Zwei Autostunden von Luxemburg entfernt, Mitten im Nationalpark Eifel, liegt eine der größten nationalsozialistischen Hinterlassenschaften: die ehemals sogenannte „Ordensburg Vogelsang“. Wo einst die Schlächter des Regimes ideologischen Schliff erhielten, trifft heute Tourismus auf politische Bildung. Über den schwierigen Umgang mit einem Täterort.

Die „Ordensburg Vogelsang“ vom Urftsee her fotografiert: Im Vordergrund die ehemalige „Thingstätte“, oberhalb liegend die „Kameradschaftshäuser“, dahinter das Gemeinschaftshaus mit dem Turm (links), rechts davon der „Adlerhof“ und die ehemalige „Burgschänke“ (rechts etwas weiter hinten); am Kopfende des Komplexes die ehemalige belgische Kaserne. (Foto: Vogelsang IP)
Der Eifelsteig ist zu jeder Jahreszeit beliebt. Auf rund 300 Kilometern führt der vielbegangene Fernwanderweg von Aachen bis nach Trier. Wer sich von dem Örtchen Einruhr aus zur vierten Etappe aufmacht, dem sind nach einigen hundert Metern Aufstieg atemberaubende Blicke über die hiesige Seenlandschaft und den Nationalpark Eifel garantiert.
Auf halbem Weg nach Gemünd jedoch, eher schemenhaft zunächst, kündigt sich inmitten dieser wundervollen Landschaft ein Bauwerk an, das, auch wenn man es nicht kennt, bereits aus großer Ferne seinen nationalsozialistischen Ursprung verrät. Die Ausmaße sind riesig. Eine von hier aus unbestimmbare Anzahl an Gebäuden liegt über die abgestuften Ebenen eines Höhenzuges verstreut. Das Ensemble wird von einem mächtigen Turm überragt, dessen Bauart signalisiert, dass er nicht zur Bewachung dient. So eindeutig die Herkunft dieser Ästhetik, so unmissverständlich, dass an dieser Stelle nicht etwa ein ehemaliges Konzentrationslager steht. Das hier ist Herrschaftsarchitektur: In Stein gehauener, in Beton gegossener Machtanspruch über Mensch und Natur. Es ist die ehemals sogenannte „Ordensburg Vogelsang“, eine Art Eliteschule des NS-Regimes.
Zuvor war das Plateau ein unscheinbarer Ort gewesen. Der Name „Vogelsang“ geht auf die Gemarkung zurück, auf der die Anlage steht. Doch die Nazis hatten diesen Platz gut ausgewählt. Die geographische Lage, ein oberhalb des Urftsees gelegener Bergrücken, bietet sich an für Inszenierungen, die den nationalsozialistischen Größenwahn unmittelbar zum Ausdruck bringen. Zumeist suchten die Nazis nach geschichtsträchtigen Plätzen für ihre Bauten, um irgendwelche, nicht selten erfundene, Traditionen zu usurpieren. Hier jedoch wollten sie das Terrain wie eine leere Leinwand bespielen. „Vogelsang arbeitet mit der Landschaft“, so der Historiker Volkhard Knigge in einem Interview mit der „woxx“. Es sei auf die Wirkung aus der Ferne angelegt: Symbol des Nationalsozialismus, „der sich, wie eine zweite Natur mit der ersten Natur verschmolzen, als etwas Natürliches präsentiert“.
Buhlen um Hitlers Gunst

Beginn einer Führung über das Gelände der „Ordensburg Vogelsang“ im überdachten Teil des sogenannten „Adlerhof“. (Foto: Danièle Weber)
Von seinen Erbauern war der Gebäudekomplex als Schulungsstätte einer künftigen Führungsschicht der NSDAP gedacht. Nach dem Krieg haben ihn zunächst die britischen, dann die belgischen Streitkräfte übernommen und aus dem Gelände drumherum einen Truppenübungsplatz gemacht. Seit 2006 residiert hier die „Vogelsang IP“ und betreut die nationalsozialistische Hinterlassenschaft als Bildungszentrum. „IP“ steht für „Internationaler Platz“. Damit will man den Bruch mit der völkischen Ideologie der Nazis, aber auch die geographische Nähe zu den von diesen einst überfallenen Nachbarländern Belgien, Niederlande und Luxemburg unterstreichen. Unter anderem sind hier ein Besucherzentrum des Nationalparks sowie eine Dauerausstellung zur Geschichte der Anlage untergebracht. Sie trägt den Titel „Bestimmung: Herrenmensch – NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“.
