Guy Helmingers neuer Lyrikband: Abermals in Tagebüchern stöbern

von | 10.04.2026

In seinem neuen, für den diesjährigen Servais-Preis nominierten Gedichtband „Gebäude für Breitengrade“ bleibt Guy Helminger seinem wundersam-ausufernden Stil treu.

Der Autor Guy Helminger mit ernstem Gesichtsausdruck vor einer Berglandschaft.

Als mehrfacher Preisträger des Prix Servais hat es Guy Helminger mit seinem aktuellen Gedichtband erneut auf die Shortlist geschafft.

Guy Helmingers aktueller Gedichtband „Gebäude für Breitengrade“ (Elif Verlag) besticht durch seine ausgefallene Sprachakrobatik und liest sich als konsequente Fortführung seines ebenso kurios-verspielten Vorgängerbandes „Die Tagebücher der Tannen“ (Edition Rugerup). Der dem ersten Kapitel vorangestellte Titel „Aus den Tagebüchern der Birken“ erscheint somit als dessen Schallreflexion, als Spiegelung und Nachhall, der verdeutlicht, dass der Autor in ästhetischer Hinsicht keine neuen Wege zu beschreiten beabsichtigt, sondern das von ihm begonnene Sprachexperiment mit unbeirrter Zielbewusstheit vorantreibt. Dabei entstanden ist eine wendige, sich im beharrlichen Flimmerlicht der Bilder um die eigene Achse drehende Lyrik, die, weil sie die Möglichkeiten einer auf Stringenz und Sinnhaftigkeit pochenden Sprache bis zu ihrer Auslöschung ausreizt, nicht bloß über die eigenen strukturellen Bedingungen reflektiert, sondern auch gegen den leibhaft erfahrbaren Normalzustand der Welt an sich anstürmt und ihn für die Dauer eines Gedichts gleichsam aufhebt.

Das Cover von „Gebäude für Breitengrade“, das eine hölzerne Berghütte zeigt.

(© Elif Verlag)

Als surreal-kühne Zusammenfügungen von Einzelbildern wirken Helmingers Poeme vor allem durch die sich verschwendende Überfülle derselben: „Wie eine Kletterrose tackert sich meine Frau / an die Sonnenstrahlen Am Zaun die trockenen / Kehlen des Blumenrohrs Ich aber bleibe / vorsichtig Lüfte ich die Mütze filzt die Hitze / meine Gedanken Die Vögel suchen nach den / Heimlichkeiten im hohen Gras“. Durch ihre an Tomaž Šalamuns Feder erinnernde absurd-heitere Opazität entziehen sich die Gedichtkompositionen einem manchmal schulmeisterlich wirkenden analytischen Zugang. Schon nach wenigen Seiten besteht kein Zweifel mehr, dass sie weniger verstanden, als genossen werden wollen – wobei ihnen durch ihre grelle Bildlastigkeit, die dem sie rezipierenden Geist keine Atempause lässt, mitunter etwas Aggressives, wenn nicht Unerbittliches anhaftet.

Helmingers Lyrik ist sprachliche Ausschweifung und Abschweifung zugleich; die Texte irren immer wieder ins Kontingente ab. Selten sind nämlich die Bilder, die als annähernd alternativlose Fügungen auftreten, wie es beim folgenden Beispiel der Fall ist: „Neu aber waren die Klicklaute in deinem / Knie als suche dort eine Bantusprache // nach Freiheit“. Die Schlüssigkeit des Bildes ergibt sich durch die vom lyrischen Ich genau wahrgenommene akustische Ähnlichkeit zwischen dem unwillkürlichen Knacken eines Gelenks und einem spezifischen sprachlichen Lautsystem; die in diesem Bild enthaltene beziehungsweise geschaffene Verbindung ist durchaus gelungen, weil sie einerseits überrascht, andererseits aber auch keineswegs willkürlich ist, sondern eine in der Wirklichkeit bereits existierende Similarität auf originelle Weise erkennbar macht.

Weitaus öfter aber werden in „Gebäude für Breitengrade“ in frei fließender Manier Bilder miteinander verkettet, deren genaue Kombination Raum lässt für eine gewisse Zufälligkeit: „Eine / Landschaft aus Maisbrei / Mirabellenbäumen und dem / Mann der sein Gesicht unter / die Früchte mischt Unsere Tage / sind Einsiedler still flirrend / vor der Masse der Nacht“. Hierin liegt der eigentlich transgressive Charakter der Gedichte, denn sie schüren so ein leises Misstrauen gegen die auf einer angenommenen inneren Ordnung beruhenden Interpretierbarkeit von Poesie. Insofern wirken die Texte auf wunderbar leichtfüßige Weise beunruhigend, manchmal auch verstörend; die sie bestimmende Bilderflut schwappt von der ersten Seite an unvermutet über eine*n hinweg und gibt eine*n erst am Ende des Bandes wieder frei – ein Wagnis, aber auch ein Muss, das für den diesjährigen Servais-Preis nominierte Buch aufzuschlagen.

„Gebäude für Breitengrade“, Gedichte, Elif Verlag, Nettetal 2025, 154 Seiten, 22 Euro
Der Prix Servais 2026

Die Shortlist für den diesjährigen Servais-Preis ist auffallend divers, was die literarischen Gattungen angeht, und lyriklastig zugleich. Nominiert sind Ian De Toffoli mit seiner Erzählung „Léa ou la Théorie des systèmes complexes“ (Actes Sud), Tullio Forgiarini mit seinem Stück „Vandalium“ (Éditions Guy Binsfeld), Nico Helminger mit seinem Poesieband „Geckegen Hunneg“ (ebenfalls Éditions Guy Binsfeld), Guy Helminger mit seinem Gedichtband „Gebäude für Breitenfrade“ (Elif Verlag) sowie, als einzige nicht-männliche Person, Amélie Vrla mit ihrem Roman „Enfanter une étoile qui danse“ (Hydre Éditions; siehe woxx 1872).

 

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