Schriftstellerin, Journalistin, Fotografin, Reisende, Antifaschistin – Annemarie Schwarzenbach ist außerhalb der Schweiz nur als Randfigur der Geschichte der 1920er- bis 1940er-Jahre vermerkt. Die woxx folgt der Spur eines abenteuerlichen Lebens. Eine Biografie in zwei Teilen.

Annemarie Schwarzenbach mit ihrer Rolleiflex-Kamera in Malans, 1938. (Foto: Anita Forrer, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Schweizerischen Literaturarchivs.)
Es gab einen Punkt in dieser Recherche, an dem ich merkte, dass ich zu weit gegangen war. Journalist*innen, die biografische Stücke schreiben, kennen ihn vielleicht, diesen Point-of-no-Return: ein unbedachter Schritt und man fällt ins Rabbit-Hole. Das ganze Ausmaß des Themas „Annemarie Schwarzenbach“ offenbarte sich für mich erst richtig, als ich im Februar versuchte, mit laut quietschenden Stiefeln durch den Lesesaal des Schweizerischem Literaturarchivs zu schleichen, den Blick auf einen Stapel Pappschachteln gerichtet, die man mir bereitgelegt hatte. Ich sollte vor meinen Besuch möglichst genau die Dokumente benennen, die ich einsehen wollte. „Der Bestand von Annemarie Schwarzenbach weist um die 50 Schachteln auf“, hatte es auf meine Anfrage geheißen: Sie enthielten eng beschriebene und getippte Seiten, Manuskripte von Kurzgeschichten, Novellen, Romane, Prosagedichte, Artikel, Briefe, Fotos, ein Theaterstück, Notizen, Rezensionen, Nachrufe … „Ich werde diesem Leben niemals auf den Grund gehen können“, schoss es mir durch den Kopf.
„Was ist es, das mich zu immer neuem Aufbruch treibt? Was will ich erfahren? Etwas Wesentliches.“
Viele biografische Artikel über Annemarie Schwarzenbach beginnen mit den tragischen Zufällen und Fehlentscheidungen, die zum Ende dieses kurzen, aber spektakulären Lebens geführt haben. Ein scheinbar perfekter Einstieg, um das ungewöhnliche Leben dieser grenzenlos Schreibenden zu rahmen, wenn weder Länder, Genres oder Liebschaften sie halten konnten. Ebenso unwahrscheinlich wie das Ende der Geschichte ist jedoch auch ihr Anfang (und alle Episoden dazwischen).
„Mit dem Wetterphänomen vom 23. Mai dieses Jahres (1908) stehen wir tatsächlich an den Grenzen dessen, was in unserem klimatischen Reich an meteorologischen Exzessen überhaupt möglich ist“, zitiert Annemaries Großneffe Alexis Schwarzenbach in seiner Bildband-Biografie „Auf der Schwelle des Fremden“ die Schweizerische Meteorologische Zentralanstalt „zum Tag der Geburt einer Frau, deren gesamtes Leben von außergewöhnlichen Zufällen und Begegnungen geprägt war.“ Das Thermometer klettert an Annemarie Minna Renée Schwarzenbachs Geburtstag auf 28 Grad. Es ist schwül und heiß, als ihre Mutter Renée zur Geburt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Kurz vor ihrer Niederkunft schlägt das Wetter um: In der Nacht beginnt es zu schneien. Am nächsten Morgen ist Zürich, der Geburtsort, verwüstet. Eine Schneeschicht bedeckt die Stadt, Bäume sind zerstört, Zug-, wie Telefonverbindungen gekappt. Das Omen eines Lebens, das durch Einsamkeit und der Suche nach Sinn geprägt ist – letzteres findet sie immer wieder in der kreativen Arbeit des Schreibens: Die Fragmentierung des modernen Menschen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs wird zum Leitmotiv ihres Schreibens.
