JUNGE KANDIDATiNNEN: Gemeindewahlen – U30

von | 02.09.2011

Am 9. Oktober sind Gemeinde-wahlen – eine Veranstaltung, die vielen Unter-30-JĂ€hrigen eher unattraktiv anmuten dĂŒrfte. Die woxx fragte nach den Problemen, Motivationen und Ambitionen junger KandidatInnen.

Es sind noch PlĂ€tze frei: Bei Kommunalwahlen dĂŒrfen auch schon Mal die „Jonk“ ran.

Auf öffentlichen PlĂ€tzen fallen einem zur Zeit leere Plakattafeln auf – ein Anzeichen dafĂŒr, dass Wahlen bevorstehen. Vom Publikum weitgehend unbemerkt, laufen langsam aber sicher auch in den Parteizentralen die Wahlvorbereitungen an: Kisten mit Wahlgadgets werden gestapelt und die eintreffenden Kandidatenlisten ins Internet gestellt. Schaut man sich diese Listen nĂ€her an, so blicken einem durchaus auch einige jĂŒngere Gesichter entgegen. Ein Umstand, der nicht als selbstverstĂ€ndlich angesehen werden sollte.

Spontan befragt, wundert sich etwa die 20-jĂ€hrige Alessia (Luxemburg-Stadt), die offen zugibt, dass sie sich eigentlich nicht fĂŒr Politik interessiert: „Gemeindewahlen, gibt`s da ĂŒberhaupt junge Kandidaten?“ Sogar die Kandidierenden sind sich durchaus bewusst, dass Gemeindepolitik auf viele junge Leute nicht besonders attraktiv wirkt. So, rĂ€umt Marc Baum, als aktueller Gemeinderat an der Zusammenstellung der Liste von DĂ©i LĂ©nk in Esch beteiligt, ein: „Jugendliche wissen oft nicht genau, wie Gemeinden ĂŒberhaupt funktionieren, hinzu kommt, dass auch diejenigen, die politisch interessiert sind, Gemeindepolitik als sehr technisch empfinden“. Auch Max Hahn (30), PrĂ€sident der Jungen Liberalen (JDL), bestĂ€tigt diese EinschĂ€tzung. Als Kandidat fĂŒr die DP in Dippach kennt er die Skepsis seiner Freunde gegenĂŒber seinem Engagement. Er war bereits 2005 in den Dippacher Gemeinderat gewĂ€hlt worden und musste sich oft anhören, ein unverbesserlicher Idealist zu sein, beispielsweise wenn er am Abend eine Generalversammlung der Amiperas besuchte, anstatt mit seinen Freunden ins CafĂ© zu gehen.

Politikverdrossenheit?

Trotz dieses Kontrasts zwischen politisch Engagierten und Nicht-Engagierten, ist man parteiĂŒbergreifend ĂŒberzeugt, dass man auch junge WĂ€hler mit Gemeindepolitik erreichen kann. Man mĂŒsse jedoch gezielt sensibilisieren, betont Dan Schmit (21), ebenfalls DP-Kandidat in Dippach. Junge BĂŒrger seien nĂ€mlich oft an politischen Themen interessiert, ohne sich dessen eigentlich bewusst zu sein. FĂŒr Michel Erpelding (27), Kandidat von DĂ©i LĂ©nk in der Stadt, ist es deshalb besonders wichtig, gezielt auf die WĂ€hler zuzugehen: „Man muss konkrete Fragen besprechen, die die Leute persönlich betreffen, und rationale Antworten auf sie geben, dann können gemeindepolitische Probleme durchaus auf offene Ohren stoßen“. Daneben sei es sinnvoll, neben neuartigen Methoden, wie Facebookmitteilungen, auch altbewĂ€hrte Mittel zu nutzen, zum Beispiel das Verteilen von Streitschriften. Oft wird auch gefordert, politische Themen mĂŒssten in weit grĂ¶ĂŸerem Umfang in den Schulen behandelt werden. Gina Árvai (18, DĂ©i GrĂ©ng ? DĂŒdelingen) und Ben Hoffmann (21, LSAP – Hesperingen) sind zum Beispiel der Meinung, dass ein einziges Jahr Gemeinschaftskunde auf keinen Fall ausreichen kann, um die Jugend ausreichend politisch zu informieren. Die GrĂŒnen-Kandidatin ist ĂŒberzeugt, dass die den LehrkrĂ€ften zur Pflicht gemachte NeutralitĂ€t die Verbannung von politischen Themen aus dem Unterricht zur Folge hat.

