Nach ihrem Erfolg mit „Prima facie“ widmet sich die Autorin, Dramatikerin und ehemalige Strafverteidigerin Suzie Miller in ihrem neuen Roman „Inter alia“ wieder einem moralischen Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit. Im Fokus steht die Richterin Jessica Parks, die am Londoner Crown Court harte Urteile fällt und sich als Feministin versteht. Ihr Leben gerät völlig durcheinander, als ihrem siebzehnjährigen Sohn Harry vorgeworfen wird, eine Mitschülerin auf einer Party vergewaltigt zu haben. Während Jessica zwischen der Liebe für ihren Sohn und dem Glauben an das Gesetz ringt, bereitet ihr Partner mit einem Kollegen die Verteidigung von Harry vor. In einem rasanten, handlungsorientierten Stil, der von Katharina Martl und Anne Flückiger hervorragend aus dem Englischen übertragen wurde, treibt Miller die Geschichte voran und verwebt dabei Vergangenheit und Gegenwart. Zugleich wirft sie die Frage auf, welches Männerbild eine patriarchale Gesellschaft hervorbringt und wie es Machtmissbrauch begünstigt. Die Dialoge sind teils flach – gerade in Jessicas Gesprächen mit ihrem Partner über Feminismus –, die Figuren etwas eindimensional und einzelne Szenen zu schematisch. Dennoch ist der Roman eine lohnende Lektüre, die zugleich Unbehagen und Wut auslöst – angesichts der zermürbenden Situation, in der patriarchale Strukturen Täter schützen und Betroffene von sexualisierter Gewalt vom Justizsystem benachteiligt werden.
Suzie Miller: Inter alia. Übersetzt aus dem Englischen von Katharina Martl und Anne Flückiger. 304 Seiten. Kjona Verlag, 2026.


