GEHÖRLOSE: „Wie ein Buch ohne Text“

Eine gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache scheint greifbar – sofern man den Ankündigungen der neuen Regierung Glauben schenken darf … Doch für eine umfassende barrierefreie Kommunikation Hörgeschädigter fehlt in Luxemburg vor allem das Fachpersonal.

Vermittlerin zwischen den Welten: Lynn Menster ist Luxemburgs einzige studierte Gebärdensprachdolmetscherin. (Screenshot: CHD.LU)

„Wir denken, dass die Gebärdensprache eine Integrationssprache ist, so wie das Luxemburgische“, verkündete Premier Bettel seinerzeit als Bürgermeister der Hauptstadt in der Sendung „Op Aenhéischt“ vom 14. Mai 2012 auf Radio 100,7. Auch das Programm der frisch gewählten Regierung enthält einen Passus, der die Anerkennung und Förderung der Gebärdensprache verspricht. Würde er in die Praxis umgesetzt, wäre dies eine weitsichtige Erkenntnis und ein Quantensprung für die in Luxemburg lebenden Menschen mit Hörschädigung, die seit Jahrzehnten um die gesetzliche Verankerung der deutschen Gebärdensprache (DGS) als eigenständige Sprache kämpfen.

Schätzungen zufolge leben in Luxemburg etwa 250 bis 300 Gehörlose. Daneben tragen rund 12.000 Menschen ein Hörgerät, mit steigender Tendenz. Zunehmende Verbreitung finden auch sogenannte Cochlear-Implantate (CI). Eine unbekannte, jedoch mutmaßlich hohe Zahl von Menschen ist hörgeschädigt, ohne jedoch technische Hilfsmittel zu nutzen.

„Wir haben mehr als 25 Jahre gewartet, und das ist genug! Die Gebärdensprache muss jetzt anerkannt werden“, verlangt der von Geburt an gehörlose Fabio Giusti, Vize-Präsident des Gehörlosenverbandes Daaflux und Sekretär des Behindertenrechtsvereins Nëmme Mat Eis. Bereits im Jahr 1988 hatte das Europäische Parlament gefordert, dass die jeweilige nationale Gebärdensprache als vollwertige Sprache in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft anerkannt werden soll. In einigen EU-Staaten ist dies längst geschehen, wie etwa in Österreich, wo sie seit 2005 offiziell in der Verfassung verankert ist. Auch in Luxemburg fordert die Gehörlosengemeinschaft ihr Recht auf Informationszugang in ihrer Muttersprache, der deutschen Gebärdensprache, ein.

Noch sind es kleine, doch wohlwollende Trippelschritte einer Regierung, die sich Barrierefreiheit und Inklusion ganz groß auf die Fahnen schreibt.

Fast jeden Tag erlebt Fabio Giusti Situationen, in denen er sich ausgeschlossen fühlt, weil er sich nicht verständigen kann. Nicht nur beim Unterhaltungsprogramm hat Giusti keine Wahl. Ob analog oder digital, noch immer sind die wenigsten Programme im Fernsehen untertitelt. Meistens greift er deshalb auf einen DVD-Film mit Untertiteln zurück, um sich zu entspannen. Ein Film ohne Untertitelung ist für Gehörlose „wie ein Buch ohne Text“, so Giusti. Nicht selten schreibt er in Luxemburg Behörden auf Deutsch an und bekommt eine Antwort auf Französisch oder Luxemburgisch. Im Krankenhaus oder beim Arzt wird er regelmäßig nach seiner Telefonnummer gefragt und oft wird er angerufen, obwohl er zuvor erklärt hat, dass man ihm doch besser eine SMS schreiben solle.

Auch der Einkauf in Geschäften ist für ihn regelmäßig eine Hürde. Selbst wenn er erkläre, dass er gehörlos sei, und dann nachfrage, ob jemand Deutsch spreche, stoße er meist auf Unverständnis. „Hier gibt es noch keine Selbstverständlichkeit, mit Gehörlosen umzugehen“, meint Giusti, der sich bewusst ist, dass die Situation in Luxemburg durch die Dreisprachigkeit und einen großen Anteil von AusländerInnen, die nur Französisch sprechen, besonders schwierig ist. Denn die für gewöhnlich so gepriesene Vielsprachigkeit legt Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung zusätzliche Steine in den Weg, bei Behördengängen werden sie oft regelrecht bloßgestellt. Eine barrierefreie Gesellschaft, insbesondere für gehörlose Menschen, erscheint so auch in Luxemburg noch immer als Utopie.

