Im Kino: Shirley

von | 17.09.2020

Anders als der Titel es nahelegt, ist „Shirley“ weniger eine Biografie der Autorin Shirley Jackson, als vielmehr eine surrealistische Exploration einer intensiven Freundinnenschaft.

Ist Rose echt oder nur Shirleys Projektion? (© 2018 LAMF Shirley Inc.)

Wer sich „Shirley“ anschaut in der Hoffnung, etwas über die titelgebende Autorin Shirley Jackson zu erfahren, wird vermutlich enttäuscht. Der Film nimmt deren Leben zwar als Vorlage, von einem sogenannten Biopic ist er dennoch weit entfernt. Vermittelt wird ein Bild von Jackson als einer exzentrischen, scharfzüngigen Schriftstellerin, die mit dem Literaturkritiker und Dozenten Stanley Hyman verheiratet war. Alles, was im Film darüber hinausgeht, oszilliert zwischen Realität und Fiktion: Hatte Jackson in der Tat eine Schreibblockade bevor sie anfing, „Hangsaman“ zu schreiben? Wohnte über Monate hinweg ein junges Paar bei ihr und ihrem Mann? Der Film, der in einer traumartigen Ästhetik gefilmt wurde, versucht gar nicht erst, eine Eins-zu-eins-Darstellung dieser Phase aus Jacksons Leben zu suggerieren. Lässt man sich auf diese Herangehensweise von Drehbuchautorin Sarah Gubbins und Regisseurin Josephine Decker ein, ist der Film, zumindest in den ersten zwei Dritteln, ein einziges Vergnügen.

Zunächst scheint „Shirley“ aus der Perspektive einer anderen Frau erzählt zu sein. In der ersten Szene sehen wir Rose (Odessa Young), die sich mit ihrem Ehemann Fred (Logan Lerman) auf der Zugreise zu den Hymans befindet. Fred ist seit kurzem Doktorand und soll Stanley (Michael Stuhlbarg) für ein paar Monate assistieren. Während der Fahrt liest Rose (Elisabeth Moss) New Yorker Jacksons Essay „The Lottery“ – eine Geschichte über eine Frau, die im Kontext eines jährlichen Rituals von den Bewohner*innen ihres Heimatdorfes zu Tode gesteinigt wird. Als der Text 1948 erschien, polarisierte er die Leser*innenschaft des Magazins zutiefst. Rose ist von der Erzählung nicht nur fasziniert, sondern auch angeturnt.

Von dem Augenblick an, als die beiden bei Shirley und ihrem Mann einziehen, entwickelt sich der Film mehr und mehr zu einer psychosexuellen Version von „Who’s Afraid of Virginia Woolf“. Stanley hatte offensichtlich gehofft, mithilfe des jungen Paares etwas Abwechslung in seinen Haushalt zu bringen, vielleicht sogar seiner Frau zu neuer Lebensfreude zu verhelfen. Das Konzept geht auf: Shirley ist ebenso fasziniert von der jungen Frau wie diese von ihr – und schreibt so fiebrig wie schon lange nicht mehr.

Auch wenn das Verfassen ihres Romans den roten Faden der Erzählung bildet, so passiert im Film eigentlich nicht viel. „Shirley“ lebt einzig von der Dynamik zwischen den Figuren – die Art und Weise, wie sie sich voneinander distanzieren, um sich anschließend wieder anzunähern. Von einer Szene zur nächsten weiß man nicht, ob sie sich lieben oder anfeinden werden. Die beiden Frauen sind nicht daran interessiert, sich gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen, und halten die Männer in ihrem Leben damit auf Trab.

Je mehr Geheimnisse die beiden vor ihren Partnern haben, desto intensiver wird die Verbindung zwischen ihnen. Dass das Verhältnis irgendwann sexuell wird, fühlt sich weniger überraschend als vielmehr wie der logische nächste Schritt in dieser immer intimer werdenden Freundinnenschaft an.

Dass man am Ende nicht weiß, welche Elemente dieses Films möglicherweise Jacksons Imagination entspringen und ob sie Rose eventuell gänzlich erfunden hat, um ihren Roman zu verfassen, tut dem Sehvergnügen keinen Abbruch. Im letzten Drittel fällt die Spannung und somit auch die Qualität des Films jedoch merklich ab. So bedauerlich dies auch ist, so sollte dies nicht vor diesem Film abschrecken, dessen Frauenfiguren und Freundinnenschaft im Zentrum in der Kinowelt ohne Zweifel ihresgleichen suchen.

Im Ciné Utopia.

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