ENERGIE-SICHERHEIT: Hin zu mehr Unabhängigkeit

von | 01.08.2014

Energie sparen statt importieren: Dies wird umso attraktiver, je mehr sich die Krise mit Russland zuspitzt. Die Europäische Union hat jedoch bislang in ihren Bestrebungen, unabhängiger von Gas- und Ölimporten zu werden, die Handbremse nicht gelöst.

Bereitet sich im Training fĂĽr jede Position vor: GĂĽnther Oettinger bei der Internationalen Automobil Ausstellung 2011 (FOTO: WIKIMEDIA)

„Ich darf Ihnen sagen, dass dieses Ziel maĂźvoll, aber auch sehr ehrgeizig ist.“ Erst nach einer längeren Einleitung und mit zweistĂĽndiger Verspätung verkĂĽndete GĂĽnther Oettinger vergangene Woche im Pressesaal der BrĂĽsseler Kommission, auf welches Energie-Einsparziel bis zum Jahr 2030 sich die 28 EU-Kommissare nach zähem Ringen verständigt hatten: Er freue darĂĽber, dass man sich „einvernehmlich auf 30 Prozent bis 2030 geeinigt“ habe, sagte der fĂĽr Energie zuständige Kommissar und so mancher der trotz anbrechender Sommerpause zahlreich erschienenen Journalisten fragte sich, ob das wohl stimmte.

Zuvor hatten die Kommissare im Kabinett um Prozentpunkte gefeilscht. Kommissionschef Barroso, der einige Wochen zuvor ein Effizienz-Ziel von 25 Prozent vorgeschlagen hatte, soll bis zuletzt auf der Zahl 27 beharrt haben. Auf welcher Seite sich Oettinger befand, ist nicht ganz klar.

Nach dem Ziel fĂĽr die Reduktion von Kohlendioxid (40 Prozent) und jenem fĂĽr den anzustrebenden Anteil an Erneuerbaren Energien (27 Prozent) ist dies das dritte Ziel, das die Kommission im Rahmen ihres Klimapakets fĂĽr 2030 vorstellte. Oettingers AnkĂĽndigung an diesem Tag fiel indessen nicht gerade kampflustig aus. „Die Wahrheit ist konkret“, stellte der Schwabe fest und griff bereits den zu erwartenden Einwänden vor: „Wenn wir heute Vorgaben fĂĽr Staubsauger, Kaffeemaschinen oder KĂĽhlschränke machen, dann ist mit Widerstand zu rechnen.“ Energieeffizienz sei ohne „Ecodesign“ undenkbar. Die geplante Effizienzsteigerung werde „Milliarden Euro Investitionen in Bestandsgebäude notwendig machen“. Auch die Ă„uĂźerungen in Bezug auf den Europäischen Rat fallen eher kleinlaut aus: Die Kommission bemĂĽhe sich, alles so vorzubereiten, dass eine Einstimmigkeit im Rat möglichst wahrscheinlich werde.

Oettingers vorauseilender Gehorsam

Doch im Gremium der Staats- und Regierungschefs wehren sich vor allem osteuropäische Länder und GroĂźbritannien gegen konkrete Energie-Sparziele. Dieser Widerstand hatte den Kommissionspräsidenten dazu verleitet, sich fĂĽr ein möglichst niedriges Ziel einzusetzen. „Ich verstehe Barrosos Position nicht“, hatte dazu der Europa-Abgeordnete Peter Liese Anfang Juli gesagt. Der deutsche CDU-Politiker hatte die Presse eingeladen, um noch einmal den Standpunkt des Parlaments darzulegen: „Wir fordern weiterhin ein Effizienz-Ziel von 40 Prozent“, so Liese. In einem Brief an die Kommission wies er zusammen mit dem umweltpolitischen Koordinator der SPD im Europaparlament darauf hin, dass der Beschluss des Parlaments sich auf eine Studie des Fraunhofer-Instituts bezieht. Letztere belege, dass dieses Ziel sowohl machbar als auch kosteneffizient sei. Zwei Wochen später versucht sich Liese darin, dem nun vorgestellten Plan der Kommission dennoch etwas abzugewinnen. „Man kann sich immer streiten, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist“, so sein Kommentar. „30 Prozent ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Das sieht der energiepolitische Sprecher der europäischen GrĂĽnen, Claude Turmes, etwas anders: „Ein schwaches Effizienz-Ziel bedeutet, dass wir abhängig bleiben“, sagte der Luxemburger GrĂĽne, „Es geht nicht nur um Russland“, so Turmes und weist auf die fĂĽr den Erdölexport zentralen Krisengebiete Irak und Libyen hin. Mit der Vorgabe der Kommission sei es nun schwieriger denn je, ĂĽber dieses Ziel hinauszugehen, so Turmes. Wie Liese setzt auch Turmes viel Hoffnung in den neuen Kommissionspräsidenten.

