lehrer und Erzieher weilten wohl noch im Urlaub, sodass die Projektentwickler weitgehend unter sich waren. Ob das teure EU-Projekt deshalb nun, wie viele andere, verpuffen wird, hängt davon ab, ob es gelingt, dem Thema die Beachtung zu verschaffen, die seiner tatsächlichen Bedeutung enspricht. Geplant ist zumindest, Interessenten das „Inpro“-Material auf einer Homepage zur Verfügung zu stellen. An der Uni Osnabrück soll ein Kurs über Interprofessionalität im Bereich Pädagogik angeboten werden. Und die Caritas will Weiterbildungen zum Thema veranstalten.

Infos unter: http://www.inpro-childcare.eu


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