CHANSON: Die Tigerin

Abgesehen von einer Testphase in der Theaterwelt hat Emily Loizeau den klassischen Werdegang einer seriösen Populärmusikerin durchlaufen. Ihr aktuelles Album ist ihr Reifezeugnis und Beweis dafür, dass man keine Lady Gaga sein muss, um die Zielgerade zu erreichen.

Hat – bis jetzt zumindest – eine Bilderbuchkarriere hingelegt: Emily Loizeau.

Schritt eins in der Karriere einer seriösen Populärmusikerin: künstlerische Wurzeln und Lehrjahre. 1975 als Tochter einer englischen Künstlerin und eines französischen Vaters in Frankreich geboren, fing Emily Loizeau mit fünf Jahren an, klassisches Klavier zu lernen. Nach ihrem Studium in klassischer Musik, Philosophie und Theater in London arbeitete sie, in den Fußstapfen ihrer Großmutter, der Schauspielerin Peggy Ashcroft, als Regieassistentin im Musiktheater. Im Jahr 2001 begann Loizeau, in einem kleinen Pariser Kabarett als Sängerin und Pianistin aufzutreten. Mit 31 Jahren unterschrieb sie ihren ersten Plattenvertrag und brachte ihr Debütalbum „L`autre bout du monde“ heraus.

Schritt zwei: das unausgereifte aber Aufsehen erregende Debüt. Inspiriert von ihren jüngsten Erfahrungen war das Album ein Mischmasch aus Pop-, Varieté- und Kabarett-Elementen, das Loizeaus Talent als Sängerin und Pianistin zeigte und in Frankreich beachtlichen kommerziellen Erfolg erzielte. Das, was dem Studioalbum an Kitt fehlte, machte die Kombo, die aus den Kernmitgliedern Loizeau sowie Schlagzeuger und Gitarrist Cyril Avèque und Cellist Olivier Koundouno besteht, bei ihren Live-Auftritten wett.

Schritt drei: das Haus und das zweite Album. Wie bei aufstrebenden Musikern üblich, kaufte sich Loizeau ein Haus in Südfrankreich, allerdings nicht an der glamourösen Côte d’Azur sondern in der ländlichen Ardèche. In der Stille der Berge entstanden große Teile ihrer folgenden Alben. Das drei Jahre später veröffentlichte „Pays Sauvage“ ist aber nicht weniger kompliziert als das Debüt. Speiste dieses sich aus einigen wenigen Kollaborationen, wurden für das zweite Album alle Freunde zum Mitmachen eingeladen. Loizeaus Bezeichnung als „Hippie-Album“ passt genau, denn es zeigt die ganze Palette ihres musikalischen Könnens. Von verschiedensten Sing- und Stimmtechniken bis hin zu einer großen Vielfalt an Instrumenten ist das Album ein pompöses Spektakel.

Schritt vier: das Kind und das berüchtigte dritte Album. Mit der Mutterschaft, so scheint es oft, tritt eine gewisse Gelassenheit ein und ein Rückbesinnen auf das Wesentliche im Leben. Das nach der Geburt ihrer Tochter entstandene und im September 2012 erschienene Album „Mothers & Tygers“ ist ruhiger und besticht durch seine Einfachheit. Es spiegelt mehr als zuvor ihre Einflüsse von französischen Klassikern bis zu Folk wider. Die kreativen Rhythmen, die auf „Pays Sauvage“ schon erprobt wurden, bilden hier das i-Tüpfelchen, das das Album von anderen Chanson-Werken abhebt.

Schritt fünf: die Zielgerade – künstlerische Freiheit. Thematisch handelt dieses „Reifealbum“ vom menschlichen Lebenszyklus und dem Leben mittendrin, das Loizeau als Mutter und Tochter von allen Seiten erfährt. Als poetische Inspirationsquelle bedient sie sich William Blakes „Songs of Experience“, dessen Gedicht „The Tyger“ Pate stand für den Albumtitel. Den Tiger interpretiert sie als Kind, dessen Liebe wild ist und dessen Energie und Freiheit man selber hofft, nie zu verlieren. Und das hat Emily Loizeau tatsächlich nicht, übt sie doch künstlerische Freiheit mit der charmanten Unbedarftheit eines Kindes aus. Zu hören ist der Tiger am kommenden Freitag in der Rockhal.

In der Rockhal am 25. Januar.


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