Nichts ist queerer als die Natur. Ein Abend zwischen Drag-Show, Biologiestunde und Musiktheater räumt mit dem hartnäckigen Mythos der Heteronormativität im Tierreich auf.

Piano Prince und Soya the Cow stellen kommenden Dienstag in der Abtei Neumünster das queere Tierreich in Form eines musikalischen Drag-Show-Erzähltheaters vor. (Foto: Olivia Schenker)
Als das Schimpansen-Baby geboren wurde, taten die Menschen etwas, das sie meist auch mit ihrem eigenen Nachwuchs zu tun pflegten. Sie gaben ihm einen Namen, der es nicht nur als Individuum markieren, sondern gleichzeitig auch Rückschlüsse auf sein vermeintliches Geschlecht zulassen sollte: Donna. Doch schnell fiel den Menschen ein „Problem“ auf – anders als andere Schimpansenweibchen imitierte Donna beim Aufwachsen nicht das Verhalten ihrer Mutter, sondern zog viel lieber los, um mit den Schimpansen-Jungs zu raufen. Auch später zeigte Donna das typisch männliche Schimpansenverhalten, wie den breiten schwankenden Gang oder das Imponiergehabe, inklusive Aufstellen der Haare. Zudem bekundete Donna nie ein sexuelles Interesse an ihren männlichen Artgenossen und wurde von diesen als selbstverständlicher Teil der Gruppe aufgenommen. Donnas Wesen war für unsere nächsten Verwandten im Tierreich überhaupt kein Problem. „Ich kann Donna nicht nach ihrer Identität fragen, aber ich würde sagen, sie war wahrscheinlich trans“, merkte der renommierte, mittlerweile verstorbene Primatologe Frans de Waal 2023 während eines öffentlichen Auftritts an, bei dem er Donnas Geschichte teilte.
Immer wieder wird der Mythos von biologisch angelegter Zwei-Geschlechtlichkeit und Heteronormativität verbreitet. Alles, was von dieser Norm abweicht, gilt in rechten, religiösen und anderen reaktionären Kreisen hingegen als „unnatürlich“ – wie queer die Natur mit all den verschiedensten Lebewesen darin jedoch ist, wird oft ausgeblendet. Daran etwas ändern will ein Event am kommenden Dienstag, das im Rahmen der Naturmusée-Ausstellung „animalECH“ über die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren stattfindet. „Queere Tiere“ ist eine Mischung aus Drag-Show, Biologiestunde und musikalischem Theaterstück. Daniel Hellmann, alias Soya the Cow, tritt dort an der Seite von Coco Schwarz alias Piano Prince auf und besingt die wenig bekannten Geschichten aus einem Tierreich abseits jedes menschlichen Zwangs zur Kategorisierung. Als Kind habe er auch die Mär von der heterosexuellen tierischen Kleinfamilie geglaubt, erzählt der ausgebildete Zürcher Sänger im Gespräch mit der woxx.
„Wir schauen auf Tiere und sehen immer nur unsere eigenen Geschichten“, sagt Hellmann, der sich lange Zeit als veganer Aktivist mit Massentierhaltung und Schlachthäusern auseinandergesetzt hat. Er sieht das Stück, das nicht unkritisch, aber auf leichteren Hufen daherkommt, als eine schöne Abwechslung. Auch wenn viele Stunden inhaltlicher Recherche hineingeflossen sind, bevor das Programm fertig geschrieben und komponiert war. „Es war eine faszinierende Reise“, sagt der Künstler im Rückblick. „Coco und ich mussten am Ende doch viele Geschichten wieder streichen, vielleicht wird es also einen zweiten Teil geben.“
Von Pizzly-Bären und Stadttieren
Die zwanzig bis dreißig Tiere, die es in den ersten Teil geschafft haben, wurden als Repräsentant*innen ihrer jeweiligen Tierklasse, Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Insekten, Vögel und ihrer Position entlang des LGBTQIA+-Spektrums gewählt, wobei das Attribut „queer“ auch über Geschlechter- und Sexualitätskategorisierungen hinausgeht. Ein Beispiel dafür ist der Pizzly-Bär, eine hybride Bärenart, die als Mischung aus Polarbär und Grizzly erst aufgrund der Lebensraumverschiebung des weißen Riesen, ausgelöst durch den Klimawandel, entstanden ist. Andere Tiere, wie beispielsweise der Regenwurm mit seiner Zweigeschlechtlichkeit und zehn Herzen in fünf Körperabschnitten, sprengen jegliche menschliche Vorstellungskraft. Es gehe laut Hellmann in dem Stück auch ein wenig darum, die Engstirnigkeit der Menschen aufs Korn zu nehmen und mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Der Blick soll geöffnet werden, aber es muss dabei auch Spaß machen. „Die Zuschauenden sollen genauso emotional berührt wie unterhalten werden.“ Dieser Effekt wird neben nicht verbalen musikalischen Elementen auch über das Zwischenspiel der zwei Figuren Piano Prince und Soya the Cow ausgelöst. Es sind zwei Charaktere mit unterschiedlichen Meinungen, die auf der Bühne immer wieder aneinandergeraten und für ein breites Publikum eine Identifikationsfläche bieten. „Ich freue mich während des Spielens auf jede Szene“, sagt Daniel Hellmann mit einem Lächeln.
Der Zürcher Aktivist, der seit seinem neunten Lebensjahr nicht mehr in Luxemburg war, nutzt die Gelegenheit auch, um am kommenden Sonntag einen Stadtspaziergang zu machen, ebenfalls vom Naturmusée ausgerichtet, der zum Mitspazieren einlädt, um Luxemburg-Stadt zu einem Ort tierischer Entdeckung zu machen. In „Try Walking in My Hooves“ liegt der Fokus auf allen nicht-menschlichen Körpern, seien es Haustiere, Wildtiere, in Wappen, Bildern oder Statuen repräsentierte oder getötete Tiere. „Tiere sind in unserem Marketing und in der Produktion allgegenwärtig, aber die Anzahl lebendiger Tiere ist in Städten erschreckend klein“, sagt Hellmann, der die Performance erstmals 2022 in Lausanne aufführte. Seither tourte er damit durch die Welt, unter anderem in Wien, Amsterdam, Hongkong, San Francisco und Freiburg.
„Try walking in My Hooves“, Stadtspaziergang mit anschließender Musik, ca. 90 Minuten, Treffpunkt: Rezeption des Naturmusées, Sonntag, den 15. März, 15 Uhr. Gratis.
„Queere Tiere“, Musikalisches Erzähltheater, Abtei Neumünster, Salle Robert Krieps, Dienstag, der 17. März, 20 Uhr, 10 Euro.

