THEATER: Alle habt ihr Dreck am Stecken!

Mit dem „Revisor“ hatte Gogol eine Satire auf das russische Provinzbeamtentum im Sinn. In seinem Stück zeichnet er das Bild einer korrupten Kleinstadt, beherrscht von der Furcht vor der Staatsmacht. Frank Hoffmann bringt das Stück nun im TNL auf die Bühne.

Provinzposse oder unsterbliches Meisterwerk?
„Der Revisor“ spielt mit den menschlischen Abgründen.

Korruption als zeitloses Sujet. Denn bestechlich sind sie alle! Im Russland von heute ebenso wie in Luxemburg ? gerade in Zeiten, in denen Staatsaffären, die längst begraben schienen, wieder an die Oberfläche kommen, ein jeder die Schuld von sich weist, sich hinter Dritten versteckt, und wo niemand es gewesen sein will. Schuldig sind immer die anderen. Und so bedarf es eines Sündenbocks. In Gogols Drama, „Der Revisor“, einem der meist gespielten Dramen der Weltliteratur, sind es die Überbringer der peinlichen Nachricht, dass die ganze Stadt einem Betrüger aufgesessen ist. „In meinem Revisor beschloss ich, alles Schlechte in Russland, was ich damals kannte, auf einen Haufen zu sammeln und mit einem Mal zu verspotten“, soll Gogol selbst über sein Stück gesagt haben.

Die zeitlose Komödie spielt eigentlich 1836, in einer russischen Kreisstadt. Ein Brief kündigt einen Revisor aus St. Petersburg an, „inkognito und mit geheimen Instruktionen“. Die Kunde versetzt die Beamten des Städtchens in Angst und Schrecken, fürchten sie doch die Aufdeckung ihrer korrupten Machenschaften. Als im Gasthof ein Fremder absteigt, gehen alle davon aus, dass es sich um den Revisor handelt. Niemand ahnt, dass der Beamte aus Petersburg ein gewöhnlicher Gauner ist, und so wirbt jeder unterwürfig um seine Gunst ?

In der Inszenierung, einer Koproduktion des TNL mit dem Theater Bonn ? mit dem Frank Hoffmann eine lange Geschichte verbindet, bereits unter dem Intendanten Beilharz hatte er in Bonn inszeniert ? sowie den Ruhrfestspielen Recklinghausen verzichtet Hoffmann ganz auf aktuelle Bezüge und Kommentare, liefert also eine klassische Inszenierung. Dabei setzt er auf bekannte Luxemburger Schauspielgrößen, wie Steve Karier und Jean-Paul Maes als bestechliche Beamte und typische Vertreter des absolutistischen Zarenreiches. Auch Tatortkommissar Bernd Michael Lade (15 Jahre lang neben Peter Sodann im Leipziger Tatort als Kommissar Kain zu sehen) ist als Stadthauptmann vertreten.

Jevgenij Sitochin, der bereits am Burgtheater Wien, am Schauspielhaus Zürich sowie am Maxim-Gorki-Theater gespielt hat und auch schon im Kino in „Die Bourne-Verschwörung“ zu sehen war, spielt den falschen Revisor Chlestakov. Mit seiner Besetzung ist Hoffmann ein großer Wurf gelungen. Mitreißend verkörpert der Russe den Betrüger, einen Menschen ohne Gewissen und Normen, der den Bürgern dreist das Geld aus der Tasche zieht und ihnen schalkhaft auf der Nase herumtanzt. Ihm gelingt es wirklich, den Typus lebendig werden zu lassen, den Gogol im Sinn hatte. Marc Baum als sein blasser, gealterter Diener Osip wirkt neben Sitochin in der Tat etwas blass. Das Bühnenbild ist spartanisch. Vor einem Gerüstbau und der gemalten Waldumgebung des Dorfes gehen seine Bewohner auf und ab oder sitzen auf Stühlen wie in der Dorfschänke. Schade, dass Hoffmann den Stoff nicht in die Gegenwart übersetzt und mit aktuellen Bezügen unterfüttert.

In der deutschen Presse sehr gelobt, dürfte sein Revisor auch in Luxemburg für ein ausverkauftes Haus sorgen. Schließlich kennt hier jeder jeden. Leichen im Keller hat natürlich keiner. Wer eine klassische Inszenierung sehen will, die einen bisweilen schmunzeln lässt, kommt hier auf seine Kosten. Wer will, kann die Hoffmansche Inszenierung aber auch als Parabel sehen, denn sein Revisor macht deutlich, wie gefährlich und zugleich alltäglich Bestechlichkeit und Opportunismus als Triebkraft menschlichen (Da)seins sind.

Am 21., 22. und am 29. Januar im TNL.


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