Verbrecher Verlag: Schreiben für mehr Solidarität

von | 08.05.2026

Mit „Literarisch solidarisch – Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb“ gibt Hatice Açıkgöz eine Anthologie heraus, die verschiedene marginalisierte Sichtweisen auf den Literaturbetrieb in den Blick nimmt. Mareice Kaiser beschreibt ihn etwa als SGLB (Sogenannter Literaturbetrieb) – ein elitäres Konstrukt mit vielen Ungleichheiten; Linus Giese widmet sich dem Thema Queerness, Seda Çalışkanoğlu dem solidarischen Rezensieren, und Mareike Fallwickl schreibt über Sexismus in der Branche. In den Beiträgen geht es um Fragen von Zugang, Zugehörigkeit und Arbeitsweisen. In der großen Bandbreite der Texte eröffnet sich ein Raum für die Zukunft des Literaturbetriebs – und für Möglichkeiten von Veränderung, hin zu mehr Solidarität.

Die freie Autorin, Künstlerin und Redakteurin Hatice Açıkgöz sitzt vor einem Hauseingang.

Hatice Açıkgöz arbeitet als freie Autorin, Künstlerin und Redakteurin. Gemeinsam mit Dara Brexendorf und Zara Zerbe produziert sie den Podcast „literarisch, solidarisch“. (© Cihan Çakmak)

Ich liebe den Literaturbetrieb. Ich liebe Kultur. Liebe Musik und Theater. Ich liebe Bücher. Ich liebe, wie viel sich mittlerweile getan hat, dass so viele Frauen, trans*, queere, BIPoC, jüdische, muslimische Stimmen vertreten sind. Ich liebe, dass uns zugehört wird, wir mit unserer Kunst Geld verdienen, Agent*innen haben, die an unsere Stimmen glauben. Ich liebe die Unterstützung, ich liebe die Community, die wir uns aufgebaut haben. Ich liebe, dass wir in der Zeit, in der F.A.Z., in der Süddeutschen auftauchen. Ich liebe es, unsere Cover überall auf Instagram und TikTok zu sehen. Liebe, dass wir Kolumnen schreiben, unsere Geschichten Gehör finden, wir gut bezahlt werden, unsere Arbeit Wert hat.

Ich liebe es zu schreiben. Ich möchte nie wieder etwas anderes machen.

I will always love you.

Ich hasse den Literaturbetrieb. Ich hasse Kultur. Hasse Musik und Theater. Ich hasse Bücher. Ich hasse, wie wenig sich getan hat, dass Frauen, trans*, queere, BIPoC, jüdische, muslimische Stimmen immer noch nicht gehört werden. Ich hasse, dass uns nicht richtig zugehört wird, wir unterbrochen werden, wir weniger Geld verdienen als Markus und Clemens und Sebastian, ich hasse, dass wir so hart kämpfen müssen, für Agent*innen, die an unsere Stimme glauben. Ich hasse, dass die Community, die wir uns aufgebaut haben, uns sofort den Rücken kehrt, wenn wir einen Fehler machen. Ich hasse es, wie das Feuilleton uns bespricht, hasse es, wenn sie sagen »leider Autofiktion«, als wäre das keine Literatur. Ich hasse die Artikel, die geschrieben werden, sobald eine Frau einen wichtigen Literaturpreis erhält. Ich hasse es, unsere Bücher auf Instagram neben einem Kaffee und einem Stück Kuchen zu sehen. Ich hasse TikTok, hasse, dass Leser*innen uns da gar nicht kennen.

Ich hasse es, dass wir nicht schreiben dürfen, was wir wollen, wir nicht mittelmäßig oder gar schlecht sein dürfen. Ich hasse es, wie viel weniger wir verdienen.

Ich hasse es zu schreiben. Jeden Tag überlege ich mir eine Exit-Strategie.

I will always hate you.

Ich liebe den Literaturbetrieb. Ich will für immer weiterschreiben. Ich will für immer ein Teil davon sein.

Ich hasse den Literaturbetrieb. Ich kann nicht immer weitermachen. Manchmal fantasiere ich darüber, wie es wäre, wenn ich aufhören würde.

Als ich die Beteiligten dieser Anthologie einlade, einen Kennenlern-Zoom-Call aufsetze, sage ich fast allen von ihnen, dass ich nicht mehr weiß, wie lange ich noch Teil des Betriebs sein werde.

Betiel fragt, was ich damit meine. Ob ich schon meinen Exit geplant habe. Ob dieses Projekt mein Exit ist.

Ich sage: Ich weiß es nicht. Vielleicht. Wenn es nicht weitergeht.

Ob es weitergeht, entscheide gar nicht ich. Das entscheidet der Betrieb.

