MITTELAMERIKA / USA: Hinter den VorhÀngen

von | 15.08.2014

Immer mehr Kinder und Jugendliche aus Mittelamerika fliehen vor Gewalt und Armut in Richtung USA. Oft landen sie auf sich allein gestellt in AbschiebegefĂ€ngnissen. Doch die Abschottung der AufnahmelĂ€nder kann die Ursachen fĂŒr die Migration nicht beseitigen und die Flucht bleibt lebensgefĂ€hrlich.

Ritt auf der „Bestie“: Auf dem Dach von GĂŒterzĂŒgen treten verzweifelte Mittelamerikaner die Flucht in die USA an – auch Kinder sind wĂ€hrend des lebensgefĂ€hrlichen Trips hĂ€ufig ganz auf sich allein gestellt.
(Foto: Internet)

„Die Kinder haben ein Recht auf Asyl“, konstatiert Pater Richard Estrada. Diese Tage ist er in Mexiko unterwegs, um VerbĂŒndete fĂŒr ein internationales Netzwerk zum Schutz der Kinder aus Mittelamerika zu suchen. Einst grĂŒndete der weißhaarige Kirchenmann in Los Angeles die Nichtregierungsorganisation „Jovenes, Inc.“, die Straßenkindern und Jugendlichen mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen ein Zuhause gibt. Betroffen macht ihn der unverhohlene Rassismus, der den jugendlichen Einwanderern derzeit in den USA entgegenschlĂ€gt.

Der Weg mittelamerikanischer Migranten durch Mexiko in die USA ist einer der gefĂ€hrlichsten der Welt. Dennoch sind ein paar Hunderttausend Menschen jĂ€hrlich unterwegs: auf klandestinen Pfaden, den DĂ€chern der GĂŒterzĂŒge, mit Hilfe professioneller „Coyoten“ (so genannter Schlepper) und immer auf der Hut vor Drogenkartellen und Polizei. Dass immer mehr Kinder und Jugendliche den beschwerlichen Weg auf sich nehmen, ist in der Region lange bekannt. Erst die Aufforderung von US-PrĂ€sident Barack Obama Ende Juni an mittelamerikanische Eltern, „ihre Kinder nicht in die USA zu schicken“ brachte das Thema weltweit in die Schlagzeilen. Doch in der politischen Diskussion stehen weder die Ursachen fĂŒr den Exodus der MinderjĂ€hrigen noch internationale Schutzmaßnahmen fĂŒr sie im Mittelpunkt. WĂ€hrend der „humanitĂ€ren Katastrophe“ mit Massenabschiebungen begegnet wird, soll eine Militarisierung der mexikanischen SĂŒdgrenze und der Migrationsrouten durch Mexiko folgen.

Estrada glaubt nicht, dass das Thema zufĂ€llig in die US-amerikanischen Medien gelangt ist. Die durch die Presse gegangenen Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen in AbschiebegefĂ€ngnissen entlang der Grenze zu Mexiko scheinen vielmehr gezielt an die Presse gestreut worden zu sein. TatsĂ€chlich wurden sie erstmals Anfang Juni auf der Internetseite „breitbart.com“, veröffentlicht, die der rechten Tea Party-Bewegung zugeordnet wird. Auch der Tenor der Diskussion in den USA geht in die Richtung,
Obama in seiner Absicht, ein moderates Einwanderungsgesetz durchzusetzen, zu torpedieren. „Der einst angekĂŒndigte Dream Act, Legalisierungsmöglichkeiten fĂŒr Kinder, die ohne Papiere in den USA aufgewachsen sind, wird als Pull-Faktor fĂŒr die Migration von MinderjĂ€hrigen hingestellt“, sagt der Pater.

Unter Kindern wie Erwachsenen auf dem Weg nach Norden sind die in den USA laufenden Diskussionen weitgehend unbekannt. „Ausschlaggebend fĂŒr den Exodus ist die Situation der HerkunftslĂ€nder“, bekundet der Geistliche RamĂłn Verdugo, der die Straßenkinderherberge „Todo por Ellos“ („Alles fĂŒr sie“) an der SĂŒdgrenze Mexikos leitet. Es sei kein Zufall, „dass die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit der Menschen auf der Flucht aus Honduras kommt“. Immer mehr alleinerziehende honduranische MĂŒtter bewohnen die Herberge in der Grenzstadt Tapachula. Sie mussten mit ihren Kindern Hals ĂŒber Kopf außer Landes fliehen. „Seit dem Putsch vor fĂŒnf Jahren ist Honduras einmal mehr in Armut und Gewalt versunken?, so Verdugo.

