In Brüssel haben arabische Journalisten nicht mit Kritik am Verhalten der EU zum arabischen Frühling gespart. Im Umgang mit den neuen Regimes fordern sie eine klare Positionierung der europäischen Politik und eine deutlichere Verurteilung undemokratischer Vorgehensweisen ihrer Regierungen.

„Die arabischen Frauen sind wütend“. Vergangene Woche trugen sie ihre Wut in die europäische Hauptstadt.
Die Bezeichnung „arabischer FĂĽhling“ mochten die wenigsten der Anwesenden im Seminarraum des europäischen Parlaments in BrĂĽssel. Vor allem bei den vorwiegend aus dem Mittelmeerraum angereisten Journalisten stieĂź deshalb schon der Titel der Veranstaltung „Euro-Mediterrane Beziehungen und der arabische FrĂĽhling“ auf Kritik. Die Umwälzungen, die in Tunesien, Ă„gypten und Libyen stattfanden, als „Arab Spring“ zu bezeichnen, wurde von vielen als westliches ClichĂ© empfunden. Der Begriff sei vor allem angesichts der Entwicklungen, die nach dem Sturz der verschiedenen Regimes stattgefunden haben, eher irrefĂĽhrend.
Im Mittelpunkt der Diskussionen, die Journalisten mit verschiedenen Vertretern der Europäischen Union fĂĽhrten, stand die Kritik am europäischen Kurs gegenĂĽber den neuen Machthabern in Tunesien, Ă„gypten und Libyen. „Ich kann mir beim besten Willen nichts unter einem moderaten Islamismus vorstellen, können Sie mir das Konzept erklären?“, fragte eingangs ein betagter tunesischer Journalist. Doch er bekam zunächst keine Antwort. Der Direktor des Europäischen Auswärtigen Dienstes, Hugues Mingarelli fĂĽhlte sich hier nicht zuständig: „Wenn Sie es nicht wissen“, so seine Reaktion, „es ist wirklich nicht meine Rolle, Ihnen das zu erklären.“
„Die EU packt Demokratiegegner mit Samthandschuhen an.“
„Die EU unterstĂĽtzt den arabischen FrĂĽhling nicht wie sie sollte und könnte“, stellte ein ägyptischer Journalist fest und fragte, ob dies aus Unsicherheit im Umgang mit Islamisten geschehe. „Ich bin ziemlich entgeistert ĂĽber die Doppelstandards der EU“, empörte sich ein tĂĽrkischer Kollege und wollte von den Anwesenden wissen, „steckt da eine Agenda dahinter?“. Man wolle „keine Lektionen erteilen“, keine „Verhaltensregeln aufstellen“, sich nicht in „interne Angelegenheiten einmischen“, lauteten im Laufe des Veranstaltung immer wieder die Reaktionen der EU-Vertreter auf solche direkten Anfragen. Eine dieser Fragen kam von der tunesischen Journalistin Nedra Boukesra. Sie leitet in Tunis die „Tunis Afrique Press Agency“. Die Europäische Union fĂĽhre einen „doppelten Diskurs gegenĂĽber der islamistischen Regierungen“ in den Ländern, in denen es einen Wechsel gab, so ihre Kritik. „Sie pocht einerseits auf die Universalität der Menschenrechte und flirtet andererseits mit den Islamisten“, sagte Boukesra und fragte: „Was gedenkt die Union gegenĂĽber der Bedrohungen aus Saudi-Arabien und Katar zu tun?“
Auf dem Podium saĂź auch Barbara Lochbihler, EU-Abgeordnete der GrĂĽnen und frĂĽhere Chefin von Amnesty Deutschland. Sie kennt sich aus mit Debatten ĂĽber Menschenrechte. Doch auch sie weicht angesichts der VorwĂĽrfe eher aus. „Wenn wir mit Regierungsvertretern in Nordafrika sprechen, bekommen wir immer wieder zu hören, dass bestimmte Rechte wegen kultureller Unterschiede nicht umsetzbar sind“, so Lochbihler. „Wir verweisen in solchen Momenten immer auf die Charta der Vereinten Nationen ĂĽber die Menschenrechte“. Man mĂĽsse die jeweils spezifische Lage analysieren und eventuelle Verstöße gegen die Menschenrechte präzise anprangern. Etwa, wenn neue Gesetze erlassen werden oder eine neue Verfassung ausgearbeitet wird. „Nachhaltiger Wechsel muss von innen kommen, danach können wir die Kräfte, die ihn vorantreiben, unterstĂĽtzen“, so Lochbihler.
