Auf Apple TV: Letter to You

von | 16.12.2020

Bruce Springsteen hat die E-Street-Band zusammengeführt, um sein mittlerweile 20. Studioalbum „Letter to You” aufzunehmen. Ein Dokumentarfilm auf Apple TV ermöglicht einen Blick ins Studio und ins Leben der Rocklegende.

An vier verschneiten Tagen nahm Bruce Springsteen ein neues Album mit der E-Street-Band auf. (Foto: pitchfork.com)

Schon der Titel von Bruce Springsteens neuem Album ist alte Schule: „Letter to You”. Dieses Album und das dazugehörige Making-of sind ein Brief an seine Fans, so erklärt es Springsteen in den ersten Szenen des Films. Keine Mail, kein Tweet, kein Snap, nein, ein Brief, in blassen Schwarz-Weiß-Bildern. Ende letzten Jahres versammelte der Boss seine E-Street-Band in seinem Zuhause in New Jersey und nahm an vier verschneiten Tagen ein neues Album auf. Der letzte Longplayer der E-Street-Band „High Hopes” stammt aus dem Jahre 2014 und seitdem ist viel passiert, viel Trauriges vor allem. Zwei der Gründungsmitglieder der E-Street-Band, Clarence Clemons und Danny Federici, sind verstorben; ebenso George Theiss, neben Springsteen das letzte noch lebende Mitglied der Castiles, Springsteens erster Band.

Um gleich eins vorwegzunehmen: Ja, in diesem Film kommen fast ausschließlich alte weiße Männer vor und zu Wort, aber sie sinnieren über ein Thema, mit dem sich nicht nur alte weiße Männer schwertun – nämlich mit der eigenen Sterblichkeit. Springsteen besingt sie in seinen Texten und Regisseur Thom Zimny illustriert sie mit melancholischen Bildern von grauverhangenen Landschaften. Besonders bewegend ist der Kontrast zwischen den Konzertaufnahmen aus den 1970ern und den Sessions von heute: Damals standen die jungen Musiker am Anfang einer großen Karriere, mittlerweile haben sie die 70 überschritten. Sie spielen eine Musik, wie es sie heute eigentlich gar nicht mehr gibt: Rock’n’Roll. Das Haar ist schütter geworden und Brillen werden benötigt, um die auf dem Notenpult ausgebreiteten Notizen lesen zu können. „I’m the last man standing now”, singt Springsteen.

Die Verluste der letzten Jahre verarbeitet er in neuen Liedern. Springsteen hat aber auch drei alte Demos neu aufgelegt, die noch vor seinem ersten Album „Greetings from Asbury Park” geschrieben wurden. Man spürt die Dringlichkeit, mit der er seine Geschichte erzählen will. „I still feel that burning need to communicate. I need to be felt and heard and recognized”, sagt der Musiker. Springsteen begann Musik zu machen, weil er jemand werden wollte, auf dessen Stimme man hört. Anders als heute, wo man sich primär einen Namen machen will und die Musik nur als notwendiges Beiprodukt produziert, weil man den Social-Media-Account mit Inhalten füttern muss.

Im Gegensatz zu anderen Musikerkolleg*innen versucht Springsteen gar nicht erst, sich dem Zeitgeist anzupassen. Zum ersten Mal nahm die Band ein ganzes Album fast gänzlich live auf und obwohl sie das Studio eigentlich in einem Wohnzimmer aufgeschlagen hatten, klingen die Songs breit, episch und angenehm unvermittelt. Die britische Tageszeitung „The Guardian“ schrieb, dass Springsteen sich wahrscheinlich gar nicht erwartet, mit dieser Musik noch ein neues Publikum für sich zu gewinnen. Und trotzdem entdeckt man unbekannte Facetten, zum Beispiel im Titelsong „Letter to You”, wenn der Boss plötzlich fast nach Eddie Vedder klingt, wütend und präsent, auf jeden Fall nicht so, als ruhe sich hier ein alternder Rockstar auf seinen Lorbeeren aus.

In Zimnys Film erfahren die Zuschauer*innen ein bisschen etwas über den Aufnahmeprozess, ein bisschen etwas über Springsteens Historie, aber vor allem gelingt es dem Regisseur, eine melancholische Stimmung zu vermitteln. Das macht das Making-of noch berührender als das Album selbst, weil man spürt, wie ein Mann versucht, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass er von dort, wo er jetzt steht, fast schon das Ende seines Weges erkennen kann. Wenn einem diese Dokumentation gefällt, muss man sich wohl oder übel mit dem Gedanken abfinden, selbst auch nicht mehr zu den Jüngsten zu gehören – aber Springsteen gibt einem das schöne Gefühl, damit in ziemlich guter Gesellschaft zu sein.

Auf Apple TV.

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