Kultur lohnt sich – auch wirtschaftlich. Das macht eine Studie deutlich, die vergangene Woche in der Nationalbibliothek vorgestellt wurde. Das Vorhaben, die wirtschaftliche Bedeutung der Nationalbibliothek zu messen, hätten laut BNL-Direktor aber nicht alle Mitarbeiter*innen gutgeheißen.

Kulturminister Eric Thill, BNL-Direktor Claude D. Conter und die Berater*innen Sabine Graumann und Peter Kurz stellten die Resultate der Umfrage über die Beliebtheit der BNL vor. (Foto: BNL)
Bibliotheken sind Wissensspeicher und Orte des Informationstransfers. Das gilt wohl in besonderem Maße für die „Bibliothèque nationale du Luxembourg“ (BNL), die als Forschungsbibliothek laut Direktor Claude D. Conter „ein Herzstück der Wissensgesellschaft“ darstellt. Während einer Pressekonferenz am vorletzten Montag sollte der Beweis für diese Behauptung erbracht werden. Dazu wurden die Ergebnisse einer Studie präsentiert, welche die BNL Anfang des Jahres beim Münchner Marktforschungsinstitut „bms marketing research + strategy“ in Auftrag gegeben hatte. Ziel sei es gewesen, den wirtschaftlichen Mehrwert der Bibliothek zu quantifizieren und so ihre Rolle bei der Stärkung des Wissenschaftsstandortes Luxemburg zu untersuchen, betonte Conter zu Beginn der Veranstaltung.
Die Resultate der Studie sind eindrücklich: Aus den 8,7 Millionen Euro an Fördergeldern erwirtschaftet die Nationalbibliothek 38,13 Millionen Euro. „Aus jedem Euro, den die BNL erhält, generiert sie 3,34 Euro für die Luxemburger Wissensgesellschaft“, heißt es in der Studie. Sollte die öffentliche Förderung der BNL wegfallen, entstünde der luxemburgischen Wirtschaft und Gesellschaft dementsprechend ein Schaden in Höhe von 29,34 Millionen Euro.
Auch auf die Nutzer*innenzufrie-denheit warf die Studie ein Schlaglicht. Hier sprach die Beraterin Sabine Graumann, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Peter Kurz die Untersuchung präsentierte, von einem „sensationellen Ergebnis“. Nur 1,2 Prozent der Befragten würden die BNL nicht Bekannten und Kolleg*innen weiterempfehlen. Das sei einer der niedrigsten Werte, die sie jemals gemessen hätten, stellte Graumann fest. An der Studie nahmen insgesamt 2.166 Menschen teil, davon waren zum Zeitpunkt der Befragung 2.080 als Benutzer*innen eingeschrieben. Insgesamt zählte die BNL im Jahr 2024 rund 40.000 eingeschriebene Benutzer*innen.
Der Bibliotheksleiter unterstrich, dass die Studie keine Auftragsarbeit des Kulturministeriums gewesen sei, sondern sich einordne in das Projekt „Vision 2020-2030“. In dessen Kontext legte die BNL sowohl ihre Prinzipien und Werte als auch verschiedene strategische Ziele fest, um ihre führende Stellung im Bereich des luxemburgischen Kulturerbes zu stärken, wie in ihrem „Rapport d’activité“ des vergangenen Jahres nachzulesen ist.
Kultur als ökonomischer Faktor
Mit der Beauftragung der Studie schließt sich die Luxemburger Nationalbibliothek dem im Koalitionsabkommen formulierten Ziel der Regierung an, den wirtschaftlichen Beitrag von Kultureinrichtungen zu erfassen. „Wie Sie haben auch wir den Koalitionsvertrag gelesen, das zur Kenntnis genommen, was in den nächsten Jahren erfolgen wird, und wollten als Nationalbibliothek auch hier die Aufgabe der Avantgarde übernehmen“, sagte Conter während der Fragerunde. Im Koalitionsabkommen hatten die Regierungsparteien CSV und DP vereinbart, zu analysieren, welche Rolle der Kultur als ökonomischem Faktor für die Gesamtwirtschaft zukommt.
Nicht jede*r Bibliotheksmitarbei-ter*in sei mit der Entscheidung, die wirtschaftliche Bedeutung der BNL zu messen, einverstanden gewesen, sagte Conter und bezog dazu selbst Position: „Wir müssen in der Kultur diese Diskussion nicht fürchten.“ Mit der Aussage, dass Kultur koste, werde er jeden Tag konfrontiert. „Wenn wir sie als Investition begreifen, dann sehen wir auch, dass wir etwas leisten.“ Man müsse kein Preisetikett an die BNL kleben, da der kostenlose Zugang zu Informationen und zur Kultur wichtig bleibe und im Grunde nicht verhandelbar sei. Studienergebnisse wie die vorliegenden könnten aber vielleicht einfach ermutigend sein, gab der Literaturwissenschaftler zu bedenken. Wären die Ergebnisse nicht gut ausgefallen, hätte er darin eine Herausforderung gesehen, die Öffentlichkeit stärker für die Dienste der Bibliothek zu sensibilisieren.
Auf die Frage einer Journalistin, ob auch das Durchführen von Studien nun Standard für alle Kulturinstitutionen im Land werden solle, antwortete der bei der Pressekonferenz anwesende Kulturminister Eric Thill (DP), dass das Ministerium hinsichtlich dessen gerade Gespräche mit anderen kulturellen Einrichtungen führe. „Ich finde es eine interessante Idee, dadurch ihren ökonomischen, und damit meine ich vor allem den gesellschaftlichen Wert, noch einmal zu untermauern.“ Es sei aber nicht die Aufgabe des Kulturministers, sich in den alltäglichen Betrieb von Kultureinrichtungen einzumischen.
„Es ist kein Geheimnis, dass Institute, die kleiner sind, vielleicht auch andere Zahlen schreiben. Es geht aber nicht darum, ob diese Zahlen nun besser oder schlechter sind, sondern darum, klare Fakten und Daten zu haben, um unter anderem auch verschiedene politische Anpassungen und Entscheidungen zu treffen“, sagte Thill. Auf Nachfrage der woxx, welche Anpassungen genau damit gemeint seien, schrieb das Kulturministerium, dass Studien wie jene der BNL wichtige Einblicke in die Erwartungen und Bedürfnisse der Bürger*innen im kulturellen Bereich erlaubten. Aus einer anderen Studie sei zum Beispiel hervorgegangen, dass es für viele Menschen schwierig sei, richtige Informationen über das hiesige kulturelle Angebot zu bekommen (siehe woxx 1838).
„Eine der Konsequenzen, die das Ministerium daraus zieht, ist der Ausbau eines Onlineportals zu einer Referenzplattform und Informationsquelle. Darüber hinaus trägt auch das Schaffen eines ,Observatoire de la culture‘ dazu bei, die Datenbasis und die Analysekapazitäten weiter zu verbessern, um so eine dauerhafte und objektive Grundlage für zukünftige politische Anpassungen im Kultursektor zu schaffen.“ Um welche politischen Anpassungen es sich dabei handeln würde, präzisierte das Ministerium nicht.