Ungeachtet der fehlenden Begeisterung vieler junger WĂ€hler, können sich die Parteien nicht ĂŒber einen Mangel an jungen Kandidaten beklagen. Daran Ă€ndern auch HĂŒrden, wie Auslandsstudien oder die Angst, als LetztgewĂ€hlter zu enden, nichts. StĂ©phane Majerus (36) SekretĂ€r von DĂ©i GrĂ©ng, beispielsweise gibt sich zufrieden: „Wir finden unsere Liste sehr jung“. Diese positive Tendenz wird denn auch von anderen Parteien bestĂ€tigt. Bei den vier großen Parteien wird die Anzahl der jungen Kandidaten landesweit voraussichtlich jeweils zwischen 70 und 100 liegen. Wegen einiger noch nicht fertiggestellter Listen können jedoch noch keine definitiven Zahlen genannt werden. Auch DĂ©i LĂ©nk und der ADR zeigen sich mit dem bisherigen Anteil ihrer unter-30-jĂ€hrigen Kandidaten zufrieden.

Es wĂ€re also verfehlt, von einer generellen Politikverdrossenheit der Jugend zu sprechen, da immer noch eine bemerkenswerte Anzahl junger Kandidaten den Weg auf die Parteilisten findet. Im Gegensatz zu vielen ihrer Alterskollegen geben die meisten unter ihnen an, schon sehr frĂŒh ein Interesse an politischen Themen entwickelt zu haben. So erzĂ€hlt Philippe Schockweiler (25, DĂ©i GrĂ©ng ? Luxemburg-Stadt): „Ich war schon sehr frĂŒh stark an Umweltthemen interessiert und war zum Beispiel im Panda Club aktiv; wenig spĂ€ter kamen dann Themen wie die Menschenrechte oder die Anti-Atombewegung hinzu.“ Nachdem er sich mit mehreren Parteiprogrammen auseinandergesetzt hatte, entschied er sich 2004, Mitglied bei DĂ©i Jonk GrĂ©ng zu werden. Die Grundwerte der Partei haben auch fĂŒr CSJ-PrĂ€sident Serge Wilmes, seit dem 17. Lebensjahr CSV-Mitglied, eine wichtige Rolle gespielt: „Christlich-soziale Werte lagen mir schon immer am Herzen“. Neben der Anziehungskraft von ideologischen Leitlinien spielen jedoch auch andere Faktoren eine wichtige Rolle bei der Kontaktaufnahme zu Parteien. So fĂ€llt auf, dass junge Engagierte oft bereits durch ihre Familie Kontakt zu einer Partei hatten, bevor sie selbst Mitglied wurden. Daneben können Vereine und Einrichtungen wie Jugendparlamente eine wichtige Rolle bei der Politisierung der Jugend spielen.

Politisches Engagement in jungem Alter bedeutet jedoch nicht, dass man eine Kandidatur bei den Gemeindewahlen als selbstverstĂ€ndlich betrachtet. Dieser Meinung ist jedenfalls Michel Erpelding, der sich zur Kandidatur entschloss, weil ihm bewusst wurde, „dass es in Luxemburg-Stadt Probleme gibt, die mir nahegehen, obwohl ich nicht immer in der Stadt gewohnt habe. Beispielsweise kenne ich einige Leute in meinem Alter, die Schwierigkeiten haben, eine bezahlbare Wohnung zu finden.“ CSV-Mann Serge Wilmes, der nach dem plötzlichen Tod Luciens Thiels wohl in die Chamber nachrĂŒcken wird, sieht seine Gemeindekandidatur allerdings auch als Teil seines allgemeinen politischen Engagements: „Nachdem ich 2009 bereits an den Nationalwahlen teilgenommen habe, gehört es fĂŒr mich irgendwie dazu, bei den Gemeindewahlen zu kandidieren.“ Davon abgesehen seien Gemeindewahlen fĂŒr jeden Jungpolitiker eine gute Möglichkeit, sich mit den Prinzipien der Demokratie bekannt zu machen und Leute kennenzulernen.