Auch geführte Rundgänge über das Gelände werden angeboten, und heute übernimmt Thomas Kreyes, der Geschäftsführer der gesamten Einrichtung, die Rolle des Guides. Treffpunkt für Interessierte ist der überdachte Teil des zentral gelegenen sogenannten „Adlerhofs“. Soweit unser Referent die von den Nazis ersonnenen Namen und Termini verwendet, wird er es in den kommenden 90 Minuten nie versäumen, daran zu erinnern, von wem sie stammen.
Es ist recht kühl an diesem Freitagmittag, und viele Teilnehmer*innen stehen etwas abseits in der Sonne. Kreyes will aber lieber, dass sie in den Schatten kommen. Schließlich sollen alle die mitgebrachten Schautafeln gut sehen können, wenn er gleich mit seiner Einführung beginnen wird. „Wie viele von Ihnen kommen aus der Eifel? Aus Deutschland? Frankreich? Den Niederlanden?“, will er wissen. „Sie haben nicht nach Luxemburg gefragt!“, wirft eine Frau mit gespielter Entrüstung ein.

Eines der Kameradschaftshäuser: Hier waren je 40 „Ordensjunker“ untergebracht. (Foto: Vogelsang IP/Dieter Zehner)
Kreyes zeigt Bilder des im Bau befindlichen Komplexes, der 1934 buchstäblich aus dem Boden gestampft worden ist; in Handarbeit wurden Terrassen für die Gebäude angelegt. Man sieht Aufnahmen schuftender Arbeiter, mit Stein beladene Kipploren und so weiter. Noch im selben Jahr, Ende 1934 also, wurde Richtfest gefeiert. Aus diesem Anlass reiste mit Robert Ley einer der fanatischsten Antisemiten der NS-Bewegung an. Vom nahegelegenen Gemünd aus ließ er sich von Bauarbeitern im Lastwagen zur Baustelle kutschieren, um seine Volkstümlichkeit zu unterstreichen. Auf ihn, den Leiter der „Deutschen Arbeitsfront“, ging die gesamte Idee für die Ordensburgen zurück. „Er ist relativ schnell mit diesen Plänen auch auf Hitler persönlich zugegangen, hat dann die Orte ausgewählt und mit der Umsetzung begonnen“, erzählt unser Begleiter. Ley sah das megalomane Projekt auch als Möglichkeit, sich im Gerangel um Hitlers Gunst gegenüber rivalisierenden Parteiführern und Machtfraktionen durchzusetzen.
„Germania in der Eifel“
In allen vier Himmelsrichtungen des Reiches sollten solche „Ordensburgen“ entstehen. Mit der archaischen Bezeichnung wollte man an die Burgen der mittelalterlichen Ritterorden anknüpfen, vor allem an den „Deutsche Orden“, der sich im 13. Jahrhundert an der Kolonisation des östlich des Heiligen Römischen Reiches gelegenen Gebiets in Mittel- und Nordeuropa beteiligt hatte. So wurde die nach Osten ausgreifende „Lebensraum“-Politik der Nationalsozialisten in eine vermeintliche Tradition gestellt. Neben Vogelsang im Westen, Krössinsee im Norden und Sonthofen im Süden (heute als Generaloberst-Beck-Kaserne von der deutschen Bundeswehr genutzt), die alle tatsächlich gebaut wurden, war eine weitere Anlage im damaligen Westpreußen nahe Danzig geplant. Direkt neben der historischen Marienburg des Deutschen Ordens sollte sie stehen; zur Umsetzung kam es glücklicherweise nicht.
Auch die Pläne für Vogelsang wurden längst nicht alle realisiert, und dennoch findet sich hier die „nach dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände größte erhaltene Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus“, wie Kreyes sagt: „Der Architekt hieß bezeichnenderweise Clemens Klotz.“ Ein „Germania in der Eifel“ habe dieser im Sinne gehabt, abgeleitet von den größenwahnsinnigen Plänen Albert Speers zur radikalen Neugestaltung Berlins als Zentrum des nationalsozialistischen Reiches.
