Andy Bausch
: Arbeitermoral


Der „Streik!“-Film von Andy Bausch ist eine zweischneidige Angelegenheit: Er macht dankenswert mit einer oft verdrängten Epoche bekannt, doch das Gewicht des Auftraggebers OGBL ist in deren Behandlung allzu spürbar.

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„Streik!“ fehlt leider der nötige Tiefgang und die Objektivität. (Fotos : Ricardo Vaz Palma)

Geschichtsschreibung in Luxemburg ist an sich schon ein heikles Thema, zumal wenn es um Teile der Geschichte geht, die bis jetzt nicht in das nationale „Storytelling“ eingeflossen sind. Man erinnere sich nur an die ideologischen Flügelkämpfe um die Kollaboration der Luxemburger im letzten Krieg. Nun hat sich Andy Bausch an ein weiteres wenig erforschtes Feld der Landesgeschichte – die Arbeiterbewegung(en) – gewagt.

Diese werden in der gewohnten und erprobten Bausch-Prozedur auseinandergenommen und, pädagogisch wertvoll verpackt, wiedergegeben. Die Rahmengeschichte wird von einem ungleichen Paar, einer Geschichtsstudentin und einem Archivar, die die Geschichte kommentieren, getragen. Diese wird mittels Animationen, 
Reenactments mit bekannten luxemburgischen Schauspielern und dem Einspielen von historischen Dokumenten präsentiert.

Von den Anfängen der Industrialisierung am Ende am des 19. Jahrhunderts, als die Arbeiterschaft noch unorganisiert und oftmals zerstritten war, bis zu den „Tripartites“ in den Krisenjahren der 1970er wird der Geschichtsteppich aufgerollt. Dabei werden einige Ereignisse in den Vordergrund gestellt, die man in luxemburgischen Geschichtsbüchern bisweilen vergeblich sucht. Der erste Streik von 1912 etwa, bei dem luxemburgische Gendarmen vier italienische Arbeiter – darunter einen 13-jährigen unbeteiligten Jugendlichen – erschossen, an deren Schicksal bis heute nicht einmal eine Gedenktafel erinnert. Oder der im Jahre 1919 unternommene Versuch der Arbeiterbewegung, eine Republik zu gründen, der nur durch das Eingreifen republikanischer französischer Soldaten verhindert werden konnte. Dem es also genauso erging wie zu Anfang der 1920er Jahre dem Versuch, das Parlament und den großherzoglichen Palast zu erstürmen.

1373kino2Doch trotz der Behandlung dieser wenig vertrauten Aspekte schafft es „Streik!“ nicht völlig, aus dem Schatten des Auftraggebers OGBL herauszutreten. Er ist eigentlich Geschichtsschreibung aus der Sicht der größten Gewerkschaft des Landes, weshalb es der Erzählung oft an Komplexität und an Empathie für das gegnerische Lager mangelt. Sicher waren die „Dicken“, die „Kapitalisten“ oft auch die „Drecksäcke“, wie sie in Bauschs Film vorgestellt werden. Doch ein paar Worte mehr über deren Motivationen und innere Zerwürfnisse hätten dem Film nicht geschadet. Zumal er sich mit der Berufung auf die Beratung durch Historiker (Marc Limpach und Denis Scuto) den Anschein wissenschaftlich verbriefter Objektivität zu geben versucht.

Doch die schwindet zusehends mit dem Fortschreiten der Erzählung. Besonders in den letzten 15 Minuten verkommt„Streik!“ unverhohlen zu einem OGBL-Werbefilmchen. Interviews mit dem aktuellen Boss, seinen Vorgängern und weiteren Funktionären erzeugen den Eindruck, dass der historische Arbeiterkampf nun glücklich zu Ende gebracht und ab jetzt alles in Butter ist – was nebenbei bemerkt ein weiteres Mal die Absicht des OGBL bekräftigt, sich den Konkurrenten LCGB einzuverleiben und so endlich eine Einheitsgewerkschaft zu schaffen. Dass dies wünschenswert, ja sogar pragmatisch richtig ist, mag durchaus sein – doch einen irgendwie als „Geschichtswerk“ auftretenden Film zur Propagierung dieses Vorhabens zu benutzen, ist entschieden fragwürdig. Zumal der Film sicher auch noch Raum geboten hätte, die aktuellen Arbeitskämpfe der Gewerkschaften vorzustellen. Aber über den Kampf der Putzfrauen für mehr Anerkennung, über Schwarzarbeit und Lohndumping auf den Baustellen oder die Ausnutzung und Prekarisierung junger Akademiker durch nicht enden wollende Praktika verliert Bauschs Film kein Wort.

Schade, denn er hätte dadurch das an Pertinenz zurückgewonnen, was er mit seiner einseitigen Behandlung der Geschichte eingebüßt hat.

Im Utopolis Kirchberg und Belval.
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