Doch das reicht vielen der Anwesenden nicht aus „Wir haben einen Kodex fĂĽr die Presse, er wird jedoch oft ignoriert. Erinnern Sie die Regierungsvertreter manchmal an Abkommen, die sie unterzeichnet haben und dennoch nicht einhalten?“, bringt eine marrokanische Journalistin in die Debatte ein. „Sicher tun wir das“, antwortet Mingarelli, „jedes Mal, wenn wir die Gelegenheit dazu haben“. Im anschlieĂźenden „hard talk“ mit dem EU-Repräsentanten im SĂĽd-Mittelmeerraum kritisiert Fhelboom Reda vom lybischen „International Channel den Umgang der EU mit Menschenrechtsverletzungen in Lybien. „Wenn man Hamas, Ennahda oder die MuslimbrĂĽder wählt, sind Menschenrechtsverletzungen vorprogrammiert“, stellt der junge Journalist fest. „Wie steht BrĂĽssel zu den MuslimbrĂĽdern? Wir brauchen Antworten der EU.“ Der angesprochene Bernadino Leon versichert, die EU nehme Stellung, wenn es zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Zu den MuslimbrĂĽdern könne man allerdings keine allgemeine Einschätzung abgeben. „Das ist nicht unsere Rolle“, so Leon.
„Glauben Sie wirklich, dass die Europäische Union Lektionen aus ihrem Umgang mit dem frĂĽheren Regime etwa in Tunesien gezogen hat?“, hakt Nedra Boukesra nach. „Wir stellen fest, dass sie wenig Stärke zeigt gegenĂĽber den neuen Machthabern, die sich mit dem demokratischen Prozess schwer tun.“ Von „den Europäern“ könne man nicht reden, stellt Leon klar. Die europäischen Länder pflegten durchaus einen unterschiedlichen Umgang mit der Situation, so Leon. Die EU habe indessen eine Roadmap herausgegeben, auf deren Basis „man arbeiten kann“. Und: „Wir arbeiten ohne a priori“.
„Nicht wirklich“, lautet in der Kaffeepause Boukesras Reaktion auf die Frage, ob sie mit diesen Antworten zufrieden sei. „Man muss diejenigen, die gegen die Demokratie sind, wirklich bekämpfen. Die Europäische Union packt sie mit Samthandschuhen an“, so ihre Ăśberzeugung.
„Die Islamisten haben die Revolution gekidnappt.“
„Die arabischen Frauen sind wĂĽtend“, sagt die tunesische Bloggerin Henda Chenneaoui tags drauf, als auf dem Seminar die Bilanz ĂĽber die Rolle der Frauen im demokratischen Prozess des „Arabischen FrĂĽhlings“ gezogen wird. Auch diese Bilanz ist ernĂĽchternd. „Die Frauen haben sich aktiv an der Revolution beteiligt und jetzt wird alles getan, um sie wieder davon abzubringen, politisch Position zu beziehen“, fasst Chenneaoui die Situation in ihrem Land zusammen. „Die Islamisten haben die Revolution gekidnappt.“
In Ă„gypten seien die Frauen heute zwischen zwei dicken Steinen eingekeilt: der patriarchalen Mentalität und dem islamistischen Extremismus, wie die ägyptische Bloggerin Dalia Ziada feststellte. „Wir erleben eine Regres-sion“, sagt auch Leila Ghandi aus Marroko. „Was kann man tun, wenn dieser RĂĽckschritt auf demokratischem Weg herbeigefĂĽhrt wurde?“ fragt sie. Die Demokratie sei zwar das „beste der Systeme“, allerdings mĂĽsse man sich fragen, ob es in Bezug auf die Gleichsstellung nicht notwendig sei „die Dinge von oben herab zu forcieren“. Dies habe etwa der marrokanische König mit dem Erlass eines fortschrittlicheren Familiengesetzes getan.
Die Eingangsfrage des tunesischen Journalisten, was moderater Islamismus sei, beantwortet Henda Chennaoui auf ihre Weise. „FĂĽr mich kann es kein moderates islamistisches Regime geben.“ Eine ernstzunehmende Gleichstellungspolitik sei mit islamischen Regeln nicht zu machen, da „die Frau im Koran als dem Manne untergeordnet“ beschrieben werde. Das wollen einige der anwesenden arabischen Kolleginnen so nicht stehen lassen. „Die Religion ist nicht das Problem, die Herrscher missbrauchen sie“, so etwa der Einwand einer Journalistin aus Algerien. Den Islam dĂĽrfe jeder auf seine Weise interpretieren, so die Replik der Bloggerin. Dennoch fĂĽhre der Weg zu mehr Emanzipation nicht an einer strikten Trennung von Religion und Politik vorbei.
Was die Rolle der EU hierin betrifft, schienen sich die Anwesenden indessen einig zu sein. „Es kann keinen arabischen FrĂĽhling ohne Frauen geben“, fasste es Dalia Ziada zusammen. „Die EU sollte unsere Regierungen in Sachen Gleichstellung stärker unter Druck setzen.“