Konkurrenzkampf?

TatsĂ€chlich scheinen die Gemeindewahlen besonders geeignet zu sein, Nachwuchspolitikern erste Wahlkampferfahrungen zu vermitteln. Dank der großen Zahl der Listen ist es hier nĂ€mlich einfacher, nominiert zu werden, als bei Nationalwahlen. DarĂŒber hinaus, achten die Parteien offenbar auf die Ausgeglichenheit ihrer Listen. Marc Baum (DĂ©i LĂ©nk – Esch) erklĂ€rt: „FĂŒr uns spielen verschiedene Kriterien, wie Alter, Geschlecht oder soziales Umfeld eine Rolle.“ Deshalb werde immer darauf gesehen, wenigstens ein bis zwei unter-30-jĂ€hrige Kandidaten aufzustellen. Max Hahn und Philippe Schockweiler sind sogar der Meinung, dass es in der Regel Parteiverantwortliche sind, die jungen Engagierten eine Kandidatur vorschlagen. Obschon keine Partei sich feste Richtlinien in puncto Altersdurchschnitt setzt, gibt es in dieser Hinsicht wenig Unstimmigkeiten zwischen jungen und Ă€lteren Parteivertretern. Es scheint also kein nennenswertes KonkurrenzverhĂ€ltnis zwischen Jung und Alt bei Gemeindewahlen zu bestehen.

Nichtsdestotrotz weisen die Parteien einige Unterschiede in der Stellung ihrer jungen Kandidaten auf. So fĂ€llt zum Beispiel auf, dass die meisten jungen CSV-Kandidaten bereits Ämter in der CSJ oder ihren jeweiligen Lokalsektionen bekleiden. Sie scheinen also eine mehr oder weniger geregelte Parteikarriere zu durchlaufen, bevor sie als Kandidaten antreten. Auch Michel Erpelding (DĂ©i LĂ©nk) hebt die Unterschiede zwischen kleinen und grĂ¶ĂŸeren Parteien hervor: „Wenn man sich in einer großen Partei klug verhĂ€lt, kann man spĂ€ter einmal Minister werden; bei uns muss man kĂ€mpfen, sich profilieren“. Er ist demnach ĂŒberzeugt, dass einige der jungen Kandidaten von heute einmal ihren Ă€lteren Parteikollegen folgen werden, um eine wichtige politische Rolle im Land zu ĂŒbernehmen.

Abschließend zu ihren persönlichen Wahlambitionen befragt, geben sich die meisten jungen Kandidaten eher bescheiden. Philippe Schockweiler und Dan Schmit etwa betonen, ihnen sei die gemeinsame Sache der Partei wichtiger als der persönliche Erfolg. Ben Hoffmann gibt zu bedenken, dass man, wenn man zum ersten Mal antritt, ohnehin keine Anhaltspunkte habe. Ein Platz im Mittelfeld der Liste wĂŒrde ihn daher durchaus zufriedenstellen. Nicht alle wollen sich jedoch mit dem olympischen Gedanken zufriedengeben. JDL-PrĂ€sident Max Hahn etwa schlĂ€gt ambitioniertere Töne an: „Ganz ehrlich, es wĂ€re eine RiesenenttĂ€uschung fĂŒr mich, wenn ich nicht gewĂ€hlt werden wĂŒrde!“. Dann fĂŒgt er, ganz im Stile seiner Ă€lteren Parteikollegen hinzu: „Aber am 9. Oktober entscheidet der WĂ€hler…“.

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