In anderen Kultursektoren gehören sie zur Normalität, in der Bildenden Kunst stellen sie eine Neuheit dar: Tarifempfehlungen für Kunstschaffende. Sie verbessern deren Arbeitsbedingungen – mit nicht absehbaren Folgen.

Kunst sei etwas Positives für die Gesellschaft, sagt Justine Blau, Co-Präsidentin der AAPL. Deswegen gehöre die künstlerische Arbeit auch fair bezahlt. (© Pexels)
„Geld ist immer ein Tabu“, sagt Justine Blau gleich zu Beginn des Gesprächs. Es ist 11 Uhr morgens, die Sonne scheint ihr ins Gesicht, während sie im Escher Café „Casablanca“ an ihrem Cappuccino nippt. Gemeinsam mit ihrem Vereinskollegen, dem Künstler Charles Vinz, trifft sie sich an diesem frühlingshaften Donnerstag mit der woxx, um über die neuen Tarifempfehlungen der „Association des artistes plasticiens du Luxembourg“ (AAPL) zu sprechen. Mit der Veröffentlichung dieser Empfehlungen zieht die AAPL nach und schafft im Bereich der Bildenden Kunst einen Referenzrahmen für Kreative, der in anderen Kunstbereichen bereits fest etabliert ist.
Denn während im Theatersektor oder im Literaturbetrieb schon länger standardisierte Honorarrichtlinien für bestimmte Leistungen wie Proben oder Lesungen gelten, war das in der Domäne der Bildenden Kunst bisher nicht der Fall. Das liege auch daran, dass bildende Künstler*innen weniger oft zusammenkämen, um sich auszutauschen; dazu gebe es einfach wenige Gelegenheiten, erklärt Vinz, der seit fünf Jahren AAPL-Mitglied ist. „Während Musiker zum Beispiel zusammen auf Tournee gehen, haben wir eine oder zwei Ausstellungen im Jahr, während derer wir uns treffen können.“
Dass im Bereich der Bildenden Kunst die Autonomie der hier Tätigen eine größere Rolle spielt als in anderen Feldern der kreativen Arbeit, erklärt, warum nach Unterzeichnung einer Konvention mit dem Kulturministerium im Rahmen des Kulturentwécklungsplang (KEP) noch volle vier Jahre ins Land gingen, bis die erste Hürde zur Festlegung einer Tarifstruktur genommen wurde – den Anstoß dazu gab das Kulturministerium, das die AAPL zu einem Treffen mit allen Playern des Sektors einlud. Es folgten „Tripartites“ mit den großen Kunstinstitutionen des Landes, Versammlungen und Verhandlungen.
„Am Anfang gab es Widerstand, weil es eben eine Neuerung war“, erzählt Blau. Aber bei den Verhand- lungspartner*innen habe sie dennoch auch ein großes Wohlwollen gespürt. Zudem hätten einige Häuser schon vor der Ausarbeitung der Tarifempfehlungen ähnlich hohe Honorare gezahlt. Die Forderungen der AAPL nennt sie dementsprechend realistisch – obgleich sich noch zeigen muss, welche Auswirkungen sie auf die Programme der Kulturhäuser und Museen haben werden und ob es, da einzelne Ausstellungen nun womöglich ein größeres Loch ins Budget fressen werden, weniger Veranstaltungen geben wird. Verpflichtend seien die „barèmes“ jedenfalls nicht. „Wir hoffen, dass sie sich durch die Praxis und dadurch, dass die Menschen über sie sprechen, zu einer Norm entwickeln.“
Die Festsetzung von Vergütungsempfehlungen kommt gerade jungen Künstler*innen zugute, da so ihre Verhandlungsmacht gestärkt wird. Wie man seine Honorare verhandle, lerne man nicht in der Kunstschule, sagt Blau. Dabei sei es für die jüngere Generation schon selbstverständlicher, über das Finanzielle zu sprechen und für ihre Leistung auch eine angemessene Entlohnung zu erwarten. Früher hätten sich Künstler*innen weniger auf die Bezahlung als auf die Sichtbarkeit, die mit Ausstellungen einhergehe, konzentriert und gehofft, dass die Visibilität zu einem späteren Zeitpunkt auch zu Verkäufen und damit zu mehr Einkommen führe würde – ein Wunsch, der sich nicht in jedem Fall verwirklicht hat, wie die Co-Präsidentin der AAPL unterstreicht.
Die Tarifempfehlungen machen das tatsächliche Investment von Zeit, Arbeit und Know-how der Künstler*innen sichtbar und legen erstmals fest, was eine faire Bezahlung für Tätigkeiten ist, die bisher teils kostenlos oder für wenig Geld verrichtet wurden, wie zum Beispiel das Leiten von Workshops, das Übernehmen von Führungen oder das Schreiben von Begleittexten. „Es ist gesund für eine Gesellschaft, viele Künstler zu haben“, sagt Blau, während sie ihren Cappuccino austrinkt. Man müsse aber zusehen, dass sie nicht in Armut lebten.