If I don’t win

I’m in the bin

You say you never knew me

but when I pop off you sue me

so sue me

Das Cover der Anthologie „Literarisch solidarisch - Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb“, herausgegeben von Hatice Açıkgöz, typografisch gestaltet.

(© Verbrecher Verlag)

Oft bin ich verzweifelt. Jedes neue Projekt könnte das letzte sein. Jede neue Idee ist stets aus einer neuen Verzweiflung geboren. Es ist im Grunde immer die gleiche Verzweiflung, immer geht es um die Finanzierung. Es geht darum, ob das Projekt Mainstream genug ist, um in einem großen Publikumsverlag zu erscheinen. Fast immer ist die Antwort darauf: nein.

Bin ich cool genug inmitten der anderen migrantischen Stimmen, die alle so cool sind, dass ich mich wieder fühle wie in der Schule? Nein. Sie stehen zusammen, ich stehe mal wieder neben den Mülltonnen. Ich lächle und winke, aber niemand guckt mich an.

Der Betrieb hat mir noch nie etwas geschenkt. Er hat nur geschrien, wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe. Alles, was ich jemals bekommen habe, verdanke ich anderen BIPoC-Frauen, die einmal in der gleichen Situation waren wie ich. Ihnen möchte ich dieses Buch widmen.

2023 startete ich gemeinsam mit Dara Brexendorf und Zara Zerbe den Podcast »literarisch, solidarisch«. Ich weiß nicht mehr, warum. Es war eine Idee, die erneut durch Verzweiflung entstanden ist. Ich kam von der Leipziger Buchmesse zurück, hatte gerade Lyrik veröffentlicht. Ich war auf der Bühne mit Dinçer Güçyeter, frisch ausgezeichnet, und Yoko Tawada, einer meiner Heldinnen. A big fucking deal. Für mich. (Yoko habe ich dann erzählt, wie sie mich geprägt hat, dass meine erste Rauminstallation zu einem ihrer Texte war. Sie hat nur »aha« gesagt. Es war megapeinlich.)

Die Moderatorin sagte zur Begrüßung: »Das Panel mit den komischen Namen«. Ich werde das nie vergessen. Der Abend war direkt gelaufen. Ich habe noch nie vor so vielen Leuten gelesen und dann so was. Keine Person im Publikum hat gelacht, und sie hat gemerkt, dass es nicht ok war, und versuchte, sich damit rauszureden, dass auch ihr Name komisch klingt. Mein Verlag hat sich am nächsten Tag bei den Veranstaltenden darüber beschwert. Aber die anderen Autor*innen und ihre Verlage scheint der Kommentar nicht gestört zu haben. Also wurde nichts unternommen.

»Nee, die hat das ganz gut gemacht«, sagte eine der anwesenden Verleger*innen. Ich habe fast angefangen zu weinen. (Es war Sonntag. Ich hatte jeden Tag eine unbezahlte Lesung. Kannte keinen Menschen. Hab mich fehl am Platz gefühlt. Und dann das??? Girl.)

Ich konnte nicht mehr richtig schlafen. Habe mich gefragt, wie es sein kann, dass es keine einzige andere Person gestört hat. Dass keine andere Person etwas dagegen unternehmen wollte.

Heute weiß ich: Sie alle waren einfach zu müde, gegen so einen Spruch anzukämpfen, weil sie ständig kämpfen müssen.

Heute weiß ich: Es kommt noch schlimmer. Das war noch gar nichts.

Zur gleichen Zeit veröffentlicht Mely Kiyak beim Maxim-Gorki-Theater online die Kolumne »Es ist alles gesagt«, und ich bekomme Panik. Sie verabschiedet sich in dieser Kolumne vom politischen Schreiben, sie ist müde, sie ist krank. Sie will ihre Kunst retten.

Auch Sibel Schick taucht unter. Alle sind bereits so müde, ich aber wache gerade erst auf. Bitte geht doch jetzt nicht alle!, denke ich. Was wird aus uns, wenn es keine smarten, funny Menschen mehr gibt, zu denen ich aufblicken kann? Was wird aus der Gesellschaft ohne die Kolumnen von Mely Kiyak? Ich möchte mir das nicht vorstellen. Ich möchte nicht, dass wir alle gleichzeitig erschöpft sind und still werden.

Also wollte ich irgendwie einspringen. Wenn Mely und Sibel nicht mehr können, springe ich ein, bis sie wieder Energie haben. Dann spreche ich mit Gäst*innen in einem Podcast über Neid, über Geld, über Rassismus.

Auszug aus: Hatice Açıkgöz: Ich kann ja nicht aufhören zu hoffen. Aus: Hatice Açıkgöz (Hg.): Literarisch solidarisch – Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb. Verbrecher Verlag, März 2026. 200 Seiten.

 

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