Die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel wird oft als erotisches Zauberwesen des Fin de Siècle gerühmt. In ihrer biografischen Annäherung „Die Schüsse von Tiflis“ gelingt der Autorin Kristin Valla eine emphatische Perspektive auf die Künstlerin und ihr Vermächtnis.

Nähert sich der schillernden Persönlichkeit Juel Dagnys behutsam an: die norwegische Autorin Kristin Valla. (Foto: Wallstein Verlag)
Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Die norwegische Pianistin, Schriftstellerin und Muse Dagny Juel wurde im Laufe ihres kurzen Lebens viel betrachtet und für ausgesprochen schön befunden. Ihre androgyne Erscheinung wurde besungen, bedichtet und auf Leinwand gebannt. Sie hatte Affären im Boheme-Milieu im Berlin der 1890er-Jahre, darunter die mit Edvard Munch, der die junge Musikstudentin malte. Mit August Strindberg verband sie ein ebenso spannungsgeladenes wie unklares Verhältnis.
Der letzte Mann, der seinen Blick auf sie richtete, war ihr Mörder: Ein junger Mann namens Władysław Emeryk erschoss die damals 33-Jährige am 4. Juni 1901 in einem Hotel in Tiflis, als sie gerade in einem Sessel sitzend eingenickt war. Anschließend richtete er die Waffe gegen sich selbst. Nicht nur, dass der Schütze mutmaßlich ihr Verehrer war, er war auch ein wirrer Jünger ihres polnischen Ehemanns Stanislaw Przybyszewski. Dieser, ein einflussreicher Avantgarde-Dichter und Satanist, den Juel in ihrer Berliner Zeit kennengelernt hatte, soll manchen Theorien zufolge hinter der Planung des Verbrechens gesteckt haben.
Ein roter Sessel, eine Frau mit leicht zerwühlter Hochsteckfrisur im schwarzen Kleid, zu ihren Füßen spielt ihr Sohn, vor dem Fenster des Hotelzimmers erhebt sich in der Ferne das Kaukasus-Gebirge, Türen gehen auf und zu, eilige Schritte und dann fallen zwei Schüsse.
Die norwegische Autorin und Journalistin Kristin Valla stellt die präzise Choreographie dieses Mordes, der die Welt des Fin de Siècle aufschreckte, an den Anfang ihres Buches „Die Schüsse von Tiflis“. Auch wenn die Hintergründe und Motive unklar sind, erfüllt das theaterhafte Szenario das Hauptmerkmal des Femizids: Juel musste sterben, weil sie eine Frau war. Der bis heute nicht aufgeklärte Kriminalfall beschäftigt Valla aber nur ganz am Rande. Ihr Interesse gilt der bewegten Biografie einer schillernden Persönlichkeit, bei der alles, was sie tat oder eben nicht tat, sich in Kunst zu übersetzen und in Bilder zu verwandeln schien. Selbst ihr gewaltsamer Tod wurde zu einem Schauspiel, noch im Sarg, auf Rosen gebettet, wurde sie fotografiert.
Valla erzählt das Leben der letztlich verhinderten Künstlerin, indem sie die Orte ihrer Inspiration aufsucht; Städte, Plätze, Locations, Häuser, Interieurs, die Juel geprägt haben und vielleicht auch von ihr geprägt sein könnten. Mit Zartgefühl verbindet die Autorin dabei Biografisches, Originaltexte, Ortsbegehungen und Anekdoten zu einer literarischen Spurensuche. Sie spricht mit Nachfahren und den heutigen Bewohnern in Juels alten Nachbarschaften. Es entsteht eine Biografie, die zwischen Hommage, Pastiche und einfühlendem Reenactment changiert.
„Maybe Dagny will be there…“ raunte der Musiker Blixa Bargeld, auch er ein bekennender Bewunderer vampirischer Weiblichkeit, in seinem Stück „Grand Hotel Tbilisi“ (2013). Aber nein, Juel ist nicht dort. Als Valla zu Beginn ihrer Erkundungsreise in dem Zimmer im ehemaligen Grand Hotel in der georgischen Hauptstadt steht, in dem die prominente Reisende gestorben ist, findet sie keinerlei Hinweise, die an das Geschehene erinnern. Das Hotel ist jetzt eine Mietskaserne, das besagte Zimmer wird von einer älteren Frau bewohnt. Sie hat bereits Erfahrung darin, interessierten Besuchern ihre einfache Unterkunft zu zeigen, die der Schauplatz eines Mordes war. Ihre Frage, warum die Norwegerin eigentlich so berühmt war, leitet Vallas Recherche. Eine vorläufige, aber kaum überzeugende Antwort lautet, dass Juel „ganz einfach sie selbst war“.
