THEATER: Der Preis der Ehre

Nachdem das Theaterkollektiv Maskénada bereits 2012 mit seiner ungewöhnlichen „Anatol“-Inszenierung gezeigt hat, wie Arthur Schnitzlers Werk originell in Szene gesetzt werden kann, bringt es nun mit „Fräulein Else & Leutnant Gustl“ eine spannende Umsetzung zweier der bekanntesten inneren Monologe der Literaturgeschichte.

Schnitzlers Protagonisten sind Menschen der besseren Gesellschaft, die sich vor Entscheidungen gestellt sehen, in denen Ehre und Moral drastische Verhaltensweisen diktieren. In diesem Sinne sind Fräulein Else und Leutnant Gustl Geschwister im Geiste, was die Aufführung dieser beider Texte an einem einzigen Theaterabend plausibel macht.

Fräulein Else findet sich in die Lage gebracht, dass sie ihre eigene Ehre riskieren muss, um die ihres Vaters zu retten. Der angesehene Rechtsanwalt hat Mündelgelder verspielt, und nun soll die junge Tochter den reichen Dorsday um Geld bitten. Doch dieser wird nur helfen, wenn Else sich ihm
15 Minuten lang nackt zeigt. Soll sie ihre Scham überwinden und ihre Ehre beschädigen, oder soll sie den Vater im Stich lassen? Else findet den richtigen Weg.

Larisa Faber als Fräulein Else gelingt es überzeugend, zugleich das jugendlich-naive, wie auch das Kokette der Rolle wiederzugeben. Begleitet von Gianfranco Celestino am Klavier, weiß sie dem Abend auch eine sinnliche Note zu geben. Ihre Else ist lebenslustig, sympathisch, aber auch todessehnsüchtig, zynisch – und verführerisch. Die Vorstellung findet in der Lobby eines Hotels statt, und die Schauspielerin bewegt sich inmitten des Publikums und interagiert mit ihm, eine stets etwas heikle Aufgabe, die Faber aber gekonnt unaufdringlich meistert.

Der zweite Teil des Abends gehört Leutnant Gustl, Offizier der k.u.k.-Armee, Liebling der Damen, leidenschaftlicher Verteidiger der Ehre seines Korps. Am Vorabend eines Duells gerät der etwas großmäulige Offizier in eine ehrenrührige Situation, die ihm scheinbar keinen anderen Ausweg lässt, als sich am folgenden Morgen zu erschießen. In der Prosavorlage treibt es den aufgewühlten jungen Mann ziellos durch das nächtliche Wien, in der Adaptation von Maskénada führt uns Max Thommes als Leutnant Gustl durch die Luxemburger Altstadt, immer wieder innehaltend, um dem Publikum seine ihn peinigenden Gedanken mitzuteilen.

Thommes wird dem impulsiven Charakter des Heißsporns Gustl voll gerecht. Es gelingt ihm sehr gut, auch die durchaus sympathische Seite des Offiziers wiederzugeben, des „dummen Bub“, der gefangen ist zwischen soldatischem Ehrenkodex und dem Willen zu leben.

Zu beiden Teilen des Theaterabends ist zu sagen, dass diese Form der Darbietung den Geschichten eine vielleicht unerwartete Leichtigkeit verleiht – allein durch die unfreiwilligen komischen Momente, die eine Aufführung mit soviel Publikumsnähe mit sich bringt. Allerdings ist es schwieriger, Spannung aufzubauen, da auch der Spielfluss immer wieder unterbrochen wird. Andererseits kann es gerade deshalb vielversprechend sein, die ominöse vierte Wand einmal einzureißen. Indem gängige Theaterkonventionen gebrochen werden, wird das Publikum in eine ungewohnte Haltung gezwungen, und es öffnen sich Möglichkeiten für ungeplante Improvisationen. Möglichkeiten, die die talentierten DarstellerInnen an diesem Abend eindrucksvoll zu nutzen wussten.

„Fräulein Else & Leutnant Gustl“ in einer Inszenierung von Marion Rothhaar.
Alle Vorstellungen sind ausverkauft, eine Verlängerung im August und / oder September ist in Planung.
Weitere Infos: www.maskenada.lu


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