Antisemitismus: Vorfälle oft nicht gemeldet

Junge jüdische Europäerinnen und Europäer sind stärker antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt als ältere Generationen: Nahezu jede und jeder zweite von ihnen musste entsprechende Erfahrungen machen. Das geht aus einer Studie der Agentur der EU für Grundrechte hervor.

Laut einer aktuellen Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte wird gegen Antisemitismus in den Mitgliedsstaaten nicht genug getan. (Foto: Pixelmädchen6 / Flickr)

Der Antisemitismus in Europa nimmt stark zu. Das gilt insbesondere auch für Frankreich, Großbritannien und Deutschland, wo die meisten der insgesamt 1,35 Millionen Jüdinnen und Juden in Europa leben. So wurden in Frankreich im vergangenen Jahr 541 antisemitische Vorfälle gemeldet, was gegenüber 311 Fällen im Jahr 2017 einer Zunahme von 74 Prozent entspricht. In Großbritannien wurden 2018 insgesamt 1.652 Vorfälle gemeldet, ein Anstieg um 16 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. Deutschland, wo die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas lebt, ist trauriger Spitzenreiter: Dort hat sich allein die Zahl antisemitisch motivierter Straftaten von 37 Fällen im Jahr 2017 auf 62 im vergangenen Jahr nahezu verdoppelt. Luxemburg bildet im europäischen Trend keine Ausnahme: Auch hierzulande wurden laut der Beobachtungsstelle für Antisemitismus Rial im ersten Halbjahr 2019 bereits 30 Vorfälle verzeichnet – mehr als im gesamten Vorjahr (26 Fälle). In Luxemburg blieben physische Gewalttaten bislang aus.

Eine Anfang Juli veröffentlichte Studie der Agentur der EU für Grundrechte (Fra) präzisiert nun, dass der europaweite Trend insbesondere junge jüdische Europäerinnen und Europäer zwischen 16 und 34 Jahren trifft. Nahezu jede und jeder zweite von ihnen (45 Prozent) war in den zwölf Monaten, die dem Untersuchungszeitraum Mai/Juni 2018 vorausgegangenen sind, laut eigenen Angaben mindestens einmal einer antisemitischen Handlung ausgesetzt. Das sind zwölf Prozent mehr als in der Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen und 25 Prozent mehr als in der Gruppe derer über sechzig.

In der überwiegenden Zahl der Fälle, auf die die Studie sich bezieht, handelte es sich um antisemitische Belästigung, etwa per E-Mail oder in Textnachrichten sowie durch beleidigende, bedrohende oder auch „stumme“ Telefonanrufe. Doch auch antisemitisch motiviertes Stalking, Gesten und anderes wurden berichtet, das Internet und die sozialen Medien spielten ebenfalls eine große Rolle. Rund vier Prozent der Befragten gaben an, Opfer antisemitisch motivierter physischer Gewalt geworden zu sein.

Erschreckend ist dabei auch die Anzahl der Vorfälle, die offenbar weder der Polizei noch einer anderen Behörde gemeldet werden. 80 Prozent derer, die mit einer antisemitischen Belästigung konfrontiert waren, gaben an, dies nicht an entsprechender Stelle zu berichten. Dasselbe ist demnach auch bei mehr als der Hälfte der antisemitisch motivierten Gewalttaten der Fall: 51 Prozent der Opfer gingen nicht zur Polizei.

Wie die Autor*innen der Studie schreiben, sei dieser Umstand jedoch wenig überraschend: „Fälle rassistischer Belästigung werden für gewöhnlich nicht als Hassverbrechen eingestuft – daher werden sie in den Augen vieler, die Opfer eingeschlossen, nicht als gravierend genug betrachtet, um sie formell zu melden.“ In den offiziellen Statistiken der Länder tauchten die meisten antisemitischen Vorfälle daher gar nicht auf.

Unterschiedliche Wahrnehmung

Der Bericht basiert auf den Angaben von mehr als 2.700 Personen im Alter von 16 bis 34 Jahren in zwölf Mitgliedstaaten, in denen rund 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung der EU leben (Luxemburg ist nicht dabei). Er legt den Fokus daher auf die Wahrnehmung des Antisemitismus durch Jüdinnen und Juden selbst. Bereits im Dezember 2018 war eine umfassende Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte hierzu erschienen. Die nun veröffentlichte Teilstudie hat die junge Generation im Blick.

