In Kolumbien ist aus der Regierungsübergabe an den Sieger der Präsidentschaftswahl, den rechtsextremen Abelardo de la Espriella, ein öffentlicher Schlagabtausch geworden. Beide politischen Lager stellen die Legitimität des jeweiligen Gegners mit unhaltbaren Unterstellungen in Frage.

Will sich am 7. August in einer Militärgarnison vereidigen lassen, um seinen Anspruch, die Drogenkriminalität mit harten Mitteln zu bekämpfen, zu unterstreichen: der designierte kolumbianische Präsident Abelardo de la Espriella. (Foto: EPA/STRINGER)
Die feierliche Eröffnungssitzung des im März neugewählten kolumbianischen Parlaments verlief am Dienstag in friedlicherem Rahmen, als erwartbar gewesen wäre. Der scheidende Präsident Gustavo Petro hatte seine Anhänger zum 216. Jahrestag der Unabhängigkeit Kolumbiens zu Protesten gegen die zukünftige Regierung aufgerufen und dazu, die Sozialreformen seiner Regierung zur Not mit zivilem Ungehorsam zu verteidigen. Ausschreitungen blieben jedoch aus.
In seiner letzten Rede als Präsident sagte Petro jedoch: „Der Präsident Kolumbiens ist Iván Cepeda“, und zog damit einmal mehr das Ergebnis der Präsidentschaftswahl in Zweifel. Der auf seinen Amtsantritt harrende Wahlsieger Abelardo de la Espriella hatte die anhaltende Infragestellung seines Wahlsiegs durch Petro als Versuch eines „Staatsstreichs“ bezeichnet und bereits am 7. Juli zum Anlass genommen, die Treffen mit Petros Team zur Übergabe der Regierungsgeschäfte zu beenden.
Nachdem de la Espriella im Wahlkampf die Linke zum „Feind“ erklärt hatte („Ein Tiger auf dem Sprung“; woxx 1889), den er „ausweiden“ werde, ging der Präsident in spe ebenso feindselig an die Amtsübergabe heran. Der amtierenden Regierung unterstellte er Unregelmäßigkeiten bei millionenschweren Verträgen, die gegen Ende der Legislaturperiode abgeschlossen worden waren. Für diese Anschuldigungen gibt es keine Beweise.
Am 11. Juli erklärte auch Petro, nicht mehr bereit zu sein, die Regierungsgeschäfte zu übergeben. Dies folgte auf die Veröffentlichung eines Interviews, das die kolumbianische Zeitschrift „Cambio“ mit de la Espriellas Wahlkampfstrategen Carlos Lucio geführt hatte. Dieser – der wie Petro ein ehemaliger Guerillakämpfer der „M-19“ ist, jedoch von der Linken zur radikalen christlichen Rechten gewechselt ist – kündigte darin an, man werde Petro strafrechtlich verfolgen, weil er sich in seiner Amtszeit der Korruption schuldig gemacht habe.
In der Vergangenheit hatten die beteiligten Parteien die Übergabe der Regierungsgeschäfte stets als lediglich formellen Akt verstanden. Das Team von de la Espriella inszeniert dieses Prozedere unter der Führung des zukünftigen Vizepräsidenten José Manuel Restrepo nun als politisches Spektakel.
Unabhängige nationale Beobachtungsstellen sowie internationale Wahlbeobachter haben keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gefunden.
Als 2022 mit Gustavo Petro ein linker Politiker mit einer militanten Vergangenheit zum Präsidenten gewählt wurde, schürten seine Gegner die Angst, Kolumbien würde zu einem zweiten Venezuela werden – womit sie andeuteten, Petro strebe eine Diktatur unter seiner Führung an. Das hat sich als unzutreffend erwiesen. Nun jedoch schürt Petros permanente Infragestellung des Wahlergebnisses ihrerseits Sorgen und damit auch den Konflikt. Angefangen hatte es damit, dass Petro sich gute zwei Tage Zeit ließ, das Wahlergebnis vom 21. Juni formell anzuerkennen.