Europa, Asien, Nordamerika und Afrika: Vier Kontinente bereiste Annemarie Schwarzenbach, allein oder in Begleitung anderer Frauen, zu einer Zeit in der dies alles andere als einfach, aber auch „in Mode“ war – vor ihr waren zum Beispiel Gertrude Bell und Vita Sackville West im Nahen und mittleren Osten unterwegs. Die bevorzugte Reisemethode ist für Schwarzenbach das Automobil: 1939 fährt sie zusammen mit der Profisportlerin und ebenfalls notorisch reisenden Ella Maillart von Genf über die Türkei und den Iran nach Afghanistan – ihre berühmteste Reise. In allen Lebenslagen mit dabei: Kamera (eine Rolleiflex), Schreibmaschine und Zigaretten. Dank ihres reichen Elternhauses, der Vater ein Magnat der Seidenindustrie, die Mutter aus dem militäraffinen Adelsgeschlecht von Bismarck, hat sie bereits in jungen Jahren die finanziellen Mittel und auch Beziehungen, um viele ihrer Projekte anzufangen. Ihrer Expertise und resoluten Entschlossenheit ist es zu verdanken, dass sie Mal um Mal ihre Projekte durchsetzt, trotz Erkrankungen, Drogensucht und später finanziellen Engpässen.
„Ich möchte ein Buch schreiben, das man langsam und laut lesen könnte, und jeder Satz, selbst zusammenhanglos, wäre klangvoll und schön.“
Allein der Nachlass, der beim Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrt wird, umfasst ca. 300 literarische und journalistische Werkmanuskripte und rund 7.000 Fotoeinheiten (davon 4.400 Positive, 2.460 Negative). Ein Werk von dem während ihrer Kindheit noch niemand ahnt. Annemarie ist das dritte von fünf Kindern und der unangefochtene Liebling ihrer Mutter Renée, einer Hobbyfotografin, die das Leben auf dem elterlichen Gut Bocken fotografisch dokumentiert. Bevor sie selbst zur Kamera greift, ist Annemarie bereits geübt darin, Motiv zu spielen. Musikalisch begabt ist sie und wäre in einem anderen Leben vielleicht Pianistin oder Tänzerin geworden – eine Affinität zur Kunst- und Kulturszene der Zeit ist auf jeden Fall gegeben. Das Gut Bocken, heute ein Seminarhotel im Besitz des Schweizer Finanzkonzerns Swiss Life, ist bekannt für gesellschaftliche Happenings mit berühmten Gäst*innen, darunter Winifred Wagner, Gerhart Hauptmann, Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler, Richard Strauss, Richard Wagner und Emmy Krüger. Letztere ist nicht bloß Gästin – die deutsche Opernsängerin geht ein und aus, über drei Jahrzehnte ist sie Renée Schwarzenbachs Geliebte. Es ist in der Familie und vermutlich auch im Umfeld ein offenes Geheimnis, das die Ablehnung der Mutter gegenüber der Homosexualität ihrer Tochter auf den ersten Blick unverständlich macht, auf den zweiten vielleicht sogar ein stückweit erklärt. Geheim hielt Annemarie ihre Liebschaften nie: Nichts liegt ihr ferner als einen Schein für die gehobene Gesellschaft zu wahren. Während ihrer Kindheit ist ihre Androgynität – sie liebt ihre traditionellen Lederhosen, lässt sich früh eine Kurzhaarfrisur schneiden und nennt sich Fritz oder Karl-Otto – jedoch durchaus noch gern gesehen. Anders als Annemaries zweite Leidenschaft: das Schreiben.