Der kleine Besucher*innen-Tross setzt sich in Bewegung. Treppenstufen führen zu den zahlreichen ehemaligen Kameradschaftshäusern hinab. Nicht wenige der zweistöckigen, graugemauerten Gebäude werden inzwischen von privaten oder öffentlichen Initiativen genutzt. Eines beherbergt ein Hostel, in einem anderen hat das Rote Kreuz ein Museum eingerichtet. Damals waren in diesen baugleichen Häusern die sogenannten „Ordensjunker“ untergebracht.

Führung durch den Innenraum der ehemaligen „Burgschänke“. Früher fanden hier Kameradschaftsabende der „Ordensjunker“ statt. (Foto: Danièle Weber)
Eins davon wird jetzt besucht. Zwei Säle gibt es hier im Obergeschoss, mit Platz für jeweils 20 Leute; im Stockwerk darunter ist ein weiterer Saal, dort finden sich auch die Sanitäranlagen. Zwei bis drei Monate hielten sich die ausnahmslos männlichen Teilnehmer in der Regel in diesen einfachen Unterkünften auf.
Wer hier aufgenommen wurde, erhoffte sich durch die Teilnahme an der Schulung eine Karriere in der nationalsozialistischen Administration. „Im Grunde war Vogelsang nämlich eine Verwaltungsschule“, so Kreyes. „Das – in Anführungszeichen – Ausbildungskonzept war zunächst auf die NSDAP bezogen, auf die Parteiverwaltung also, weil die NSDAP nach 1933 so massiv gewachsen ist. Aber in einem totalitären Staat erwächst daraus de facto öffentliche Verwaltung.“
In der Regel hatten die Lehrgangsteilnehmer schon Ausbildung und Beruf, auch Familie, und waren zwischen 20 und 35 Jahre alt. Ley wollte keine „Intellektuellen“, sondern ideologisch gefestigte, körperlich gestählte „ganze Kerle“: „Die Besten, Bereitesten und Härtesten“, wie er 1937 sagte. Zu den gesellschaftlich Erfolgreichsten gehörten die meisten von denen, die hier zur künftigen Elite geformt werden sollten, allerdings nicht. Wer tatsächlich eine „Bilderbuchparteikarriere“ absolviert hatte, dem standen andere Optionen offen. Entsprechend bescheiden waren laut Kreyes recht bald die Kriterien, die ausreichten, um „Ordensjunker“ zu werden: „Man musste schon in den 1920er-Jahren in die NSDAP eingetreten und den Abstammungsnachweis erbringen, ‚arisch‘ zu sein.“ Dennoch wurde um die Auswahl viel pseudoelitäres Gewese gemacht.
Pseudowissenschaft und Drill
„Verdiente man hier denn mehr?“, will ein Teilnehmer des Rundgangs wissen. „Nein“, antwortet Thomas Kreyes, „hier mitzumachen bedeutete für die meisten erstmal eine Einschränkung.“ Das sei für die rund 20 Prozent, die den Lehrgang abgebrochen hätten, allerdings ebenso wenig der Grund gewesen wie mangelnder Eifer für die den Lehrplan dominierende Rassenideologie. „Sie litten eher am militärischen Drill und an der Trennung von der Familie.“
Der Tagesablauf nämlich war streng reglementiert: Wecken, Frühsport, Appell, Unterricht, nachmittags nochmals Sport und die Nachbereitung der am Vormittag gehörten Vorträge. Um 22 Uhr war Zapfenstreich. „Ziel war es, einen neuen Menschen zu schaffen, auch mit dem Training und dem übertriebenen Körperkult“, sagt unser Begleiter.