Hierzulande lernen Menschen mit einer Hörschädigung in der Regel am Centre de Logopédie die deutsche Gebärdensprache, während Französisch die offizielle Amtssprache in Luxemburg ist, und in ihr folglich die meisten Dokumente verfasst sind. „So entsteht eine persönliche Konfrontation der deutschsprachigen Gehörlosen mit den französischsprachigen Schriftdokumenten“, fasst es Jacques Bruch zusammen, Präsident der „Solidarität mit Hörgeschädigten“ a.s.b.l, dem Dachverband der Luxemburger Gehörlosenorganisationen. „Weitere Sprachen neben der Deutschen Gebärdensprache werden nicht oder nur sporadisch erlernt“, erläutert Bruch. Nur eine kleine Minderheit innerhalb der Minderheit beherrsche mehrere Sprachen, weil deren Mitglieder die Möglichkeit hatten, weiterführende Schulen oder Hochschulen zu besuchen.

Die nationalen Gebärdensprachen sind eigenständige Sprachen, deren Kultur Gehörlose untereinander pflegen und weiterentwickeln.

Und doch ist Luxemburg seit der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention (BRK) 2011 bei der Einlösung ihrer Kernforderungen ein kleines Stück weiter gekommen. Das in Artikel 9 festgeschriebene Prinzip der „Accessibility“ und Artikel 21, der das Recht auf gleichberechtigte freie Meinungsäußerung, Meinungsfreiheit und Zugang zu Informationen gewährleisten soll, haben konkrete Folgen. Die Übertragung der Chamber-Debatte am 13. Juli 2011 feierte der Gehörlosenverein Daaflux als historische Zäsur. Erstmals konnten Gehörlose dank einer Gebärdensprachdolmetschung einer politischen Debatte folgen, die unmittelbar ihre Belange betraf. Seit Mai 2012 werden auch die Gemeinderatssitzungen der Stadt Luxemburg regelmäßig in Gebärdensprache übersetzt und es werden Gebärdensprachkurse für Angehörige von Gehörlosen als Integrationsmaßnahme angeboten. Premier Bettel kündigte zudem vor ein paar Tagen an, dass künftig auch die Pressebriefings übersetzt würden. Noch sind es kleine, doch wohlwollende Trippelschritte einer Regierung, die sich Barrierefreiheit und Inklusion ganz groß auf die Fahnen schreibt.

Guter Wille, die öffentliche Kommunikation für Gehörlose zu öffnen, ist erkennbar – doch mangelt es an allen Ecken an geschultem Personal. Denn mit Lynn Menster gibt es derzeit nur eine einzige ausgebildete Luxemburger Gebärdensprachdolmetscherin, die damit auch die drei Sprachen und die deutsche Gebärdensprache (DGS) beherrscht. Doch da Gebärdensprachdolmetscher maximal zwei Stunden am Stück dolmetschen können, muss derzeit in der Regel Unterstützung aus Trier angefragt werden. „Eine Gemeinderatsitzung integral allein zu übersetzen, ist schlicht unmöglich“, bestätigt die Leiterin des Ausschusses für spezifische Bedürfnisse Madeleine Kayser. Die Zahl der Hörenden, die in Luxemburg die deutsche Gebärdensprache beherrschen, ist gering. Zwei gehörlose Frauen geben in der Gemeinde Luxemburg Gebärdensprach-Kurse. Daneben bietet die Dienststelle der Hörgeschädigten-Beratung in Düdelingen neben der Vermittlung von Dolmetschern auch Kurse an. Einige TeilnehmerInnen dieser Kurse haben sich mittlerweile in die Gebärdensprache eingearbeitet und beherrschen sie zumindest elementar. „Um ernsthaft die Gebärdensprache zu beherrschen, ist jedoch ein Kontakt mit der Welt der Gehörlosen notwendig“, meint Jacques Bruch. Im deutschsprachigen Raum sei das Studienangebot mittlerweile groß, in Luxemburg selbst ist es hingegen bislang nicht vorhanden. Graz, Idstein bei Limburg und Berlin seien die bevorzugten Studienorte der luxemburgischen Studierenden.

