Backcover: „In der Musik verarbeite ich Erlebnisse, in der Kunst meine Interessen“

von | 04.09.2025

Dekorative Rahmen umrunden Vögel und Blumen auf unseren Rückseiten im September: Der auf Druckverfahren spezialisierte Künstler Damien Giudice interpretiert Natur in Illustrationen und Musik um.

Der Luxemburger ist vor allem für seine dekorativen Druckschnitte mit natürlichen Elementen bekannt. (Foto: © Mit Genehmigung von Damien Giudice)

woxx: Damien, Sie arbeiten als Grafiker und Illustrator, schreiben aber auch Ihre eigenen Lieder und spielen Konzerte. Im Juni haben Sie eine einjährige Kunstresidenz im „Kulturhuef“ in Grevenmacher angefangen. Wie geht es Ihnen?

Damien Giudice: Ganz gut! Die Arbeit im Kulturhuef macht richtig Spaß: Mir stehen unzählige Materialien zur Verfügung, selbst eine alte Zeitungspresse. Ich kann in Ruhe arbeiten, bin aber offen für jeden Besuch von außen; letztens haben mir ein paar Touristen bei der Arbeit zugeschaut. Ich habe während der Residenz vor, eine Idee umzusetzen, die mir seit geraumer Zeit durch den Kopf geht: ein kleines Buch rund um das Thema „Gartenbesucher“ mit mindestens zwanzig Illustrationen. Bisher habe ich vier von diesen Illustrationen gemacht.

Diese ersten vier werden auf den Rückseiten der woxx vorgestellt.

Genau. Ich will später noch jeder Illustration ein kleines Gedicht hinzufügen. Ich kann mich wirklich nicht beschweren. Ich höre immer wieder von anderen Künstlern, die neben ihrer kreativen Tätigkeit noch einen Nebenjob machen müssen, persönlich komme ich aber über die Runden. Ich denke, das liegt daran, dass ich neben meinen Druckprojekten viele Grafikdesignarbeiten für verschiedene Kunden annehme: Posters, Merch und Social-Media-Posts. Beispielsweise bespiele ich dieses Jahr zum dritten Mal die Social-Media-Plattformen für das „Beautiful Decay“-Festival in Koerich.

Einblick in das Skizzenbuch des Künstlers. Die finalen Vorzeichnungen bereitet Giudice auf dem iPad vor. (Foto: © Mit Genehmigung von Damien Giudice)

Eine Ihrer Ausstellungen in der Kulturfabrik trug den Titel „Between Passion and Pressure“. Das ist einerseits eine Anspielung auf die Druckverfahren, für die Sie bekannt sind. Gleichzeitig kommt aber auch die Frage auf, inwiefern Künstler*innen selbst unter Druck stehen. Wie ist es in Ihrem Fall?

Wie schon bei einer anderen meiner Ausstellungen mit dem Titel „Unter Druck“ handelt es sich um ein Wortspiel. Allgemein arbeite ich gut unter Stress: Der Druck treibt mich an, immer wieder weitere Bilder zu schaffen. Dennoch stellt sich beim Arbeiten jedes Mal die Frage: Was ist, wenn sich das Bild nicht verkauft? Denn meine Arbeit muss die Leute anziehen und interessieren.

Wie wirken sich die Erwartungen Ihrer Kundschaft auf Ihre Arbeit aus?

Nicht viel: Ich bin im Grunde immer offen für Neues. Drucktechnik ist ein so vielfältiges Medium, dass ich immer etwas Neues ausprobiere. Auch mir rutscht beim Vorbereiten der Linolplatte manchmal das Messer aus und ich schneide aus Versehen etwas ab, das eigentlich bleiben sollte. Mit diesen Fehlern gehe ich aber gut um und improvisiere dann einfach. Das ist auch meine Einstellung zum Leben: Fehler passieren und man schaut, dass man damit umgeht.

Warum ziehen Sie die Drucktechnik anderen Verfahren vor?