Was in der Biografie über die Jugend der am 8. Juni 1867 im norwegischen Kongsvinger geborenen Arzttochter zu erfahren ist, legt allerdings nahe, dass diese es im Kreis ihrer drei allesamt als auffallend schön beschriebenen Schwestern auch mit Rivalität, Eifersucht und Neid zu tun bekommen hatte. Es war für das Mädchen also vermutlich nicht leicht herauszufinden, wer es eigentlich war und welche Frauenrolle es anstrebte. Für eine Zweitgeborene nicht untypisch sah sie sich im Schatten der älteren Schwester und suchte bald das Weite, um sich fern der Familie entfalten zu können. Erst brannte sie nach Kristiania (dem heutigen Oslo) durch, anschließend ging sie für ihr Pianostudium nach Berlin. Beide Stationen brachten sie mit der norwegischen Avantgarde in Kontakt. Das Berliner Lokal „Schwarzes Ferkel“, wo Munch, Strindberg, aber auch der Pole Przybyszewski verkehrten, wurde ihre Bühne. Nicht zuletzt sind gerade diese Kapitel, die die prägenden Figuren, Ideen, Überspanntheiten der norwegischen Boheme schildern, äußerst lesenswert.
Der Begriff „Male Gaze“ scheint wie geschaffen, um die Wahrnehmung Juels als Frau und Künstlerin kritisch zu beschreiben.

(©: Wallstein Verlag)
Die Originalausgabe des Buches wurde 2006 in einem Osloer Verlag veröffentlicht; in der deutschen Übersetzung von Gabriele Haefs und Christel Hildebrandt erscheint es nun im Verlag Weidle unter dem Dach des Göttinger Verlagshauses Wallstein. Zwei weitere Publikationen zu und von Juel hat der Verlag im Programm. 2017 erschien der postmoderne Roman „Dagny oder ein Fest der Liebe“ von Zurab Karumidze: Reihenweise verfallen historische Figuren aus der georgischen Geschichte der somnambulen Protagonistin, selbst der junge Revolutionär Koba aka Stalin hat ein Auge auf die Frau mit der mysteriösen Aura geworfen.
Wichtiger aber ist der 2019 von Lars Brandt herausgegebene Band „Flügel in Flammen“. Die Publikation macht die Dichterin, die hinter dem Ruhm des erotischen Zauberwesens oft vergessen wird, erstmals dem deutschsprachigen Publikum zugänglich. Aus dem Nachlass Juels sind wenige Erzählungen, vier Kurzdramen und einige Gedichte erhalten. Brandt hat sie ins Deutsche übertragen und ihnen einen ausführlichen Essay beigefügt. Juels Texte fassen die eigene Gefühlswelt in eine schwebende, tranceartigen Sprache und zeichnen sich durch eine tiefe Präsenz aus. Sie kreisen um Betrug, Begehren, Ehedramen, Schuldgefühle, Todesahnungen und um den Kult um weibliche Attraktivität. Lakonisch schreibt sie in der dritten Person über sich: „Sie war jung, und ihre Schönheit war von der mannigfaltigen und wechselvollen Art, die die Phantasie fesselt und gefangennimmt. Ihr Lächeln war voller Rätsel, und viele waren es, die sie zu deuten wünschten.“
Der Großteil des schmalen Gesamtwerks ist in der kurzen, intensiven Schaffensphase in Berlin entstanden. 1898 bestieg sie, inzwischen zweifache Mutter, mit den Kindern einen Zug nach Krakau, wo Przybyszewski bereits auf sie wartete. Falls sie ernsthaft vorgehabt haben sollte, als Künstlerin zu reüssieren, erlahmten ihre Ambitionen nun; wurden verdrängt durch Geldsorgen, eine angeschlagene Gesundheit, Mutterpflichten und durch Kummer über einen Ehemann, der sie immer wieder im Stich ließ.
Noch über den Tod hinaus wurde Juel angestarrt. Der „Male Gaze“, der den männlich geprägten Blick der Filmkamera auf den weiblichen Körper umschreibt, fällt einem zu dieser Lebensgeschichte ein; der Begriff scheint wie geschaffen, um die Wahrnehmung Juels als Frau und Künstlerin kritisch zu beschreiben. Kristin Valla bringt dagegen eine empathische Perspektive auf ihr posthumes Vermächtnis ein. Ihr gelingt eine behutsame Annäherung an die widersprüchliche Persönlichkeit Dagny Juels, die sich nicht nur spannend liest, sondern auch berührt.

