THEATER: Der Wert von zweieinhalb iPhones

In der neuen Maskénada-Produktion geht es um Menschenhandel in Westeuropa. Ein schwieriges Thema, das erstaunlich leicht vermittelt wird, ohne in Banalität abzugleiten. Zwei starke Frauen tragen das Stück.

Teilen dasselbe Schicksal: Gloria (Jacqueline Acheampong) und
Dijana (Larisa Faber).

Oben der Glanz von Luxemburg-City, unten die Armut. Wir befinden uns in der Fußgängerunterführung des Hamilius. Tagsüber eilen hier emsig Geschäftsleute durch den Schacht, am Abend sammeln sich die Mittellosen – die, die keiner sehen will und die es doch in Luxemburg gibt: Obdachlose, Roma-Familien, Fixer und Prostituierte. Ein verwaister Asia-Shop in der Mitte der Unterführung bildet die Kulisse für die neue Produktion des Maskénada-Kollektivs, das seine Stücke immer an unkonventionellen Orten spielt. Letztes Mal in einem Hotel, diesmal in dem ehemaligen Asia-Shop, der mit seinen weißen Fliesen leergefegt und kalt wirkt. Leere erscheint als Leitmotiv. In den undichten Räumen des Shops eine alte Kühltheke, ein hellblaues Plastik-Sofa und als ständiges Hintergrundgeräusch lautes Gegröle. Doppelter Realismus, will man meinen. Das Stück mit dem Titel „I Felt Empty When the Heart Went at First But it is Alright Now“ dreht sich um „Sans-Papier“-Migrantinnen, die Opfer von Menschenhandel werden. Kaum ein Ort könnte also besser passen als dieser. Zu Beginn singt Jacqueline Acheampong Portisheads „Glory Box“ (Give me a reason to love you …), und die Besucher folgen ihr aus dem Schacht in den alten Shop. Larisa Faber als „Dijana“ tritt in freizügig-schrillem Outfit auf und lässt lakonisch 21 benutzte Kondome aus einem Mülleimer purzeln. Die Kalkulation ist schnell an die Scheiben der Kühltheke gepinselt. Der Deal ist klar, und die Aussicht auf ein baldiges Ende hält sie am Leben: wenn sie genug Geld verdient, wird sie aufhören, als Prostituierte zu arbeiten. Der nächste Klient, Nummer 22, wird ganz sicher der letzte sein.

Faber zieht in der Rolle der Dijana das Publikum in ihren Bann. Sie schafft es, ordinär und zerbrechlich zugleich zu wirken, flirtet hemmungslos mit dem Publikum, bewegt sich lasziv wie eine Katze und baut unentwegt Luftschlösser. Schnell wird klar, dass Dijana vor ihrer Realität wegläuft. „Ich weiß genau, wieviel ich wert bin: 1000 Euro oder zweieinhalb iPhones“, gibt sie in einfachem Englisch mit osteuropäischem Akzent zu verstehen. Nur selten blitzt in dem Monolog ihre Verletzlichkeit auf und doch transportiert die sich Stück für Stück.

Schließlich landet sie im Gefängnis und trifft dort auf die Nigerianerin Gloria, die ebenfalls keine Aufenthaltsgenehmigung hat. Die Annäherung der beiden gleicht der zweier verletzter Tiere. Echte Freundschaft scheitert daran, dass sie beide voller Misstrauen sind. So wird Dijana hartnäckig darauf bestehen, ein Tic-Tac-Minzbonbon zu bezahlen. Alles hat in dieser Welt seinen Wert. Mit Güte weiß sie nicht umzugehen.

Gewalt an Frauen wird in dem Stück zum Glück nicht platt oder plakativ nachgestellt, sondern subtil vermittelt – am Beispiel zweier starker Frauen, die ihrer Realität täglich durch Träume entfliehen. Damit zeichnet Regisseur Rafael Kohn keine stereotypen Opfer, sondern bewusst starke Frauen, die versuchen, ihren Alltag mit Humor zu bewältigen. Schon ein paar Monate später wird die schwangere Dijana sich zuversichtlich in Ekstase tanzen. Mit Staubsauger und Raumduft-Spray bepackt, träumt sie vom gemeinsamen Urlaub mit Babac, ihrem Zuhälter. Überdreht versprüht sie das Spray im Raum – der billige, penetrante Geruch wird den Zuschauern bis zum Schluss in der Nase hängenbleiben. Die 90 Minuten sind in Windeseile verflogen. Und am Ende geht einem noch einmal die Stimme von Gloria durch Mark und Bein, wenn sie „Rising Sun“ singt.

„Lucy Kirkwood’s Stück ist weder politisch korrekt, noch rückt es Frauen in die Opferrolle(n)“, so der Regisseur. Über zwei starke Frauencharaktere erschließe sich die Thematik. Kohns Absicht ist es, über die beiden Schauspielerinnen im Stück den betroffenen Frauen ihre Würde zurückzugeben – und eine Stimme. Keine Stimme könnte sich dafür besser eignen als die von Jacqueline Acheampong. Entstanden ist so kein simples Betroffenheitstheaterstück, sondern der gelungene Versuch, die Lebensrealität der Frauen einzufangen, die sich hier in Westeuropa als Prostituierte durchschlagen. Die Inszenierung von „It Felt Empty When the Heart Went at First But it is Alright Now“ bringt einen zum Schmunzeln und hinterlässt zugleich eine dumpfe Beklemmung, die nachwirkt.

Am 31.10. um 20h, 26.10. um 17h und am 1.,5.,6.,7. November um 20h und 9. November um 17h in der Fußgängerunterführung des Hamilius.


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