„Seit dem Putsch vor fĂŒnf Jahren ist Honduras einmal mehr in Armut und Gewalt versunken.“

Der Bruch des demokratischen Systems und seiner Institutionen geht mit einer Militarisierung des Landes und einer absoluten Straflosigkeit einher. Hinzu kommt eine autonom agierende Polizei, die eng mit Todesschwadronen sowie den sich im Staatsverfall etablierenden Drogenkartellen verstrickt ist und mit einer traurigen Tradition sozialer SĂ€uberungen unter marginalisierten Jugendlichen aufwartet. Und dann gibt es noch die Jugendbanden, die „maras“, die in Honduras eng an die Kartelle angebunden als Auftragskiller, Geldeintreiber und Kleindealer agieren.

„Die Armen, denen meist nur die Arbeit im informellen Sektor bleibt, werden von den ?maras` um stĂ€ndig steigende Schutzgelder erpresst. Sobald sie nicht mehr zahlen können, sind die einzigen Möglichkeiten der Tod oder die Flucht außer Landes?, so Verdugo. Zum Schreiben von dringend benötigten ProjektantrĂ€gen fĂŒr die viel zu kleine Herberge kommt er kaum. Ein gutes Dutzend Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren sucht seine Aufmerksamkeit, zieht sich zur Not auf seinen Schoß hoch und greift in seinen Bart, um Fragen rund um das Mittagessen, die Herbergskatze und die Auswahl des Fernsehprogramms zu klĂ€ren.

Drei dieser Kinder sind mit ihrer Mutter Brenda hier. Die junge Witwe hat ĂŒber Nacht ihre Taschen gepackt und ist mit ihren kleinen Söhnen aus dem honduranischen San Pedro Sula geflohen, nachdem ihr Mann von ?maras` umgebracht und ihr Ă€ltester Sohn, gerade einmal zehn Jahre alt, von der feindlichen Bande zum Rachefeldzug animiert wurde. „Ich wollte meine Kinder aus dieser Gewaltspirale herausholen“, sagt Brenda. Sie hat einen Antrag auf Asyl in Mexiko gestellt. Die Sicherheitslage in Tapachula empfindet sie als gut. „Hier kann man nach Dunkelheit noch auf die Straße gehen.“ In honduranischen GroßstĂ€dten sei selbst tagsĂŒber mit RaubĂŒberfĂ€llen zu rechnen.

WĂ€hrend Tapachula fĂŒr Brenda und ihre Söhne einen Neuanfang bedeutet, ist die tropische Grenzstadt fĂŒr viele Migranten und FlĂŒchtlinge der letzte Punkt einer Odyssee aus Festnahmen und Abschiebungen auf mexikanischem Terrain. Bis hierhin werden sĂ€mtliche Menschen zurĂŒckgeschoben, die in Mexiko ohne Papiere aufgegriffen werden. Von Tapachula aus fahren tĂ€glich mehrere Busse ab, die Abschiebungen nach Guatemala, Honduras und El Salvador vornehmen. Handelt es sich jedoch bei den Festgenommenen um MinderjĂ€hrige, so muss zunĂ€chst der zustĂ€ndige Konsul benachrichtigt werden. Dieser muss die Eltern im Herkunftsland ausfindig machen – ein langwieriges Unterfangen, da diese oftmals schon in den USA oder ebenfalls auf dem Weg dorthin sind.

„Kinder werden monatelang hinter Gitter gesperrt, oftmals ohne eine Bezugsperson“, berichtet Lourdes Rosas Aguilar, die beim Menschenrechtszentrum Fray MatĂ­as de CĂłrdova in Tapachula als Expertin fĂŒr Migration von Kindern arbeitet. Reisen MinderjĂ€hrige zusammen mit anderen Verwandten als ihren Eltern, werden sie bei einer Festnahme getrennt. „Mitreisende von Kindern werden rigoros als ?Schlepper` verdĂ€chtigt. FĂŒr die Kinder bedeutet das, ganz alleine in Haft zu bleiben“, sagt Rosas Aguilar.

