THEATER: Welcome to Paradise

von | 19.03.2015

In „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ bringen vier SchauspielerInnen das Thema „Migration“ im Kasemattentheater witzig und virtuos auf die BĂŒhne. Die Texte offenbaren den differenzierten Blick der AutorInnen.

Highlight des StĂŒcks: Leila Schaus als Cultural-Awareness-Trainerin.

Wenn irgendwo in Europa die Grenzen zwischen AuslĂ€ndern und Einheimischen fließend sind, dann in Luxemburg. Migration ging hier von ihren AnfĂ€ngen an mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes einher. Schon Ende des 19. Jahrhunderts kamen italienische Gastarbeiter nach Luxemburg, um in der Stahlindustrie zu arbeiten, im 20. Jahrhundert waren es die von der Salazar-Diktatur gebeutelten Portugiesen, die Arbeit im Bausektor suchten und fanden, und heute zieht der Finanzplatz wie ein Magnet Menschen aus aller Welt nach Luxemburg. Multi-Kulti ist in der Hauptstadt mit ihrem babylonischen Sprachengewirr lĂ€ngst RealitĂ€t – auch wenn die vermeintlichen „AuslĂ€nder“ dann doch meist unter sich bleiben. Doch wer hier AuslĂ€nder ist, wird immer durch den Blick der anderen entschieden. Oder wie es in „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ heißt: „Monsieur, on est toujours l’Ă©tranger de quelqu’un!“ Dieser Tatsache sind sich die neun Luxemburger AutorInnen, die eigens fĂŒr das StĂŒck thematische BeitrĂ€ge verfasst haben, freilich bewusst. Und dennoch bedienen sie sich zumeist der gelĂ€ufigen Stereotype, um den Unterschied zwischen „uns“ und den „anderen“ herauszuarbeiten, der sich vor allem in den sprachlichen Zuschreibungen widerspiegelt.

Guy Helminger hat so in „Et ass nach naĂŻscht verluer“ eine Unterhaltung zwischen zwei Fußballprolls entworfen. Die Vorurteile seiner Figuren Emil und Pitt fliegen einem um die Ohren wie FußbĂ€lle. „Wenn die Jugoslawen kommen, sind wir verloren“, heißt es da etwa. Afrikanische Spieler sind „schwarze Gazellen“, und nachdem Luxemburg zweimal in Folge gegen BalkanlĂ€nder verloren hat, lautete die Devise: „Serbien muss sterbien“. Marc Limpach und Raoul Schlechter verkörpern ĂŒberzeugend die Luxemburger Prolos, hinter deren Fassade sich Spießer verbergen. Das wird besonders klar in der Szene „Kryptorassisten“ von Elise Schmit, in der die beiden biertrinkend in GartenstĂŒhlen sitzen und sich ĂŒber die neue afrikanische Bekanntschaft von Pitts Freundin Anni mokieren. Anni lĂ€sst auf sich warten, wofĂŒr Pitt „die afrikanische Zeit“ verantwortlich macht, denn Anni trifft sich ja mit einem … “ Ja wie sagt man denn eigentlich gerade? DunkelhĂ€utig oder „pigmentiert“ – mit einem „Neger“? Schmits Text entlarvt den subtilen alltĂ€glichen Rassismus der einen und stellt ihn der blasierten politischen Korrektheit der anderen gegenĂŒber. Ihr zynischer Text entfaltet seine Wirkung gerade durch den Rahmen der derben Unterhaltung zwischen saufenden Kumpels. EugĂ©nie Anselin und Renelde Pierlot erweisen sich in Nathalie Ronvauxs StĂŒck „Au suivant!“ als ausdrucksstarkes Duo. Als hochnĂ€sige Behördenbeamte weisen sie den Antragsteller kĂŒhl ab und fordern ihn auf, sich erstmal ein bißchen anzustrengen. Auch sprachlich prallen in der Szene Welten aufeinander, was Ronvaux‘ Text AuthentizitĂ€t verleiht. Denn noch immer stoßen Menschen in vielen Luxemburger Ministerien auf gleichgĂŒltige Beamte, die arrogant auf Französisch antworten, auch wenn ihr „Kunde“ Luxemburgisch spricht. Regisseurin Carole Lorang setzt in der gut einstĂŒndigen Inszenierung bewusst auf Vielsprachigkeit. So werden die Szenen in vier Sprachen gespielt, und in kaum einer Szene wird durchgehend nur eine Sprache gesprochen.

Aus dem Rahmen fĂ€llt „Coconuts“. Denn Autor Marc Limpach nimmt die Außenperspektive ein. Den Text hat er auf Englisch verfasst. Leila Schaus spielt in der Szene großartig ĂŒberdreht eine Cultural-Awareness-Trainerin, die in Luxemburg gestrandeten GeschĂ€ftsleuten die kulturellen Gepflogenheiten erklĂ€rt. Als Meryl Burton spult sie atemlos ihr Motivationsprogramm ab. Ihr Mantra: Die grĂ¶ĂŸte Barriere auf dem Weg zum ökonomischen Erfolg sind kulturelle MissverstĂ€ndnisse. Man folgt ihr verblĂŒfft und biegt sich vor Lachen, wenn sie Luxemburg und die gesellschaftlichen WidersprĂŒche in schillernden Farben beschreibt. Pfiffig auch die Idee Claudine Munos, einen aus Asien importierten Fernsehapparat, der in Westeuropa eine IdentitĂ€tskrise erlebt, zur Hauptfigur zu machen. Raoul Schlechter examiniert verwundert den Apparat und enlockt ihm klagende Töne.

Die knallharte RealitĂ€t schlĂ€gt einem schließlich erst am Ende entgegen. Der Text von Sandra Sacchetti beruht auf transkribierten Zeugenberichten ausgewiesener KosovarInnen und geht einem unter die Haut. Wenn EugĂ©nie Anselin die Geschichte der abgeschobenen Schwester erzĂ€hlt und Renelde Pierlot mit großen Augen dreinschaut, beschleicht einen allerdings kurz das GefĂŒhl, dass hier Betroffenheitstheater gespielt wird, drĂŒckt die Performance doch arg auf die TrĂ€nendrĂŒse. Im Ganzen schmĂ€lert dies aber nicht den Wert dieser klugen Reflexion ĂŒber „Migration“. So ist „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ ein buntes – zuweilen unbequemes – Kaleidoskop unterschiedlichster Blickwinkel auf Migration und zugleich ein Spiegelbild Luxemburgs.

Vorstellungen am 20., 24., 26., 27. und 30. MĂ€rz um 20 Uhr im Kasemattentheater.

Die Texte zum StĂŒck von Guy Helminger, Ian De Toffoli, Elise Schmit, Nathalie Ronvaux, Nico Helminger, Marc Limpach, Pol Greisch, Claudine Muno und Sandra Sacchetti sind auch als Band unter dem Titel „Migrant“ bei Hydre Èditions erschienen. 130 Seiten, 13,- Euro.

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