Der Sonnwendplatz mit der von dem Bildhauer Willy Meller geschaffenen Skulptur Figur des „Fackelträgers“. (Foto: Danièle Weber)
Allerdings scheint der Schliff auch schon damals einigen „Ordensjunkern“ zu weit gegangen zu sein. So klagte einer von ihnen, „bei allem Verständnis für strenge Disziplin und mannhafte Körperzucht“ herrsche eine „krasse Unausgewogenheit“ im Ausbildungsprogramm, sodass für „geistige Arbeit und Fortbildung wenig oder keine Zeit“ bleibe. Soweit die „geistige Arbeit“ stattfand, bestand sie ohnehin hauptsächlich darin, die nationalsozialistischen Geschichtsbilder zu pauken, um künftige Kriege und Landnahmen ideologisch zu flankieren. Komplettiert wurde dies durch die sogenannte „Rassenkunde“, die man in Vogelsang besonders intensiv betrieb: Rassistische, antisemitische Pseudowissenschaft und vermeintliche Vererbungslehre für jene, die damit künftig als „Prediger der nationalsozialistischen Weltanschauung“ hausieren gehen sollten.
Ein klar definiertes Ausbildungsprogramm gab es allerdings nie; vieles ging auf die sprunghaften Initiativen und spontanen Ideen Robert Leys zurück. Geplant war erst ein drei-, dann ein vierjähriges Curriculum: Zunächst sollten alle in Krössinsee eine Art Grundausbildung erhalten, Vogelsang war für die nationalsozialistische Ideologie zuständig und Sonthofen für eine „körperlich-militärische Intensivschulung“ gedacht. Wäre Marienburg gebaut worden, hätten die „Ordensjunker“ dort schließlich eine Verwaltungsfachausbildung absolviert.
Der erste reguläre Lehrgang begann 1937. Doch schon bei Kriegsbeginn im September 1939 wurde der Schulungsbetrieb auf den Ordensburgen wieder eingestellt. Fortan nutzte vorwiegend die Wehrmacht den Komplex. Kein einziger Teilnehmer hatte bis dahin den Kurs komplett durchlaufen. Auch das Lehrpersonal war weit weniger exquisit als angekündigt: Statt der versprochenen „Koryphäen“ bestritten verkrachte Akademiker, Gastdozenten und Parteikader das Programm. Eine Ausbildung zur „Führungskraft“ in Verwaltungsdingen hatte unter solchen Bedingungen und mit diesem Lehrplan nicht stattfinden können. „Ordensjunker galten als arrogant und inkompetent“, fasst der Historiker Kiran Klaus Patel das Urteil nationalsozialistischer Zeitgenossen zusammen. Der massenmörderischen Effizienz, die die hiesigen Absolventen später in Osteuropa entfalteten, sollte das allerdings keinen Abbruch tun.
Eine der wesentlichen Tätergruppen
Vom „Kameradschaftshaus“ geht es abermals ein paar Stufen hinab und dann rechts hinunter zu einer Freilichtbühne, der sogenannten „Thing-stätte“, wie der Versammlungsort unter Referenz auf nordisch-germanische Gesellschaften genannt worden war. Von hier aus kann man gut den Sportplatz mit den „Kampfbahnen“ und das Schwimmbad überblicken. Dann geht es wieder rechts hinauf zum „Sonnwendplatz“. „Vogelsang ist ja als Inszenierungsstätte des Nationalsozialismus betrieben worden“, sagt Kreyes. Dazu gehörte auch reichlich Germanenkult und pseudoreligiös-heidnischer Mummenschanz. Die Rituale und Feiern, die an Kultstätten wie diesen abgehalten wurden, sollten das Sendungsbewusstsein der „Ordensjunker“ verstärken.
Es ist ein beklemmendes Gefühl, in diesem Wissen hier zu stehen. Zentrales Element des „Sonnwendplatzes“ ist die sechs Meter hohe, von dem Bildhauer Willy Meller in Stein gehauene Figur des „Fackelträgers“. Wie in einem Relief ist sie in eine Mauer eingearbeitet worden, auf der eine an die „Ordensjunker“ gerichtete Inschrift steht: „Ihr seid die Fackelträger der Nation, Ihr tragt das Licht des Geistes voran im Kampfe für Adolf Hitler“. Vom Adlerhof aus und bis weit hinunter ins Urfttal waren die fackelbewehrten Sonnwend-Spektakel zu sehen. Sie sollten Burggäste und umliegende Bevölkerung gleichermaßen faszinieren. Auch Adolf Hitler war laut Kreyes „zweimal hier, immer wenn er auf Westwall-Tour war“.