Auch wenn er zunächst versichert hatte, er werde die Regierungsgeschäfte an de la Espriella übergeben, schrieb er auf der Plattform „X“: „Der Wahlsieger nach Stimmenzahl war Iván Cepeda; Abelardos Sieg wurde mithilfe von Algorithmen aus Kalifornien errungen, und diese Algorithmen wurden von privaten israelischen Geheimdienstunternehmen entwickelt.“ Petro veröffentlichte sogar Screenshots von angeblichen „Algorithmen“, die das Abstimmungssystem durch „mächtige Staaten mit Rechenkapazität“ angreifbar machen würden. Er spielte damit darauf an, dass Kolumbiens Nachrichtendienst mit israelischer Software ausgestattet wurde.
Das auf FaktenprĂĽfungen spezialisierte Online-Magazin „La Silla VacĂa“ stufte die Behauptung, das Abstimmungssystem sei manipulationsanfällig, und die von Petro geteilten Screen- shots jedoch als Desinformation ein. Vielmehr haben unabhängige nationale Beobachtungsstellen sowie internationale Wahlbeobachter keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gefunden.
Iván Cepeda, dem als Zweitplatzierten in der Präsidentschaftswahl ein Sitz im Senat garantiert ist, erklärte in einer am 30. Juni auf seinem X-Account veröffentlichten Stellungnahme, er werde, wenn es drauf ankomme, „friedlichen zivilen Ungehorsam“ leisten, was bedeuten könne, „die Autorität einer Person nicht anzuerkennen, die sich nicht für die Verteidigung der nationalen Souveränität einsetzt“. Zudem forderte er de la Espriella auf, „klarzustellen, ob er Mitarbeiter oder Agent eines US-amerikanischen Sicherheits- und Geheimdiensts ist“.
Dass de la Espriella nicht nur die kolumbianische, sondern auch die italienische Staatsbürgerschaft besitzt und zudem die der USA angenommen hat, machten Journalisten und Opposition, aber auch Juristen während des Wahlkampfs wiederholt zum Thema. Das kolumbianische Recht erlaubt es Bürger*innen mit mehreren Staatsangehörigkeiten, Präsident zu werden, doch wurde beanstandet, dass man, um die US-Staatsbürgerschaft zu erwerben, einen Eid leisten muss, in dem man diesem Land vorrangig vor allen anderen Ländern die Treue schwört. Cepeda forderte de la Espriella in seiner Stellungnahme auf, seine US-Staatsbürgerschaft aufzugeben.
Abgesehen von der Aufregung um seine Staatsbürgerschaft unterhält de la Espriella tatsächlich enge wirtschaftliche und persönliche Verbindungen in die USA und ist ein entschiedener Unterstützer des US-Präsidenten Donald Trump sowie der israelischen Regierung – in offener Opposition zum diplomatischen Bruch, den Petro während seiner Amtszeit mit Israel vollzogen hatte. De la Espriella verspricht, wieder enge Beziehungen zu den USA zu pflegen und eine Botschaft in Jerusalem zu eröffnen.
Damit die AmtseinfĂĽhrung von de la Espriella, die fĂĽr den 7. August vorgesehen ist, stattfinden kann, mĂĽssen also noch einige Wogen geglättet werden. Erschwerend kommt hinzu, dass de la Espriella bereits während seines Wahlkampfs angekĂĽndigt hatte, sich statt wie ĂĽblich auf der Plaza de BolĂvar in Bogotá in einer Militärgarnison auĂźerhalb der Stadt vereidigen zu lassen, um seine Absicht, die militärische Bekämpfung der Drogenbanden wiederaufnehmen zu lassen, und seine uneingeschränkte UnterstĂĽtzung fĂĽr die Streitkräfte zu unterstreichen. Petro verbot als derzeitiger Oberbefehlshaber der Armee ausdrĂĽcklich, ein Bataillon fĂĽr diese Zeremonie zur VerfĂĽgung zu stellen. De la Espriella sucht nun nach rechtlichen Schlupflöchern, damit der Kongress seine militärische AmtseinfĂĽhrung am 7. August genehmigt. Dieser Auftakt lässt erahnen, was von den kommenden vier Jahren zu erwarten ist.