Diese Haft ist im euphemistisch als „Migrationsstation 21. Jahrhundert“ bezeichneten, grĂ¶ĂŸten AbschiebegefĂ€ngnis Lateinamerikas schon fĂŒr Erwachsene kaum tragbar. Den Mitarbeitern des Menschenrechtszentrums wird seit dem Erscheinen eines kritischen Berichts ĂŒber die dortigen ZustĂ€nde der Zugang verweigert, Journalisten und auswĂ€rtigen Nichtregierungsorganisationen wird er sowieso nicht gestattet. Lediglich die staatliche Menschenrechtskommission und der UNHCR haben neben der Migrationspolizei Zugang.

Jugendliche ab zwölf Jahren werden nach der Festnahme im AbschiebegefĂ€ngnis gelassen, kleinere Kinder in ein staatliches Heim gebracht. Dort werden sie aber ebenfalls hinter hohen ZĂ€unen und verschlossenen TĂŒren verwahrt. „Dass die Anlage einen Garten hat und es sonntags Malkurse gibt, Ă€ndert herzlich wenig an dem fĂŒr Kinder unzumutbaren Zustand, eingesperrt zu sein“, sagt Rosas Aguilar. Sie zeigt Botschaften, die Kinder in Gefangenschaft gemalt haben: „Ich habe niemanden umgebracht, warum werde ich eingesperrt?“, „Bald ist Weihnachten und ich bin hier“, „Ich möchte meine Mama anrufen“, „Ich bin krank und sie geben mir keine Medizin“, „Ich will frei sein“, ist dort zu lesen.

WĂ€hrend nun selbst Papst Franziskus am Montag voriger Woche in Mexiko-Stadt zum Schutz dieser Kinder aufrief, ließ der mexikanische Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong verlauten, dass die Nutzung mexikanischer GĂŒterzĂŒge durch Migranten bald der Vergangenheit angehöre. Diese reisen oft dicht gedrĂ€ngt und unter Lebensgefahr Tausende Kilometer auf den DĂ€chern der ZĂŒge von der SĂŒd- bis zur Nordgrenze des Landes. „Die Bestie“, wie sie von den Reisenden genannt wird, solle als Transportmittel fĂŒr die Menschen ohne Papiere bald „nicht mehr zugĂ€nglich sein“, so der Innenminister.

Zeitgleich nutzte der mexikanische PrĂ€sident Enrique Peña Nieto die letzten Tage der Fußball-WM, um in Chiapas das „Programm SĂŒdgrenze“ auszurufen. Mit diesem soll die Grenze zwischen Mexiko und Guatemala beziehungsweise Belize militarisiert werden. Doch es gilt als sicher, dass sich die Fluchtbewegung aus Honduras und seinen NachbarlĂ€ndern nicht stoppen lĂ€sst – weder durch ZĂ€une noch durch Mauern.

WĂ€hrenddessen steht das Recht auf Bewegungsfreiheit, Asyl und FamilienzusammenfĂŒhrung weiter aus. Ebenso die RĂŒckkehr eines demokratischen Systems in Honduras, das mehr Menschen als nur einer winzigen Elite dient, die sich mithilfe internationaler finanzieller UnterstĂŒtzung ĂŒber Wasser hĂ€lt. So will die deutsche Gesellschaft fĂŒr Internationale Zusammenarbeit laut einer honduranischen Pressemeldung den Energieunternehmer Fredy Nasser bei der AufrĂŒstung seines Tankstellensystems UNO mit nachhaltiger LED-Beleuchtung unterstĂŒtzen. Nasser ist einer der MillionĂ€re, die den Putsch von 2009 in Honduras finanziert haben.

Kathrin Zeiske arbeitet als freie Journalistin mit dem Schwerpunkt auf soziale Konflikte in Lateinamerika und berichtet zurzeit aus Tapachula.

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