PUNK: Triumph des Obszönen

Mitten im Sommerloch lädt das Trierer Ex-Haus zum Pogen ein – und zwar mit „Die Kassierer“, der wahrscheinlich letzten real existierenden Punk-Band Deutschlands.

Pseudo-Vollproll in „Denkerpose“ – „Die Kassierer“-Frontmann Wolfgang „Wölli“ Wendland kann sich durchaus auch ernsten Themen zuwenden.

Das hatten sich Joko und Klaas, die beiden Knall- und Trantüten eines großen deutschen Privatsenders, sicher anders vorgestellt. Obwohl die beiden in ihrer Fernsehkarriere schon die eine oder andere Ekelgrenze erreicht oder überschritten haben, konnten sie mit den Kassierern nicht mithalten.

Eigentlich war die Punkband aus Bochum-Wattenscheid im Ruhrgebiet nur als Gimmick in die Sendung eingeladen, um ihren Song „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“. Dass sie nackt auftreten würden, war wohl bekannt, aber dass es so alkoholisiert und obszön ablaufen würde, dass eine sehr bekannte Popsängerin Reißaus nahm – damit konnten wohl nur Menschen rechnen, die „Die Kassierer“ kennen, und das sind die wenigsten.Obwohl sie offenbar auch jenseits der Punkszene gute Bekannte haben. Denn „Die Kassierer“ sind seit ihrer Gründung im Jahre 1985 Dauer-Prüfobjekt der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ – landeten aber, wohl dank der sehr klar markierten Satire, nie auf dem Index. Und Satire darf schließlich alles, auch die Grenzen des schlechten Geschmacks ausloten. Trotz alledem: „Die Kassierer“ als reine Fun-Punk-Band abzutun, wäre grundfalsch, denn die Jungs haben viel mehr auf dem Kasten. So ist ihre allererste LP mit dem Titel „Sanfte Strukturen“ viel eher dem Kleinkunst-Rock der 1980er Jahre zuzurechnen als dem Punk.

Erst bei den darauffolgenden Alben – „Der heilige Geist greift an“ und „Habe Brille“ – wurde die Band musikalisch einfacher und textlich extremer. 1997 überraschten sie die Musikwelt mit dem Album „Taubenvergiften“, auf dem sie ausschließlich Lieder des österreichischen Chansonniers und Dichters der unvergesslichen „Everblacks“, Georg Kreisler, interpretierten.

Auch politisch engagieren sich „Die Kassierer“, allen voran der Sänger Wolfgang „Wölli“ Wendland. 2005 war er Kanzlerkandidat der „Anarchistischen Pogo-Partei Deutschland“ (APPD) und schockte die Nation mit ziemlich grenzwertigen Wahlkampf-clips, zu denen seine Band gleich den Soundtrack lieferte.

Nach der Auflösung der APPD kandidierte er 2009 als parteiloser Kandidat für „Die Linke“ und gewann einen Sitz in der Bezirksvertretung Bochum-Wattenscheid. Auch als Filmemacher hat sich Wendland einen Namen gemacht. Sein Hauptthema: Bochum – wo er sich nebenbei für die Errichtung von Kulturzentren einsetzt. Und auch die übrigen Bandmitglieder sind, in klarem Kontrast zu dem forcierten Asozialen-Image, alle studiert und berufstätig. Dies macht das Subversive von Klassikern wie „Besoffen sein“ oder „Du willst mich fisten“ nicht unbedingt zunichte – es verstärkt eher den satirischen Charakter der Texte, die jeden Gutmensch der sich zu ernst nimmt, als Spießer entlarvt.

Auch musikalisch haben „Die Kassierer“ viel mehr zu bieten als 08/15-Drei-Akkorde-Punk. Öfters wagen sie sich ins Chanson-, Elektro- und sogar Volksmusikgenre. Ihr Schlagzeuger Volker Kampfgarten zum Beispiel verdient sich mit Nebenauftritten bei den Ensembles „Stringtett“ und „Douce Ambiance“ als Zigeunerjazz-Gitarrist ein Zubrot.

Man sieht: Extremste Provokation und enthemmte Performances stehen einer langlebigen Karriere durchaus nicht im Wege. Auch wenn die Alben der Band etwas spärlich gesät sind – bloß sieben in fast 30 Jahren. Wer also noch nicht im Urlaub ist und Abwechslung sucht, der sollte sich am Samstag auf den Weg nach Trier machen.

Kurz nach Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht, dass das „Die Kassierer“-Konzert vom 16. August aus organisatorischen Gründen abgesagt wurde. Da noch kein Nachholtermin bekannt gegeben wurde, können bereits erworbene Tickets bei den jeweiligen Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden.


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