Im Gegensatz zu den Gedenkstätten, die in ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagern errichtet wurden, nennt man Vogelsang einen „Täterort“. „Hier sind keine Taten geschehen“ erläutert Kreyes, aber es wurden die Leute geschult und geprägt, „die später vor allem nach Osteuropa gegangen sind und dort an der Massenvernichtung teilgenommen haben.“
Bereits während der Pogromnacht am 9. November 1938 haben die Ordensjunker in den umliegenden Orten mitgemischt. Nach Kriegsbeginn waren sie dann vor allem in den Reichskommissariaten „Ostland und Ukraine“ aktiv und maßgeblich an der Ausplünderung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung beteiligt. „Wenn sie bei einem Personenkreis von knapp 500 Menschen auf über 300.000 Ermordungen kommen, die unmittelbar zurechenbar sind, dann sprechen sie natürlich schon von einer der wesentlichen Tätergruppen“, erläutert unser Guide.
Ein Monument des Wahns als Wallfahrtsort?
Ist ein Ort wie dieser nicht prädestiniert, zur Wallfahrtsstätte für Neonazis zu werden? Immer wieder sehe man schon entsprechende Gruppen, so der Leiter des „Vogelsang IP“. Meist träten sie aber nicht demonstrativ auf, man müsse „eine gewisse Expertise haben, um die zu erkennen“. Manchmal kündigten rechte Zusammenschlüsse „Exkursionen“ an, „gerade aus der Aachener Richtung, da gibt es wieder eine ganze Reihe auch neuer, junger Gruppen, die sich von diesen ganzen Symboliken blenden lassen“. An bestimmten Tagen, etwa am Geburtstag Adolf Hitlers, stehe die Polizei demonstrativ am Eingang und sei auch in Zivil auf dem Gelände.
Was aber, wenn beispielsweise eine Frau sich zum Rundgang gesellt, mit „knatschrotem Kleid und schwarzer Perücke“, die „durch ihr eigenes Outfit die Farben der Reichskriegsflagge wiedergibt“, wie er erzählt? „Solche Leute kann man einfach nur beobachten und hoffen, dass sie möglichst schnell wieder gehen. Wie wollen Sie die bekehren?“ Kreyes hält nichts davon, zwanghaft den Dialog zu suchen.
Nun führt der Rundgang an dem weithin sichtbaren, ins Gemeinschaftsgebäude integrierten Turm vorbei, monströses Wahrzeichen eines monströsen Ensembles. Das 48 Meter hohe Bauwerk wird durch ein flaches Dach abgeschlossen, das die Öffnung darunter wie Schießscharten eines Bunkers wirken lässt. Unten im Turm die sogenannte Ehrenhalle. An der Wand die Namen der NSDAP-Angehörigen, die während des 1923 unter Adolf Hitler und Erich Ludendorff in München unternommenen Putschversuchs getötet worden sind. In den Fußboden eingelassen ein – heutzutage abgedecktes – großes Hakenkreuzmosaik. Wie der Chor eines Kirchenschiffs ist die Halle nach Osten ausgerichtet. Auch hier eine Plastik von Willy Meller: monumentale Nacktheit, der „Deutsche Mensch“ getauft. Wir erhalten glücklicherweise keinen Zutritt, was rechten Pilgern diese Möglichkeit ebenfalls verbaut.

Gibt auch selbst Führungen auf dem Gelände: Thomas Kreyes, Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH „Vogelsang IP“. (Foto: Vogelsang IP)
Immer wieder während der Führung kommen auch Mountainbiker, Wanderer und Trailrunner an uns vorbei. Der gastronomische Betrieb des Zentrums wirbt mit „spektakulärem Panorama und regionalen Spezialitäten“, bietet auf seiner Website sogar Hochzeitsfeiern an. Vielen scheint es nicht sonderlich schwerzufallen, den Ungeist, dem hier ein Monument geschaffen wurde, zu ignorieren. Das gilt wohl erst recht, wenn man keinen begleiteten Rundgang macht und auch die Ausstellung nicht besucht.