Hörgeschädigte müssen sich hierzulande auch bei Terminen auf Ämtern oder bei Ärzten in Geduld üben. Eine spontane Planung ist für sie selten drin. Denn zuerst muss ein Gebärdensprachdolmetscher bei der Dienststelle der Hörgeschädigten-Beratung des Tägervereins „Solidarität mit Hörgeschädigten“ in Düdelingen angefragt werden. Wie viel Zeit dann bis zum Dolmetschereinsatz verstreicht, hängt vom Termin des Antragsstellers und von der aktuellen Auftragslage ab. „Gehen zu viele Aufträge ein, können die Termine sich überschneiden, sodass es teilweise zu Absagen des Dolmetschereinsatzes für einen Teil der Antragssteller kommen kann“, erläutert Bruch. Auch Fabio Giusti beklagt den Mangel an Flexibilität. Um in Luxemburg einen Dolmetscher zur Verfügung gestellt zu bekommen, müsse man diesen mindestens eine Woche im Voraus anfragen. Ohne lange Vorplanung geht da nichts.

Die Fortschritte in der Hauptstadt zeugen davon, dass in Luxemburg ein Bewusstsein von diesen Einschränkungen langsam in der Mitte der Gesellschaft anzukommen scheint.

Als Alternative zum aufwändigen Prozedere, langen Anfrage- und Wartezeiten sieht sich der Dolmetscher-Onlinedienst „verba voice“, ein Münchner Unternehmen, das auf einer Veranstaltung am 20. Januar in den Räumlichkeiten von info-handicap offensiv sein Angebot bewarb. Der Online-Dienst verfügt über ca. 200 Dolmetscher weltweit und bietet an, sich übers Internet einen Dolmetscher zu buchen und dazu zu schalten. Schrift und Gebärde(n) sind über das Desktop zu sehen. Zwischen 62,50 und 105 Euro pro Stunde kostet der Service des Online-Dienstes, der damit wirbt, dass er auch mit geringer Bandbreite abgerufen und angeblich schon von fünfjährigen Kindern genutzt werden kann und dessen Support zudem 24 Stunden besetzt ist.

Zu den prestigiösen Partnern und Kunden von „verba voice“ zählen die deutsche Telekom, Siemens oder BMW. Das „soziale“ Unternehmen wird in Deutschland mittlerweile regelmäßig von Großkunden gebucht. Von 22. bis 24. Januar überträgt es etwa die Debatte des Niedersächsischen Landtags in Gebärdensprache. Noch am selben Tag der Veranstaltung bei info-handicap hatte „verba voice“ Gespräche mit RTL Luxemburg geführt, um die Möglichkeiten einer künftig barrierefreien Übertragung der Parlamentsdebatten auszuloten. Nach Aussage von Regierungsvertretern ist dies ein dezidiertes Anliegen des Premiers, das jedoch in Luxemburg relativ schwer umsetzbar sein dürfte, denn die wenigsten der deutschen GebärdensprachdolmetscherInnen verstehen Luxemburgisch. Und selbst bei einer Fachübersetzung vom luxemburgischen Deutsch in die deutsche Gebärdensprache dürften regionale Spezifika unter den Tisch fallen. So scheint kein Weg daran vorbeizuführen, weitere Gebärdensprachdolmetscher in Luxemburg auszubilden.

Ob jedoch die Dienste kommerzieller Unternehmen wie „verba voice“ – so praktisch diese auch sein mögen – uneingeschränkt zum Wohle von Gehörlosen wirken, oder ob sie im Gegenteil noch weiter in eine soziale Isolierung führen, wenn künftig jedwede Planung von Aktivitäten anonym und pragmatisch über eine App getätigt werden kann, sollte zumindest diskutiert werden. In jedem Fall handelt es sich um einen Ansatz aus der Perspektive der Hörenden, mittels dem man Hörgeschädigten Zugang zur „normalen“ Welt der Hörenden verschaffen will. Die nationalen Gebärdensprachen sind jedoch eigenständige Sprachen, deren Kultur Gehörlose untereinander pflegen und weiterentwickeln. Mitunter bis zu dem Grad, dass viele gehörlose Kinder oder Eltern sich schon früh bewusst gegen den Einsatz eines Cochlear Implantats entscheiden, das ein „elektronisches Hören“ ermöglicht, und sich stolz zu ihrer Gehörlosigkeit bekennen. Eine Haltung, die aus der pragmatischen Denkweise Hörender, für die Gebärdensprache oft aus nicht viel mehr besteht als ein paar Handzeichen, oft schwer nachvollziehbar ist. Positive Diskriminierung oder ein kohärentes Anliegen einer Minderheit, die zu ihrer Sprache und Kultur steht? Könnte wirkliche Inklusion künftig nicht auch darin bestehen, dass Hörende sich zumindest elementare Kenntnisse der Gebärdensprache aneignen?