Hoffnungsträger Jean-Claude Juncker

Dieser hatte sich in seiner Bewerbungsrede im Europaparlament dafĂĽr ausgesprochen, dass die Europäische Union „zur Nummer eins in Erneuerbaren Energien“ wird und auch konkret fĂĽr ein Effizienz-Ziel von 30 Prozent plädiert. Im Kampf um möglichst viele Stimmen aus der Fraktion der GrĂĽnen hatte Juncker das Wort „verpflichtend“ zu seiner Zielvorgabe hinzugefĂĽgt. Eine solche Verpflichtung wollte die Kommission allerdings nicht in ihren Text integrieren. In der besonders heiklen Frage der Verbindlichkeit der Ziele gibt sie vielmehr den Ball gleich an die Staats- und Regierungschefs weiter. Man werde diesbezĂĽglich ein Feedback des Rates im Herbst abwarten und danach ein Modell ausarbeiten, wie die einzelnen Länder das 30-Prozent-Ziel erreichen sollen, kĂĽndigte GĂĽnther Oettinger in BrĂĽssel an.

Er sei mit dem Ergebnis zufrieden, betonte er zudem und kĂĽndigte an, Europa werde seinen Importbedarf durch die Effizienzsteigerung „nennenswert“ senken. Claude Turmes jedoch beharrt wie viele Umweltschutzorganisationen auf einem Ziel von 40 Prozent. „Dies wĂĽrde die Gasimporte so dramatisch senken, dass wir vollkommen auf Lieferungen aus Russland verzichten könnten“, stellte Turmes klar. Zudem wĂĽrde ein höheres Effizienz-Ziel es auch erlauben, bei den CO2-Emissionen ĂĽber das Reduktionsziel von 40 Prozent hinauszugehen. „Wir haben mit Genugtuung festgestellt, dass eine Impaktstudie der Kommission zu demselben Schluss kommt“, fĂĽgte Turmes hinzu.

Wieso also tritt BrĂĽssel derart zurĂĽckhaltend auf? Dem scheidenden Kommissionspräsidenten Barroso wird hier eine tragende und industrienahe Rolle nachgesagt. GĂĽnther Oettinger teile Barrosos Position nicht, betonte Oettingers Parteikollege Peter Liese. Er habe das GefĂĽhl, dass der Energiekommissar „ganz klar auf unserer Seite steht“. Oettinger habe stets fĂĽr mehr Energie-Effizienz gekämpft.

Claude Turmes ist auch hier anderer Meinung. Die Bilanz des scheidenden Energie-Kommissars falle sowohl in Bezug auf Effizienz als auch auf Erneuerbare Energien nicht gerade positiv aus. Und es sei nun interessant zu sehen, wie sich das Duo Juncker-Oettinger kĂĽnftig in dieser Frage positioniere, so Turmes. Doch die Frage, ob der deutsche CDU’ler in der kĂĽnftigen Kommission weiterhin das Ressort Energie in BrĂĽssel ĂĽbernehmen wird, ist noch nicht geklärt. Er könne diesbezĂĽglich „mit allem leben“, gab Oettinger zu Protokoll und wagte einen kaum haltbaren Vergleich mit dem FuĂźballspielen: Kein TorhĂĽter sei gut beraten, nur im Tor spielen zu wollen, so Oettinger: „Man muss bereit sein, sich im Training fĂĽr jede Position vorzubereiten. Hauptsache, man ist bei der Elfer Mannschaft dabei“. Zwar versuchte sich der TorhĂĽter des FuĂźballweltmeisters, Manuel Neuer, gerne auch mal als Feldspieler, dennoch dĂĽrfte die Aussage zumindest im ProfifuĂźball als problematisch gelten. Zudem wĂĽrde sich wohl weder Oettinger noch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel mit einem weniger gewichtigen Portfolio wie etwa dem des Kommissars fĂĽr Entwicklungshilfe oder Forschung zufriedengeben.

Dat kéint Iech och interesséieren

THEMATRANSPORT

Transports publics : Le TICE sur une route sinueuse

Les problèmes de personnel au TICE sont un serpent de mer. Un piquet de protestation organisé en septembre 2025 devait ouvrir un débat sur les conditions de travail au sein du réseau de bus du sud du pays. Mais la direction joue la montre, alors que le TICE changera de statut en 2027. L’État fera alors son entrée dans la structure, mais pour l’instant il ne dévoile rien de ses intentions, ajoutant au flou ambiant.

EUROPATHEMA

Élection présidentielle française : Une culpabilité sans trop de peine

Coupable de détournements de fonds publics mais éligible, Marine Le Pen sera candidate à l’élection présidentielle française de 2027. L’arrêt rendu ce 7 juillet par la cour d’appel de Paris dans l’affaire dite « des faux assistants parlementaires européens du RN » permet à la dirigeante d’extrême droite de se présenter.