„Schon als Kind hatte ich die Neigung, alles aufzuschreiben, was ich sah, tat, erlebte und empfand“, schreibt sie Jahre später in einem ihrer Artikel. „Mit neun Jahren schrieb ich in ein liniertes Heft meinen ersten Roman; das ich wusste, dass Neunjährige von den Erwachsenen nicht ernst genommen werden, liess ich den Helden elf Jahre alt sein.“ Ihrer Mutter kann mit dieser Berufung wenig anfangen. Ihre Tochter hingegen träumt davon, Literatur und Musik zu verbinden, ist sie doch eine begnadete Klavierspielerin und hätte um ein Jahr diesen Weg auch professionell eingeschlagen. „Musik ist ganz ohne Geschehen, und dennoch lassen wir uns erschüttern“, schreibt sie an ihren Jugend-Mentor, den Pastor Ernst Merz. Mit ihrem Werk will Annemarie Schwarzenbach die Menschen genauso aufwühlen. „Der Inhalt ergibt sich von selbst, aber zu schreiben, zu formen – langsam, gleichsam musizierend zu schreiben: das gibt mir ein ungeheures Glücksgefühl.“ Wegen einer Erkrankung wird Annemarie zunächst zuhause unterrichtet, bevor sie an eine Privatschule in Zürich wechselt. Annemarie geht oft ins Theater und verliebt sich in eine Schauspielerin. Die Eltern sind wenig erfreut von diesem Verhältnis und schicken sie in Folge in ein Internat für Mädchen aus „gutem Hause“ nach Fetan. Dort tritt sie der Jugendbewegung „Wandervogel“ bei – erste Artikel erscheinen, zum ersten Mal trägt ihre Leidenschaft Früchte.
Nach der Schule folgt ein Studium der Geschichte in Zürich und Paris, welches sie mit einem Doktortitel mit gerade mal 23 Jahren abschließt. Nahezu zeitgleich erscheint ihr erster Roman „Freunde um Bernhard“. Es ist Anfang der 1930er-Jahre – Annemarie lebt in Berlin, kostet die intellektuelle, künstlerische Bohème der Zeit voll aus und verbringt viel Zeit mit ihren neuen Freund*innen, den Geschwistern Erika und Klaus Mann, Kinder des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Klaus ist ihr auf freundschaftlicher Ebene nahe – bei Erika kommt noch etwas anderes hinzu. Annemarie verliebt sich in die berühmte Literatentochter. Die Liebe bleibt unerwidert. Eine Erfahrung, die Annemarie in ihrem Leben oft andersherum erleben wird. Durch die beiden lernt sie auch Dorothea Sternheim, genannt „Mopsa“, die Tochter des Dramatikers Carl Sternheim kennen. Eine Begegnung, die deshalb schicksalshaft ist, weil sie durch Mopsa zum ersten Mal mit Morphium in Berührung kommt – Die Droge lässt sie fast bis zum Schluss ihres Lebens nicht mehr los. Immer wieder versucht sie den Entzug, mal in Kliniken, mal mithilfe von Reisen: auch ihre berühmteste Reise mit Ella Maillart diente diesem Zweck.
„Über nichts bestimmen wir weniger als über unsere Erlebnisse.“
Die Zeit in Berlin bringt ihren zweiten Roman „Lyrische Novelle“ hervor, mit der Stadt selbst kann sie sich hingegen nicht dauerhaft anfreunden. Ihr fehlen Natur und Berge, das Gros ihres Romans entsteht abseits im kleinen Ort Rheinsberg in Brandenburg. Berlin in den 1930ern ist auch ein Ort des Widerstands gegen Hitler und seiner immer größer werdenden nationalsozialistischen Gefolgschaft. Ein Widerstand, dem sich die Geschwister Mann sowie Annemarie Schwarzenbach mit Leib und Seele verschreiben – Erika mit ihrem politischen Kabarett „Die Pfeffermühle“, Klaus und Annemarie schreibend. 1933 ist Annemarie zum ersten Mal als Reisereporterin unterwegs, in Begleitung der Fotografin Marianne Breslauer fährt sie über Frankreich und Andorra in die spanischen Pyrenäen. Bei ihrer Rückkehr werden die beiden allerdings von der Nachricht überrascht, dass sie Breslauer Fotos nicht für die deutsche Presse nutzen können – denn diese ist Jüdin. Dank der guten Beziehung Annemaries zum Chefredakteur der Zürcher Illustrierten, Arnold Kübler, wurden Artikel und Fotos in der Schweiz veröffentlicht, allerdings ohne den Namen der Fotografin zu nennen. „Ich weiß nicht mehr, wann es genau war, dass sie (Ruth Landshoff-Yorck) mit Annemarie vorbeikam“, wird Breslauer Jahrzehnte später in ihrer Autobiografie „Bilder meines Lebens“ schreiben, „doch ist mir noch lebhaft gegenwärtig, wie mich bei ihrem ersten Anblick schier der Schlag traf. Denn Annemarie war – ich muss dies immer wieder sagen – das schönste Lebewesen, dem ich je begegnet bin.“ Ein Effekt, den Breslauer auch auf ihre bemerkenswerte Androgynität zurückführt: „wie der Erzengel Gabriel vor dem Paradiese stehend erschien sie mir.“ In den kommenden Jahren wird Marianne Breslauer, eine Schülerin Man Rays, immer wieder Fotos von Annemarie machen, immer mit dem Versuch, diesen Eindruck photographisch festzuhalten.