In den USA oder Kanada seien die Leute es eher gewohnt, mit Hörgeschädigten zu kommunizieren. Jeder Fünfte könne die Gebärdensprache.

Gerade in Luxemburg hilft Hörgeschädigten das Lippenlesen der deutschen Sprache nur bedingt weiter. „Bei der Dreisprachigkeit in Luxemburg ist es schwierig, weil man hier in der Stadt alle möglichen Sprachen hat, und wenn man dann von den Lippen ablesen möchte, geht das hauptsächlich im Deutschen“, erklärt die Leiterin des partizipativen Ausschusses Madeleine Kayser, die bestätigt, dass die von der Stadt Luxemburg organisierten Gebärdensprachkurse einen regen Zulauf haben. In den Kursen finden sich Menschen quer durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen. Es seien Leute, die in ihrer Familie oder ihrem sozialen Umfeld mit gehörlosen Menschen zu tun hätten. Einige kommen auf ihrer Arbeit mit Gehörlosen in Berührung, zum Teil könnten die Interessierten bereits die französische oder englische Gebärdensprache, erzählt Kayser. Eine Anstrengung von Hörenden, die sich in Luxemburg sicher auszahlt und gerade von Gehörlosen wertgeschätzt werden dürfte: „Wir Gehörlosen wären so glücklich, wenn die Hörenden ein bisschen die Gebärdensprache könnten oder wenn sie wüssten, wie sie mit uns Gehörlosen besser kommunizieren: in Deutsch, deutlich reden mit klarem Mundbild …“, erklärt Fabio Giusti.

Die Fortschritte in der Hauptstadt zeugen davon, dass in Luxemburg ein Bewusstsein von diesen Einschränkungen langsam in der Mitte der Gesellschaft anzukommen scheint. Gleichwohl gingen die Menschen in anderen Ländern der Welt sensibler mit Gehörlosen um und seien besser informiert, meint Fabio Giusti. In den USA oder Kanada seien die Leute es eher gewohnt, mit Hörgeschädigten zu kommunizieren. Jeder Fünfte könne die Gebärdensprache. Und selbst wenn es über Gebärden oder Lippenlesen nicht klappt, holten sie Papier und Stift und die Kommunikation funktioniere gut übers Schreiben.

Doch von vielen Bereichen des öffentlichen Lebens bleiben Gehörlose nach wie vor ausgeschlossen. Es fehlt an Untertiteln oder einer Übersetzung. „Wir wollen mehr Gebärdensprachdolmetscher, nicht nur beim Arzt, sondern auch beim Fernsehen, bei Veranstaltungen, bei Nachrichten und Parlamentssitzungen“, fordert Giusti. Aktuelle Informationen müssen Gehörlose hierzulande meist noch immer extra im Internet nachlesen.

Gerade Luxemburgern müsste angesichts der Debatte um den Status des Luxemburgischen die Aufwertung der Gebärdensprache durch deren gesetzliche Anerkennung einleuchten. Allerdings würde in deren Folge das strukturelle Problem noch stärker zum Vorschein kommen, wenn bei allen öffentlichen Veranstaltungen eine Gebärdensprachdolmetschung verpflichtend wäre. Noch scheitert eine umfassende barrierefreie Kommunikation somit an der Realität. Will die Regierung tatsächlich Barrierefreiheit erreichen, müsste ein umfassendes Maßnahmenpaket folgen. Neben der Ausbildung von Luxemburgern zu Dolmetschern bräuchte es Schulungskurse für die Verwaltung, damit in jeder Behörde mindestens ein Beamter die Gebärdensprache beherrscht. Man solle sich einfach mal vorstellen, wie man sich als Hörender in einer Gruppe von gebärdenden Gehörlosen fühlen würde, meint Fabio Giusti.


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