JAZZ / POP: Sympathischer Verlierer

Ungebrochen vom nur mäßigen Erfolg als Solokünstler und Band-Sänger und von persönlichen Schicksalsschlägen hat Mark Eitzel im vergangenen Jahr ein Album herausgebracht, das einen Musiker zeigt, der Frieden mit sich selbst geschlossen hat.

Mark Eitzel, der Mann mit der Gitarre.

Eitzel, als Sohn eines amerikanischen Soldaten in den U.S.A., Japan und England aufgewachsen, verbrachte seine Sturm-und-Drang-Zeit Ende der 70er Jahre als Sänger verschiedener Punkbands, bis er nach San Francisco zog und die Rockband American Music Club (AMC) gründete. Trotz positiver Kritiken und einer treuen Fangemeinde schaffte die Band nie einen wirklichen Durchbruch und löste sich erstmals 1994 auf. Die Wiederbelebung ein Jahrzehnt später erbrachte zwei Alben, bis AMC in einen scheinbar endgültigen Schlaf fiel.

Nach der ersten Trennung der Band ließ Eitzel seiner Kreativität in einer Solokarriere freien Lauf, in der er von Jazz-Pop über Elektro-Poprock bis zu Cover-Alben und einem Musical alles Mögliche ausprobierte. Eitzels aktuelles Album „Don’t Be A Stranger“ ist eine Rückkehr zu zu den eigentlichen Stärken des Künstlers: zu soliden Gitarrenmelodien, zu Streicherarrangements und zu seiner Stimme, die besser als je zuvor ist und deren verschiedene Facetten von weich und volltönend bis zu rauh und kratzig im Gesang voll zur Geltung kommen.

Das Album ist eine zeitlich eingefrorene Aufnahme des Könnens und des Befindens des Musikers, die die zwei Jahre zwischen 2010 und 2012 überspannt. Das ist insofern erstaunlich, als sein Leben in der Zwischenzeit eine einschneidende Wendung erfuhr. Nachdem er die Songs für das Album 2010 geschrieben hatte, ursprünglich für ein neues AMC Album, erlitt er 2011 einen Herzinfarkt.

Nicht nur deshalb, sondern vor allem wegen des persönlichen Charakters der Songs entschied Eitzel, diese als Soloalbum herauszubringen. Nach einer Erholungsphase fehlte ihm das Geld, um die Demos in ein Album umzuwandeln. Ein Freund seines Managers, der gerade im Lotto gewonnen hatte, streckte daraufhin Geld vor, mit dem der Produzent Sheldon Gomberg angeheuert wurde. Dieser sorgte für einen professionellen Sound, wie man ihn von seiner Arbeit mit anderen Croonern wie Ron Sexsmith und Ryan Adams kennt, und stellte darüber hinaus eine passende Band zusammen.

So wurde aus „Don’t Be A Stranger“ ein Album, das zwar ruhig und balladenlastig, aber keinesfalls traurig oder jammernd daherkommt. Selbst wenn die Songs nach seinem Herzinfarkt entstanden wären, so Eitzel, würde ihn die Verarbeitung dieses Ereignisses noch mindestens zehn Jahre beschäftigen, so lange würde es dauern, bis er seine Folgen musikalisch ausdrücken könnte. Bei genauerem Hinhören fallen deshalb sogar einige amüsante Textpassagen auf. Sie spiegeln den Charakter Eitzels wider, eines Musikers, der über Jahrzehnte auf den Durchbruch gewartet und irgendwann eingesehen hat, dass dieser nicht mehr kommen wird ? aber eben auch nicht kommen muss, dass das Glück auch anderswo zu finden ist. Diese Einsicht ist erfrischend und sympathisch: Es ist, was es ist.

Dass Mark Eitzel Selbstironie nicht verlernt hat, wird außerdem in einer Reihe an „Werbe-Videos“ sichtbar, die das Label MergeRecords im Internet veröffentlicht hat und in denen Mark Freunde zu Rate zieht, um herauszufinden, was sie über sein Album denken oder wie er es am besten vermarkten könnte. Hier entstehen gestellte, aber sehr skurrile und lustige Szenen, bei denen Eitzel immer der Verlierer ist, der aber trotzdem noch lachen kann: Er ist, wer er ist.

23.01.2013, Kulturzentrum Opderschmelz, Dudelange


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