LuxFilmFest: Home Games

Der Dokumentarfilm „Home Games“ porträtiert das Schicksal einer jungen Ukrainerin, die sich zwischen dem Traum einer professionellen Fußballkarriere und einem prekären Privatleben durch den Alltag kämpft.

(Bild: Syndicado)

In manchen Fenstern brennt noch Licht, andere sind dunkel. Aus dem Off hört man eine junge Frauenstimme, die eine Geschichte erzählt: Ein Märchen über ein Mädchen, das zum Geburtstag magische, goldene Fußballschuhe geschenkt bekommt, die es zur Torkönigin machen. Ein Märchen ist das Leben der 20-jährigen Alina, die ihrem kleinen Halbbruder die Geschichte vor dem Einschlafen erzählt, nicht. Sie wuchs ohne Mutter auf, kümmert sich zusammen mit ihrer Großmutter um ihre zwei kleinen Halbgeschwister und schlägt sich mit deren alkoholkrankem Vater herum. Sie übernimmt die Rolle der Eltern, wobei sie sich dieser oft nicht gewachsen fühlt. Besonders dann nicht, wenn es um Bildungs- und Sorgerechtsfragen geht. Und dann gibt es da noch ihre große Leidenschaft: das Fußballspielen.

Alina ist ein vielversprechendes Talent und kickt in der einzigen Frauenfußballmannschaft Kiews. Lebte sie in anderen Familienverhältnissen, könnte sie wohl längst in der Frauennationalmannschaft antreten. Doch ihr Alltag funkt immer wieder dazwischen, wovon sie sich dennoch nicht von ihrem Weg nach oben abbringen lässt. Bis es soweit ist, bastelt sie sich ihr Dream-Team aus Fotos ihrer männlichen Idole zusammen, wofür sie Fußballlegende Lionel Messi den Kopf abschneiden muss. Natürlich nur auf Papier.

Ihre resolute Trainerin erinnert sie und die anderen Spielerinnen auf dem Trainingsplatz immer wieder daran, dass sie alles geben müssen – dass sie sterben müssen auf dem Feld, wenn sie es weit bringen wollen. Was auf den ersten Blick hart wirkt, spiegelt letzten Endes das wider, was Alina abseits des Spielfelds leisten muss. Die Darstellung des Fußballspiels ist weitaus komplexer und tiefgreifender, als man vermuten mag.

Die Regisseurin Alisa Kovalenko richtet die Kamera unaufgeregt auf eine Familie, die trotz aller Widrigkeiten lacht, feiert und weiterkämpft. Es ist die filmische Dokumentation von Kampfgeist und Positivismus. Dabei erweckt die Kameraführung mehr das Gefühl des Dabeiseins als des Zuschauens. Man will im Kinosaal aufspringen und applaudieren, wenn Alina ein Tor schießt, weil das Narrativ einen vereinnahmt und in ihre Welt eintauchen lässt. Es ist nah am Leben, nah an der Realität – und es ist eine Momentaufnahme. Man erfährt wenig über die genauen familiären Verhältnisse oder über die Vergangenheit der einzelnen Akteur*innen. Nichts wird groß erläutert. Die meisten Szenen ergeben sich aus der Situation heraus. Man muss sich folglich als Zuschauer*in hier und da den Kontext zusammenreimen. Das tut dem Film aber keinen Abbruch. Er porträtiert die Vielseitigkeit seiner Protagonist*innen sowie ihre Achterbahnfahrt durch den Alltag, ohne dabei bewusst durch dramatisierende Musik oder emotionale Einzelinterviews auf Empathie abzuzielen.

Der Film läuft während des Luxembourg City Film Festivals am 14. März in der Cinémathèque (16:30 Uhr) und am 15. März im Ciné Utopia (20:30 Uhr) in der russischen und ukrainischen Originalversion mit englischen Untertiteln. Tickets gibt es an den Kinokassen sowie online.


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