Das war auch die Befürchtung der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA). 2016, nach erfolgter Sanierung des Komplexes, hatte der Aachener Ortsverein eine scharfe Kritik formuliert: „Nazi-Bauschrott für 45 Millionen aufgehübscht“, so der Titel. Wer die damals neu eröffnete Dauerausstellung nicht besuche, werde „schwerlich ein kritisches Verhältnis zu der Gesamtanlage aufbauen können“.
Unauflösbare Aporien
„Man kann niemanden dazu zwingen, sich tiefer mit dem Ort zu beschäftigen“, gesteht auch Thomas Kreyes ein. So sehr er es den Leuten gönne, die Aussicht und die Landschaft hier zu genießen, hat er doch Bauchschmerzen, wenn beispielsweise Radler direkt auf dem „Adlerhof“ ihre Runden drehen. Hätte man die gesamte Anlage also nicht besser dem Erdboden gleichgemacht oder verfallen lassen, wie es 2003 Paul Spiegel, der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, vorgeschlagen hat? „Dann bleibt die Gefahr, dass, was immer dann übrig bleibt, zu einer Erinnerungsstätte der Nazis wird“, meint Kreyes.
Volkhard Knigge, der ehemalige Direktor der „Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“, sähe einen Abriss ebenfalls skeptisch: „Wenn man das ganze Ding sprengt, hat man das Problem, dass man ein Zeugnis des Nationalsozialismus, das man erschließen, das man erklären, das man gegen den Strich bürsten kann, zerstört – und man hat schon so viel zerstört im Kontext der Verdrängung des Nationalsozialismus.“ Die Existenz von Täterorten wie Vogelsang führe zu „einer Reihe von Aporien, aus denen man nicht wirklich herauskommt“, so Knigge. Man müsse daher diskutieren, wie viel „Reibung vor Ort“ man schaffen könne, um „auf kritische Aufklärung, kritische Entzauberung“ hinzuwirken. Eine Garantie dafür, wie das Gesehene verarbeitet wird, gebe es ohnehin nie. „Natürlich können Menschen den Vogelsang besuchen und sagen: „‘Guck mal, was die Nazis so zu Wege gebracht haben‘ – das kann man leider nicht ausschließen.“
Die geführte Gruppe bewegt sich auf die nicht mehr bewirtschaftete ehemalige „Burgschänke“ zu. In dem von Holzbalkendecken und Fachwerkwänden dominierten Raum wurde während der Kameradschaftsabende zusammen gesoffen. An Orten wie diesem hat sich Robert Ley angeblich den Spitznamen „Reichstrunkenbold“ verdient. Im hinteren Teil des Raumes findet sich ein riesiger offener Kamin, den ein Relief mit der „Wilden Jagd“ verziert. Auch diese in vielen Teilen Europas verbreitete Sage haben die Nazis für sich reklamiert. Was in diesem Raum wohl für Gespräche geführt worden sind? Das einzige, was hier sympathisch ist, sind die wenigen Spuren, die die Belgier während ihrer Zeit in Vogelsang hinterlassen haben. Und sei es auch nur die eingerahmte flämisch-französische Schankordnung an der Wand.
Eine Umnutzung der hiesigen Bauten, wie die Belgier sie betrieben, wird im Fachjargon „Profanisierung“ genannt – die Verwendung als „sakral“ in Szene gesetzter Nazibauten zu einem anderen Zweck. Bei einer solchen „Profanisierung durch banalen Gebrauch“ werde allerdings häufig nicht klar, ob sie wirklich als „destruktive Geste“ gemeint sei, gibt Knigge zu bedenken, vor allem wenn dies von Seiten der Tätergesellschaft geschieht: „Ist es Profanisierung als Verdrängung oder als Kritik?“ Das gelte umso mehr, wenn sich die Präsentation eines Ortes, wie auch in Vogelsang, mit tourismuswirtschaftlichen Interessen vermischt.