Das Wort „Engel“ fällt immer wieder in Bezug auf Annemarie Schwarzenbach. Gleich zwei Nobelpreisträger für Literatur, Roger Martin du Gard und Thomas Mann, beschreiben ihre Erscheinung so. Ist sie 1931 für du Gard noch der „untröstliche Engel“, notiert sich Mann 1938 „verödeter Engel“ in sein Tagebuch. Viel ist geschehen zwischen diesen Jahren. Die Machtergreifung Hitlers 1933 trifft Annemarie Schwarzenbach und ihr Umfeld wie ein Schlag ins Genick. Im Herbst des Jahres bricht sie auf zu ihrer ersten großen Asien-Reise über Syrien, den Libanon und Palästina nach Persien (heute Iran), wo sie bei archäologischen Ausgrabungen hilft und Material für ihr drittes Buch, den Reisebericht „Winter in Vorderasien“ sammelt. Es erscheint 1934, ebenso wie die erste Ausgabe der Widerstandszeitschrift „Die Sammlung“, herausgegeben von Klaus Mann. Idee und Finanzierung der Umsetzung stammen größtenteils von Annemarie, literarische Beiträge, die sie immer wieder zu platzieren versucht, lehnt Klaus Mann jedoch ab. Lediglich zwei Rezensionen werden über die Zeit des Erscheinens abgedruckt werden – trotzdem ist ihr Mitwirken für die Nazis der Grund Annemarie Schwarzenbach den Aufenthalt in Deutschland zu verbieten.

Durch Mopsa Sternheim, die Tochter des Dichters Carl Sternheim, kommt Annemarie Schwarzenbach im Herbst 1932 in Berlin das erste Mal mit Morphium in Kontakt. (Foto: Annemarie Schwarzenbach)
Als Erikas Pfeffermühle Ende 1934 durch die Schweiz tourt, befindet sich Annemarie gerade zum zweiten Mal in Teheran, wo sie auch den zu Lebzeiten einen Teil des unveröffentlichten Kurzgeschichtenband „Der Falkenkäfig“ schreibt – später in veränderter Form erschienen als „Bei diesem Regen“. Bei einer Aufführung der Pfeffermühle in Zürich kommt es zu einem Eklat: Schweizer Hitlersympathisanten, die sogenannten „Frontisten“ stören das Kabarett mit Pfiffen und antisemitischen Rufen, es bricht ein Krawall aus. Erika verdächtigt Annemaries Mutter, Renée, hinter dem Boykott zu stecken. Tatsächlich ist Renée glühende Verehrerin Hitlers und wie ihre Freundin Emmy Krüger Antisemitin. Einer der Gründe, weshalb sich Erika und Renée verfeindet gegenüberstehen – ein anderer ist der Wunsch, Annemarie zu kontrollieren. Beide verlangen ihre unbedingte Loyalität, beide haben ihre Druckmittel. Tatsächlich gehört einer der „Aufrührer“ zur Familie Schwarzenbach. Es ist Annemaries Cousin väterlicherseits James Schwarzenbach, der mehr als 30 Jahre später mit der sogenannten „Schwarzenbach-Initiative“ politisch gegen eine angebliche „Überfremdung“ der Schweiz aus dem Süden durch die Italiener*innen am rechtsextremen Rand ins Feld ziehen wird. Beweise, dass auch Renée Schwarzenbach in diesem Boykott involviert ist, gibt es allerdings nicht – angesichts ihrer Abneigung gegenüber Skandalen ist es eher unwahrscheinlich. So verneint auch Annemarie vor der Freundin vehement, dass ihre Mutter dahintersteckt. Die Fronten scheinen verhärtet, Erika und Renée sind schon lange in Feindschaft verbunden und reiben Annemarie zwischen sich auf. Am Ende verurteilt diese sofort nach ihrer Rückkehr aus dem Iran den Angriff auf die Pfeffermühle aufs Schärfste – ein öffentliches Bekenntnis, das Erika und Klaus nicht reicht und Renée zu viel ist.
