Der letzte linke Kleingärtner, Teil 28: Dicke Bohnen machen

von | 28.03.2021

Unser Kleingärtner ein ziemlicher Bescheidwisser, das haben unsere unsere Leser*innen sicher bereits gemerkt. Und so weiß er auch über allerlei Bescheidwisser Bescheid.

Die Bedeutung des Kleingärtners wächst stündlich. Hierzulande allemal. Denn Deutschland ist so etwas wie der Mittelpunkt der Welt, so bekommt es unsereins von Generation zu Generation beigebracht. Das wirkt sich natürlich auch positiv auf meine Relevanz aus. Sie erreicht nie gekannte Höhenmeter. Alleine wäre ich nie so hoch hinausgekommen. Ohne Deutschland hätte ich das nicht geschafft.

Jetzt endlich folgt man dort auch meinem Rat von vor einem Jahr. Kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie hatte ich in Teil 21 meiner Kolumne nachdrücklich empfohlen, statt unentwegt nur die medial omnipräsenten professoralen Bescheidwisser das Virus erklären und öffentlichkeitswirksam therapieren zu lassen, auch das einfache medizinische Fußvolk – die Hausärzte – einzubeziehen. Ein Jahr lang hat man meine dringende Empfehlung ignoriert, bis die Faktenlage die Glaskugelleser und ihre parteipolitische Gefolgschaft sprichwörtlich an die Wand drückte. Jetzt konnten sie nicht mehr anders und mussten – ganz entgegen ihrem monatelangen Gerede – die Hausärzte in die Coronabekämpfung integrieren. In Deutschland dürfen diese jetzt impfen. Na also. Geht doch. Besser gleich auf den letzten linken Kleingärtner gehört. Unsereiner weiß Bescheid.

Deutsche Professoren haben etwas generalstabsmäßiges an sich: Wie bei den Lagebesprechungen in Kriegen stehen sie an großen Tischen vor ihren Schlachtplänen und erklären die Welt. Dabei verschieben sie elegant die Bataillone und gewinnen ihre Gefechte auf dem Papier. Das einfache Fußvolk hat im Krieg andere Aufgaben. Es hat zu arbeiten und nicht zu gestalten. Fragt sich nur, ob man mit derartigem autoritär-patriarchalem Getue die richtigen Niederungen, Abzweigungen und Wege in der doch arg komplexen Welt diesseits und jenseits von Corona findet. Bei der Suche hilft kein Navi und kein Google. Auf Dauer rächt es sich, die Kreativität des Fußvolks außen vor zu lassen. Auch in Frankreich sprach Monsieur Emmanuel Macron bereits früh von „la guerre“, die man führen und natürlich gewinnen müsse.

Zurück zu einer anderen Sorte Bescheidwisser. Vor zwei Wochen habe ich meine Gartensaison feierlich mit einem Ritual gestartet und fünf Reihen Dicke Bohnen und acht Reihen Zuckererbsen gelegt. Natürlich Outdoor. Okay, feierlich war das nicht, der Rücken hat schon gezwickt. Aber da muss ich der Menschheit zuliebe durch.

„Das geht nicht. Das habe ich noch nie gehört, das funktioniert auf keinen Fall.“ Diese Satzfolge hat es in sich und teilt die Welt in Sekundenschnelle in Machbares und Unmögliches ein. Die großen Augen und das Kopfschütteln gibt es dann meist gratis dazu. So erging es auch mir, als ich vor ein paar Jahren in einer Eisenwarenhandlung zehn Estrichmatten für meinen Erbsenanbau kaufte. Die Metallmatten, die normalerweise von männlichen Bescheidwissern am Bau verwendet und in den Estrich eingelassen werden, sind im Standardformat zwei Meter lang und einen Meter hoch. Der verwendete Draht ist dünn, leicht und biegbar, was die Anwendung im Garten erleichtert.

Auf Dauer rächt es sich, die Kreativität des Fußvolks außen vor zu lassen.

Solche Estrichmatten sind die ideale Rankhilfe für meine Erbsen. In der Regel sind die Matten verzinkt und damit rostfrei, was ihre Anwendung vereinfacht. Sie ersetzen andere Rankhilfen wie beispielsweise Reisig. Das ist zwar als Abfallprodukt vom Baum- oder Strauchschnitt üppig vorhanden, hat aber den Nachteil, spätestens im zweiten Jahr brüchig zu werden und innerhalb von zwei weiteren Jahren auf eine kaum noch erkennbare Restgröße geschrumpft zu sein, was es letztlich unbrauchbar macht.

Die Matten werden zwischen Stäben befestigt, die ich mit einem Hammer in den Boden klopfe. Manchmal verknote ich die Stäbe via Seil mit den Matten. Damit mache ich seit Jahren hervorragende Erfahrungen. Außerdem kann man die Drahtmatten jahrzehntelang jedes Jahr neu benutzen. Vorausgesetzt, man hat jahrzehntelang einen Gemüsegarten und baut dort Erbsen an. Ein Kleingärtner denkt immer wie ein General in großen strategischen Dimensionen, weit über ein Gefecht beziehungsweise eine Saison hinaus.

So sollten das übrigens auch gut geführte Fußballvereine machen, egal in welcher Liga. Wahrscheinlich gilt dies auch für andere Lebensbereiche. Da kenne ich mich aber nicht aus. Ich hatte damals darauf verzichtet, dem Bescheidwisser aus der Eisenwarenhandlung, der meinte, dass meine Idee nicht funktioniert, ein Foto mit der blühenden, wunderbar in die Höhe wachsenden und übervollen Erbsenkultur zu schenken. Ich dachte mir, es sei besser, ihn in seinem Glauben zu belassen. Das Sprichwort „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht,“ hat durchaus einen realen gesellschaftlichen Hintergrund. Man könnte es auch als fortschrittsfeindlich bezeichnen. Konrad Adenauer – der erste westdeutsche Kanzler nach dem Knockout von Stalingrad – hatte daraus in den 1950er-Jahren seinen so legendären wie erfolgreichen „keine Experimente“-Wahlkampf gemacht.

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