Acoustic Doom
: Schwarze Messe


Er kann auch anders: Scott Kelly, Sänger der Post-Metal-Legende Neurosis, tourt solo mit seiner Akustikklampfe auch durch unsere Gegend.

Düster geht auch ohne Strom.

Düster geht auch ohne Strom.

Scott Kelly kommt zu Besuch ins Entrepot in Arlon – den Atlantik überquert er allerdings mit einem gewöhnlichen Flugzeug, von Rakete und Spaceshuttle macht er keinen Gebrauch. Am 17. Januar wird Scott Kelly nämlich auf seiner Gitarre spielen und dies mit Gesang untermalen. Die Rede ist hier natürlich nicht vom amerikanischen ISS-Astronauten Scott Kelly, der regelmäßig Fotos von der Erde auf seinem Twitter-Account postet, sondern vom gleichnamigen Musiker und Mitbegründer der Post-Metal-Band Neurosis. Mitte der 1980er Jahre hämmerte diese wie im Stakkato auf die Felle. Mit den Jahren jedoch ist sie etwas ruhiger geworden, hat das Tempo verringert. In den letzten Jahren zeichnete sich ihre Musik eher durch düstere und langsam gespielte Elemente aus.

Mit Neurosis machte Scott Kelly sich einen Namen, seit 2000 versucht er sich auch als Solo-Künstler. Dabei verzichtet er auf Schlagzeug und beschränkt sich auf eine akustische Gitarre und seine raue Stimme. Von der düsteren Stimmung wollte er sich auch in diesem Projekt nicht befreien. Dabei fließen Elemente aus dem klassischen amerikanischen Country und des „Dark Americana“ mit ein. Textlich bewegt er sich vor allem in der Dimension der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Er gibt sein Innenleben preis und schildert seine Weltsicht, wie sich die Elemente in ihm offenbaren, vermischen und wieder trennen. Das Resultat ist durchaus unkonventionell, ohne dass es jedoch die Standards zu sehr verlässt – es bleibt leichte Musik, wenn auch in schwerer Ausführung. Das Hauptgewicht liegt jedoch auf der Stimme, weil sie bereits Leid in sich trägt, unabhängig von den Worten, die in ihr geformt werden.

Drei Alben hat Kelly bislang veröffentlicht; das letzte, „The Forgiven Ghost in Me“, erschien 2012. Wie es 2016 weitergeht, bleibt abzuwarten. Ein neues Neurosis-Album ist laut Twitter-Account fertig. Nach zahlreichen Gedenk-Posts dürfte Kelly mittlerweile über Lemmy Kilmisters Tod hinweg sein. Man darf also auf ein paar neue Songs hoffen.

Auf seiner Tour wird er von Chve begleitet, dem Solo-Projekt des belgischen Künstlers Colin H van Eeckhout. Während dieser sich bei Amenra überwiegend durch Schreien hervorhebt, übt er sich bei Chve in atmosphärischem Gesang. Mit minimalistischem Getrommel, flüssigem Gitarrenspiel und transzendentalen Klängen erschafft er progressiv eine Geräuschspirale, mit der er eine Art hypnotischer Wirkung auf die Zuhörer auszuüben sucht. Betrachtet man alles, was die Welt uns hergibt, als kontingent, so könnte man sich dieses Konzert durchaus als alternativen Kirchgang vorstellen. Gläubige werden begeistert sein, alle anderen das Kreuzzeichen machen, wenn sie’s überstanden haben.

Die luxemburgische Formation Soleil Noir komplettiert den düsteren Abend. Die Zahl ihrer Live-Auftritte hält sich bisher in Grenzen – man kann sich glücklich schätzen, die dunkle Sonne im Nachtleben zu erspähen. Ihren Stil beschreiben die Musiker selbst als Mystic Doom Rock. Mitunter mischen sie auch Samples äußerst originell in ihre Stücke. Dabei geht es um Maschinen, Soldaten, Freiheit. Der Drummer haut monoton drauf und sucht nach dem erlösenden Einfall, der den Song zu Ende bringt und die Freiheit in Form von Stille offenbart. Mystisch schwerer Post-Metal, eine Prise von Isis, ein Hauch von Cult of Luna, in Luxemburg wohl eine Rarität. Für Anhänger des Okkulten könnte es am 17. Januar durchaus zu einer Offenbarung kommen, für alle anderen gilt es, sich nach Alternativen umzusehen.

Am 17. Januar im Entrepot in Arlon.

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