Im Januar des Jahres 1935 versucht Annemarie das erste Mal, sich das Leben zu nehmen. Zwar bringt sie diese Tat wieder in Kontakt mit Freund*innen und der Familie, allerdings wird der Bruch nie wieder richtig gekittet. Die Manns bleiben emotional auf Distanz und verurteilen immer wieder, dass Annemarie nicht endgültig mit ihrer Familie bricht und von den finanziellen Mitteln ihrer faschistischen Eltern profitiert. Geld, das von Annemarie an sie und ihre Projekte fließt, lehnen sie ihrerseits jedoch nie ab – ganz im Gegenteil. In Deutschland und der Schweiz hat das antifaschistische Kabarett schon längst Auftrittsverbot, als die Pfeffermühle 1936 ihre letzten Aufführungen in Europa hat: im „ALFA“ in Luxemburg-Stadt und im „Hotel de la Poste“ in Esch/Alzette. Auch Annemarie ist zur Unterstützung mit dabei.
„Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, ich werde schwächer, und was ich schreibe, wird täglich weniger. Eigentlich ist es meine grösste Sorge –, ja, die einzige Furcht, die noch zählt, dass ich nicht mehr alles aufzeichnen könnte …“
Im Mai des Jahres 1935 heiratet Annemarie Schwarzenbach jedoch zunächst den französischen Diplomaten Claude Achille Clarac, der ebenfalls homosexuell und zu dieser Zeit in Teheran stationiert ist. Annemarie hat fortan einen französischen Pass, der ihr (noch) viele Türen öffnet. Das Leben einer Diplomatenfrau schränkt sie jedoch zu sehr ein: Nach einem Skandal wegen einer Liebesbeziehung zur Tochter des türkischen Botschafters und dessen Tod, verfällt sie in eine Depression. Während der Zeit schreibt sie „Tod in Persien“, ein Werk, dass sie 1940 überarbeitet als „Das glückliche Tal“ herausbringt. Es ist das letzte Buch, das sie während ihres Lebens veröffentlicht, jedoch mitnichten das letzte, das sie schreibt. Immer wieder zeigt sich: Das Schreiben bleibt ihr immer – in unterschiedlichen Formen – durch alle Lebensphasen hinweg und besonders auch dann, wenn es durch Leiden inspiriert ist. So entstehen die Vielzahl an Erzählungen, Gedichten, Romanen, ein Theaterstück und vor allem Reisereportagen und Artikel. Bereits im Oktober des Jahres kehrt Annemarie in die Schweiz zurück, wo sie in Sils Baselgia im Engadin seit Mitte des Vorjahres ein Haus, genannt Haus Jäger, anmietet. Jedoch nicht ohne zuvor Bekanntschaft mit Barbara Hamilton Wright, der Ex-Verlobten ihres Mannes gemacht zu haben. Sie ist es, die Annemarie mit ihrer Zuwendung zurück ins Leben holt. Und sie ist es auch, mit der Annemarie erneut einen anderen Weg einschlägt. Es geht von der alten in die neue Welt: nach Amerika.
Sechs Stunden und sechs Schachteln schaffe ich am ersten Tag im Literaturarchiv. Die Augen brennen, der Rücken schmerzt und die Schuhe quietschen immer noch, als ich mich mit unzähligen Fotografien und einem halb vollgeschrieben Notizbuch in die Nacharbeitung verabschiede. Morgen erwarten mich sieben Schachteln von der Zeit ab Annemaries Amerika Aufenthalt.

