BÖSER ONLINE-HANDEL: Amazon kommt bald!

Bestellt haben wir bei Amazon, bei Amazon wird gestreikt. Geliefert wird zum Glück doch noch pünktlich – trotzdem eine Gelegenheit, über Nebeneffekte der Internet-Revolution nachzudenken.

Amazon verwandelt nicht nur die Art, wie wir Bücher aussuchen und sie lesen. Nicht zuletzt verändert er das weihnachtliche Schenken. Vorbei der Einkaufsstress in überfüllten Läden. Falls gewünscht, wird das Päckchen für die Schwiegereltern ihnen sogar nach Hause geliefert – der Höflichkeitsbesuch entfällt. Amazon, Geschenk des Himmels!

Doch im Himmel wird gestreikt. Genauer gesagt, in mehreren Versandzentren in Deutschland – wo auch der größte Teil der nach Luxemburg gelieferten Waren herkommen dürfte. Glaubt man den Klagen der Gewerkschaftler und den Undercover-Berichten, so sind dort die Verhältnisse alles andere als himmlisch: Überstunden, Nachtarbeit, Stress, Überwachung. Amazon dementiert solche Berichte und verweist auf Aussagen von „zufriedenen“ Mitarbeitern. Vermutlich dieselben, die vor Weihnachten mit Sonntagsarbeit und Zeitverträgen verhindern sollen, dass es zu Lieferverzögerungen durch die aktuellen Streiks kommt.

Kein Schnäppchen

Bei diesen Streiks geht es allerdings in erster Linie um das Lohnniveau. Verdi, die Hauptgewerkschaft im Dienstleistungssektor, fordert einen Tarifvertrag zu den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels. Amazon dagegen beansprucht, die Löhne freiwillig auf ein hohes Niveau angehoben zu haben – hoch im Verhältnis zu den Tarifen der Logistikbranche, der sich das Unternehmen selber zuordnet.

Wirtschaftsexperten betonen, dass
Amazon reguläre Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen in Deutschland geschaffen habe und sie nötigenfalls auch ins Ausland verlegen könnte. Und erinnern an die Lohnkämpfe bei Schlecker, an deren Ende Insolvenz und Arbeitsplatzverluste standen. Es stimmt: In Zeiten, in denen die Politik vor der Wirtschaft kapituliert hat, sind Logistik-Arbeitsplätze besser als gar keine. Aber: Unterm Strich werden die Arbeitsplätze, die Amazon im Einzelhandel durch den Verdrängungswettbewerb zerstört, durch schlechtere Jobs ersetzt.

Falsch ist allerdings, diese Entwicklung allein einem einzelnen Konzern in die Schuhe zu schieben. Neue Technologien wie das Internet schaffen eben neue Möglichkeiten und verändern unweigerlich das Wirtschaftsgefüge. Gewiss, dabei entstehen neue Probleme. Doch nicht jedes Übel ist so groß, wie es auf den ersten Blick scheint. So wird oft die Umweltbilanz der Päckchenlawine als Argument gegen den Onlinehandel vorgebracht. Zweifelhaft ist allerdings, ob die – von den Firmen aufwendig optimierten – Zulieferfahrten wirklich mehr Sprit verschlingen als die automobilen Raids der Einzelkunden durch Gewerbegebiete und Stadtzentren.

Problematischer ist, dass der Onlinehandel – kaum profitabler als sein Vorgänger, der Versandhandel – im Wettbewerb mit dem Einzelhandel den Kostendruck weitergibt, eben über Löhne und Arbeitsbedingungen. Aber auch, wie Luxleaks offengelegt hat, über Steueroptimierung. So führen die Marktmechanismen zu volkswirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich negativen Effekten.

Das ist es, was die Boykottaufrufer meinen, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger mahnen, die günstigen Online-Preise gingen auf Kosten der Amazon-Mitarbeiter und der Steuergerechtigkeit. Doch für viele KundInnen ist der Schnäppchen-Effekt weniger wichtig als die Bequemlichkeit des Online-Bestellens – sie wollen gar nicht zurück ins verlorene Paradies des „kleinen Ladens an der Ecke“. Abschreckend wirken da schon eher Warnungen vor der Monopolstellung des US-Konzerns. So könnte Amazons Übermacht beim E-Book-Handel dazu führen, dass gerade die Anhänger des technologischen Wandels sich irgendwann gegen die Firma wenden, weil diese den Profit über die Wahlfreiheit stellt. Und das agressive Vorgehen, mit dem Amazon Daten über seine Kunden sammelt, dürfte manchen Anhängern der Internet-Revolution das Stöbern im Web vergällen. Dann wird es so langsam Zeit für die öffentliche Hand, so wie sie einst Fußgängerzonen mit Nach-Hause-Lieferung geschaffen hat, auch einheitliche Online-Portale und Logistikdienste aufzubauen.


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