Ein Abschnitt in der Selbstdarstellung des in das Besucherzentrum integrierten modernen Gastronomiebetriebes verdeutlicht, was der Historiker meint: „Ein weiterer Hingucker: Unsere Architektur. Hier trifft innovatives Design auf historische Gebäudesubstanz. Ein bewusster Bruch mit der Vergangenheit und wortwörtlicher, visueller Aufbruch.“ Schon der Jargon verrät, dass die architektonische Form nicht einlöst, was der Werbetext verspricht. Ein radikales bauliches Statement, das vor den Kopf stößt, findet sich hier nicht.
Der Eingriff, der fehlt
Man habe die Ordensburg „enorm aufgewertet, ohne sie auch nur symbolisch in ihrem Bestand anzugreifen“, kritisierte nach der Renovierung die „VVN“. Volkhard Knigge formuliert es etwas differenzierter: „Mit der Ausstellung hat man versucht, die Geschichte aufzuschließen und aus kritischer Perspektive erfahrbar zu machen, und mit der Hinwendung zu Naturschutz und Ökologie wollte man die Einheit von totalitärer Architektur und deutscher Landschaft wieder aufbrechen und den Blick darauf verändern“, so der Historiker, der diesen Versuch für „sehr respektabel“ hält.
Die belgischen Streitkräfte haben dem Baubestand der Nazis noch einige Zweckbauten hinzugesellt. Die schönste davon ist das in den 1950er-Jahren erbaute Kino, mit dessen Besichtigung die Tour jetzt zu Ende geht. Es wurde auf dem Fundament des geplanten „Haus des Wissens“ errichtet, das der höchstgelegene Punkt der Anlage und die Krönung des pseudowissenschaftlichen Rassenwahns hätte werden sollen. In dem stufenförmig angelegten, mit grünem Leder an den Wänden versehenen Saal werden heutzutage in Kooperation mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Filmseminare zur Funktionsweise und Wirkung von NS-Propagandafilmen durchgeführt.

Zaghafter Versuch einer architektonischen Brechung: Glaskonstruktion am Eingang des Besucherforums am „Adlerhof“. (Foto: Vogelsang IP)
Die Teilnehmer*innen des Rundgangs bedanken sich für die Führung. Zu keinem Zeitpunkt ließ Thomas Kreyes sie vergessen, dass man sich hier auf dem Gelände durch eine Kulisse der massenmörderischen NS-Ideologie bewegt. Er hat Distanz aufgebaut und sich über die menschenverachtende Terminologie mokiert. Man könne dem Ganzen „eigentlich nur zynisch und ironisch begegnen“, sagt er, wenn man ihn zu seiner Vorgehensweise befragt. Diese Haltung sei jedoch zum Scheitern verurteilt, denn man werde sich immer wieder „der Konsequenzen aus all dem bewusst: exzessive Gewalt“.
Damit das, was Kreyes in seiner Führung gelingt, sich auch auf dem Gelände selbst manifestierte, müsste man, wie Volkhard Knigge es ausdrückt, dort „eine Wunde schlagen“: „Was fehlt, vermutlich einfach, weil es teuer gewesen wäre, ist ein vielleicht sogar auf Fernsicht wahrnehmbarer Eingriff in die NS-Architektur, der verletzend, zerstörend, aufreißend, brechend ist.“ Dafür jedoch, so der Historiker, „bräuchte man wahnsinnig gute Architekten. Die Politik würde heute sofort immer zu Daniel Libeskind greifen.“ Konfektionierte Lösungen, nennt er das, und ahmt scharfzüngig die entsprechende Haltung nach: „Dann soll doch der berühmte XY hier mal kurz eine Wunde einbauen – kann doch nicht so schwer sein.“ Für eine gute Lösung, so Knigge, brauche es indes viel Zeit, Geld und „sprachfähige Architekten, Historiker und Künstler, die sich auf so was einlassen. Es braucht das gemeinsame kritisch-schöpferische Gespräch.“ Ein wirklicher Eingriff also sei „nur diskursiv, selbstreflexiv, probierend möglich“: „Dafür braucht es auch den politischen Willen.“
Zurück auf dem Eifelsteig, unterwegs nach Gemünd, marschiert entgegenkommend ein kleines Grüppchen junger Männer in Richtung der ehemaligen Ordensburg. Sie tragen Seitenscheitel, khakibraune Chinos und Fred-Perry-Poloshirts. Im Vorbeigehen sagen sie artig hallo.



