Corona: Drehen am Panik-Rad

von | 17.03.2020

Ein Facebook-Appell, zuhause zu bleiben, liefert GrĂŒnde fĂŒr vernĂŒnftiges Verhalten … und fĂŒr Panikreaktionen. Was an der Wortmeldung von zwei Ärzten gut gemeint, und was schlecht ausgedrĂŒckt war.

Wikimedia; John; CC BY-SA 2.0

„[Dies ist] ein absoluter Alarmruf, dass alle Leute zuhause bleiben sollen. Sonst tritt das Worst-Case-Szenario ein, und das heißt, viele Menschen können nicht adĂ€quat behandelt werden und sterben.“ Am Montagabend machte dieser Appell von zwei Ärzten aus den „HĂŽpitaux Robert Schuman“ auf Facebook die Runde. Er wurde heute morgen von den Medien aufgegriffen und sorgt fĂŒr große Aufmerksamkeit – zweitmeistgelesener RTL-Online-Beitrag hinter dem Corona-Liveticker. Der Alarmruf ist sonder Zweifel gut gemeint, die Absicht ist, die Bevölkerung wachzurĂŒtteln und vom Ernst der Lage zu ĂŒberzeugen.

Die Wirkung allerdings könnte eine andere sein. Zum einen deutet der Facebook-Post an, die offiziellen Aussagen wĂŒrden die Bevölkerung tĂ€uschen: „Wir mĂŒssen euch leider sagen, dass das alles nicht ausreicht …“, heißt es in dem Appell, und, noch deutlicher: „Leider können wir keine mit WeichspĂŒler getrĂ€nkte Nachricht durchgeben, denn damit wĂŒrden wir euch alle belĂŒgen und das wollen wir nicht.“

Alle auf die Intensivstation?

Zum anderen enthĂ€lt der Text eine missverstĂ€ndliche Formulierung, die von Panikmacher*innen aufgegriffen werden könnte: Es heißt darin, ein großer Teil der Bevölkerung könne zeitgleich erkranken – was tatsĂ€chlich ein Risiko ist – „mĂŒsste dann intensivmedizinisch betreut werden“. Das ist in dieser Form falsch, denn nur ein Teil der Erkrankten benötigt Betreuung und von diesen ist wiederum nur ein geringer Anteil auf die knappen Ressourcen der Intensivstationen angewiesen. Was die beiden Ärzte wohl sagen wollten: Wenn viele erkranken, reicht auch dieser geringe Anteil schon, um die KapazitĂ€ten zu sprengen.

Wer eine pĂ€dagogische ErklĂ€rung sucht, kann sich dieses Video ĂŒber den Zusammenhang zwischen unserem Verhalten, den Erkrankungen und den medizinischen Ressourcen ansehen:

NatĂŒrlich haben die Autoren des Appells recht, wenn sie die Bevölkerung aufrufen, unvernĂŒnftiges Benehmen abzustellen, sich die Ansteckungsgefahr nicht schönzureden und möglichst viel zuhause zu bleiben. Klar ist auch, wer sich draußen bewegt, sollte möglichst systematisch seinen Mitmenschen aus dem Weg gehen und die Hygieneregeln beachten. Ob es aber von kritischer Wichtigkeit ist, auf WaldspaziergĂ€nge zu verzichten und sich ganz auf Verpflegung durch Lieferdienste mit langen Wartezeiten umzustellen, sei dahingestellt. Entscheidend fĂŒr die Vermeidung einer potenziellen medizinischen Krise ist der Schutz der Risikogruppen und damit insbesondere die Vorsichtsmaßnahmen im Gesundheits- und Pflegesektor.

Pendler*innen und Ausgangssperre

Und dann gibt es eine andere Bedrohung, auf die das Verhalten der Einwohner*innen Luxemburgs keinen direkten Einfluss hat: dass die NachbarlĂ€nder ihre Grenzen auch fĂŒr Berufspendler*innen schließen, oder gar das in Luxemburg arbeitende Fachpersonal fĂŒr die eigenen BedĂŒrfnisse requisitioniert. Der ungeachtet des alarmistischen Titels lesenswerte Beitrag „Warum Luxemburgs KrankenhĂ€usern der Kollaps droht“ von Reporter.lu geht neben dem Robert-Schuman-Appell auch auf diesen Aspekt ein.

Nicht zuletzt gibt es ein Risiko, das die Autoren des Appells unterschĂ€tzen: dass es zu Panik und Anarchie kommt, weil die Menschen den Institutionen nicht mehr vertrauen. Das könnte dann passieren, wenn die Regierung aus Ratlosigkeit eine absolute Ausgangssperre verhĂ€ngte, und damit ihre eigenen Aussagen, HamsterkĂ€ufe seien ungerechfertigt, widerrufen wĂŒrde. Wortmeldungen wie die von Montagabend sollten, bei allen guten Absichten, darauf achten, die – derzeit weitgehend angemessene – Vorgehensweise der Regierung nicht mit Andeutungen und missverstĂ€ndlichen Formulierungen zu untergraben.

 

Appell im Wortlaut:

Léif Alleguerten,

Vu déi absolut Urgence vun der Situatioun hu mir eis zu dësem Message entscheet well mir als Urgentist an Anesthésiste-Réanimateur zesummen mat eisen Infirmiere a Fleegepersonal an der éischter Ligne an eise Klinicken wÀerten stoen.

Leider kĂ«nne mer net ee mat WeichspĂŒler gedrĂ€nkten Message duerchginn, well dat wier Iech all belunn an dat wĂ«lle mer net.

D’SITUATIOUN ASS MÉI WÉI KRITESCH! Dat wat op eis duerkĂ«nnt ka keen sech virstellen. Mee eis Analysen an d‘Informatiounen, dĂ©i mir aus Klinicken net wĂ€it ewech vun hei kritt hunn, sinn dramatesch. Dozou kĂ«nnt, dass Material a MĂ«ttel limitĂ©iert sinn. Mir sinn eis bewosst dass dĂ©i Mesuren dĂ©i elo sĂ€it MĂ«tternuecht gĂ«llen, deene meeschten drastesch erschĂ©ngen, an dat ass och verstĂ€ndlech. Mee mir mussen Iech leider soen dass dat alles net duergeet fir dass mer verhĂ«nneren, dass ee ganz groussen Deel vun der Populatioun mateneen krank gĂ«t, an dann intensivmedizinesch betrĂ€it muss ginn. Dat gĂ©ifen dann weder eis Infrastrukturen, nach eis Ekippen packen.

Duerfir ass et vun eis en absolutten APPEL d’URGENCE dass d’Leit ALL DOHEEM BLEIWEN SOLLEN. Soss trĂ«tt de worst-case Zenario an, an dat bedeit dann vill Leit dĂ©i net adequat behandelt kĂ«nne ginn a stierwen wĂ€erten.

Mir sinn am gaangen all eis KrĂ€ften a Moyene ze sammelen an z’organisĂ©ieren, fir dass mer d’Ausgankssituatioun dĂ©i mer aktuell um Terrain hunn ze verbesseren: mir schwĂ€tzen do v.a. vu Material. Mee ouni d’HĂ«llef vun JIDDWERENGEM EENZELEN, VUN IECH ALL, packen mer dat esou net. All Dag deen net agehale gĂ«tt, ass ee verluerenen Dag.

Duerfir: bleift ALL DOHEEM!!!

Dr. Emile Bock, urgentiste
Dr. Cyril Thix, anesthésiste-réanimateur
HĂŽpitaux Robert Schuman (HRS)

 

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