GENRE-ÜBERSCHREITEND: Nuschelbarde auf Erfolgskurs

Kein Rapper ist der allseits gepriesene „Ghostpoet“, dessen Alltagsleben in seinen Songtexten genauso langweilig klingt, wie die Intonierung, mit der er seinen Sprechgesang nuschelt.

Ghostpoets Songtexte handeln vom Alltag und vom Vierzig-Stunden-Job.

Obwohl er als Teenager das Licht der Musikwelt als Teil einer Grime-Gruppe erblickte, betont „Ghostpoet“ aka Obaro Ejimiwe, ein dreißigjähriger Londoner mit nigerianischen und karibischen Wurzeln, seine Einflüsse seien vielfältig. Mal erwähnt er amerikanischen Hip Hop, Garage, Jungle, Reggae und Afro-Beat, mal Iggy Pop und gar Mozart. Und tatsächlich ist seine Musik nicht nur einem Genre verschrieben, sondern enthält Anspielungen an verschiedenste Stilrichtungen. Um Ghostpoets Musik in einem Satz zusammenzufassen könnte man sagen: Elektronische Beats treffen auf genuschelten Sprechgesang, hinterlegt mit einem schwachen, aber bunten Regenbogen aus Geräuschen, die Trip Hop, Calypso und Hip Hop einfarbig wirken lassen.

Klingt spannend, oder? Leider wird das Potential, das in Ghostpoets Musik steckt, bei der Umsetzung nicht ganz ausgeschöpft. Musik machen, sagt Ghostpoet nicht ohne Selbstironie, sei eine Chance für ihn, über seltsame Geräusche zu nuscheln. Die Intonation, die seinen persönlichen Stil ausmacht, klingt schrecklich gelangweilt. Eine authentische Abbildung des Lebens eines ehemaligen Versicherungsangestellten, könnte man sagen. Aber wer will schon elf Songs voller Langeweile hören, so wie auf seinem zweiten, im Mai erschienenen Album „Some Say I So I Say Light“? Weshalb also sollte man Ghostpoets neues Album anhören, wenn man sich auch eine Stunde lang vom Geräusch einer laufenden Waschmaschine betören lassen kann?

Vielleicht wegen seiner Songtexte. Die handeln von seinem Alltagsleben und von anderen Menschen, die wie er bis vor drei Jahren die Vierzig-Stunden-Woche in einem Job fristen müssen, der sie nicht glücklich macht. Herzschmerz und erschöpfte Eltern kommen ebenfalls vor. Eine feste Agenda gibt es bei Ghostpoet nämlich nicht, soll es aber auch nicht geben. Es geht vielmehr darum, ein Gefühl auszudrücken und den Zuhörer musikalisch in seine Welt zu versetzen, in der jeder dann seinen eigenen Gedanken, Assoziationen und Interpretationen freien Lauf lassen kann.

Dies ist teilweise der Arbeitsweise des Musikers geschuldet, der, wie er kürzlich in einem Interview sagte, keine lange Aufmerksamkeitsspanne habe. „Ich schreibe über eine Sache, und eines meiner Worte führt mich zur nächsten Sache. Es geht zwar um das gleiche Thema, aber aus einer anderen Sichtweise oder Perspektive.“ Insgesamt, so manche Kritiker, seien Ghostpoets Songtexte schwammig und ohne definitive Aussage, gleichzeitig aber auch ein effektives Mittel, um die Gefühlswelt des geschundenen Büroangestellten zu beschwören.

Ein anderer Grund „Some Say I So I Say Light“ eine Chance zu geben, ist das Aufgebot an Gastmusikern, die den Songs eine neue Dimension verleihen. Aus zweidimensionalem Nuschelgesang werden dank Fela-Kuti-Schlagzeuger Tony Allen oder dem Gesang der weniger bekannten Woodpecker Wooliams dreidimensionale, zeitweise spannende Musikstücke.

Wer sich seine eigene Meinung über den hochgelobten Sprechgesang-Barden aus London machen möchte, kann dies am kommenden Dienstag im Exit07 tun. Dort wird er nicht nur sein neustes Oeuvre, sondern auch das für den Mercury Prize 2011 nominierte Debütalbum „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ vorstellen, bei dem es um Frustessen und andere Probleme der arbeitenden Bevölkerung geht.

Am 4. Juni im Exit07


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