Vergleicht man die beiden Fra-Studien mit einer die EU-Gesamtbevölkerung repräsentierenden Eurobarometer-Umfrage von Anfang des Jahres, wird die Diskrepanz deutlich, die hinsichtlich des Bewusstseins und der Sensibilität für Antisemitismus zwischen Juden und Nicht-Juden besteht. In der Gesamtbevölkerung nehmen demnach EU-weit lediglich 36 Prozent einen zunehmenden Antisemitismus wahr, unter Jüdinnen und Juden sind es aber 90 Prozent; in der jungen Generation von ihnen 83 Prozent. In Luxemburg fanden länderspezifisch 19 Prozent der 501 im Dezember 2018 für den Eurobarometer befragten Personen, dass Antisemitismus hierzulande ein Problem sei, ebenso gaben 19 Prozent an, der Antisemitismus in Luxemburg nehme zu. 73 Prozent meinten, Antisemitismus sei im Großherzogtum kein Problem.

Was den gesellschaftlichen Hintergrund der antisemitisch motivierten Täter*innen anbelangt, sticht laut der Studie eine Gruppe deutlich hervor: „Über alle Altersgruppen hinweg, und am häufigsten unter den Jüngsten, beschreiben die Opfer antisemitischer Belästigung ihre Peiniger als ‚jemand mit einer extremistischen muslimischen Gesinnung‘“; unter den jungen Betroffenen gilt dies für 31 Prozent. Häufig werde auch „jemand mit einer linken politischen Gesinnung“ genannt (21 Prozent). Lediglich 14 Prozent der Betroffenen weisen auf Personen mit einer rechten politischen Gesinnung hin. Dazu mag auch beitragen, dass die Täter*innen häufig im persönlichen Umfeld angesiedelt sind: Nahezu jede und jeder vierte Betroffene siedelt entsprechende Erlebnisse in Schule, Universität oder am Arbeitsplatz an (24 Prozent).

Die Sensibilität der Befragten erstreckt sich jedoch nicht nur auf ihre eigene Lage. 81 Prozent der Befragten 16- bis 34-Jährigen betrachten Rassismus in ihrem jeweiligen Land als Problem, für 65 Prozent von ihnen gilt das auch hinsichtlich der Intoleranz gegenüber Muslim*innen. Dabei müsse laut der Studie berücksichtigt werden, dass nicht jedes der zwölf in die Befragung einbezogenen Länder über einen nennenswerten muslimischen Bevölkerungsanteil verfüge.

Israelbezogener Antisemitismus

Die Studie betont, dass die meisten der jungen Jüdinnen und Juden es von sich wiesen, jede Kritik an Israel als antisemitisch zu sehen (70 Prozent). Eine kritische Haltung gegenüber Israel werde jedoch dann als antisemitisch eingestuft, wenn sie sich „beispielsweise beim Boykott Israels oder von Israelis, und, mehr noch, bei Vergleichen von Israelis und Nazis“ manifestiere. Eine große Zahl der Befragten berichtet zudem davon, dass sie in ihren jeweiligen Ländern für Taten der israelischen Regierung verantwortlich gemacht würden – allein aus dem Grund, weil sie jüdisch seien. 85 Prozent der Befragten seien zumindest „gelegentlich“ in einer solchen Situation, 25 Prozent sagten, solche Zumutungen erlebten sie „die ganze Zeit“.

Angesichts des grassierenden Antisemitismus in Europa ist nur knapp die Hälfte der Befragten der jungen Generation der Ansicht, dass sie von ihrer jeweiligen Regierung angemessen geschützt werden, und nur 17 Prozent finden, der Antisemitismus in ihrem Land werde wirksam bekämpft. Nicht wenige Jüdinnen und Juden in Europa erwägen daher, ihr jeweiliges Land zu verlassen. In den vergangenen Jahren war dies insbesondere in Frankreich signifikant der Fall. In den vergangenen sechs Jahren kehrten 5,5 Prozent des jüdischen Bevölkerungsanteils dem Land den Rücken. Junge Jüdinnen und Juden in ganz Europa ziehen dies angesichts der geschilderten Entwicklung in Erwägung. Vier von zehn Personen aus der Altersgruppe der 16-34-Jährigen spielen mit dem Gedanken, zu emigrieren, weil sie die Lebenssituation in ihren jeweiligen Ländern für Jüdinnen und Juden nicht mehr als sicher empfinden. Ein Drittel von diesen 40 Prozent gibt an, einen solchen Schritt konkret zu planen; die meisten von ihnen wollen nach Israel.

„Damit sich junge jüdische Europäerinnen und Europäer heute in Europa sicher fühlen, muss ganz offensichtlich viel mehr unternommen werden, um gegen die verschiedenen Formen des Antisemitismus vorzugehen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert sind“, so das Resümee der Studie.


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