Die Ästhetik finde ich besonders anziehend. Auch frustriert mich die Technik nicht. Wenn ich frei zeichne, dann finde ich das schnell limitierend – oft muss ich von vorne anfangen. Bei der Drucktechnik fange ich zwar meist mit einer kleinen auf Papier gezeichneten Skizze an, doch die endgültige Zeichnung gestalte ich auf dem iPad, wo ich einen Strich so oft zeichnen kann, bis er sitzt. Danach drucke ich die Vorzeichnung auf Kalkpapier aus und übertrage sie auf die Linolplatte, bevor ich mit den Schnitten anfange. Das ganze ist ein meditativer Prozess.

Was gefällt Ihnen an der Ästhetik des Linolschnitts besonders?

Mir gefällt, dass das Ergebnis immer ein bisschen anders aussieht: Oft ist die Farbe nicht perfekt deckend, das Bild sieht mit jedem Druck anders aus – je nach Farbe und Papier. Die benutzten Materialien spielen deshalb eine große Rolle. Ich benutze etwa „Cranfield“-Farben, die sowohl auf Öl als auch auf Wasser basiert sind, und deshalb auch weniger umweltschädlich sind als reine ölbasierte Farben.

Mit Ihrer Band „Boy from Home“ stehen Sie regelmäßig auf der Bühne. Wie greifen Ihre Leidenschaft für Musik und Ihre Kunst ineinander?

Ich denke, dass meine Musik nichts mit meiner Arbeit als Printmaker und Grafiker zu tun hat. In der Musik verarbeite ich Erlebnisse; meine Kunst ist ein Ausdruck meiner Interessen. Kunst macht meinen Beruf aus, während ich meine Musik eher als ein Hobby sehe – auch wenn ich gerne auch beruflich davon leben würde.

Überschneiden sich denn beide Welten nicht manchmal, auch thematisch, wie bei Ihrem ersten Album „Houseplants“?

Manchmal benutze ich meine Illustrationen als Cover, ja. Doch beide Disziplinen stehen für sich. Meine Interessen sind natürlich in beiden vorhanden: Ich interessierte mich von klein auf für alles Natürliche und wuchs in einem Haus mit einem großen Garten mit Blumen und einem Gemüsebeet, um den sich meine Eltern kümmern, auf. Auch gehe ich regelmäßig in den Wald spazieren – mein erstes Album habe ich während der Corona-Zeit im Wald sitzend geschrieben. Natürliche Elemente finden sich demnach immer wieder in vielem, was ich tue, wieder, das stimmt.

„Drucktechniken haben etwas Nostalgisches an sich.“

„Oft schon zu schön, um es zu benutzen“ – eine mit Farbe angestrichene Linolplatte, die bereit für den Druck ist. (Foto: © Mit Genehmigung von Damien Giudice)(Foto: © Mit Genehmigung von Damien Giudice)

Oft tauchen natürliche Elemente ihrer Kunst auf. Kann man diese als politische Kommentare verstehen oder eher als Ausdruck von Schönheit?

Die Biodiversitäts- und die Klimakrise sind wichtige Themen, mit denen ich mich viel beschäftige und über die ich viel lese. Als Teil meiner Residenz habe ich etwa vor, einen größeren Schnitt zu gestalten, um diese zu thematisieren. Schmetterlinge etwa sind Symbole, die ich öfters benutzen will. Als Kind war unser Garten voller Insekten, die verschiedensten Sorten. Das ist jetzt nicht mehr so, und ich empfinde viel Trauer darüber. Ich finde, dass Drucktechniken etwas Nostalgisches an sich haben: Die Bilder sehen immer etwas „alt“ aus. Das Buchprojekt, an dem ich im Rahmen der Residenz arbeite, ist ein emotionales und eben ein nostalgisches – ein Gefühl, das auch viel in meiner Musik wiederkommt –, da es eng mit dem Garten meiner Eltern und mit meinem Interesse an Vögeln verknüpft ist. Diese Liebe interpretiere ich nun in diesen zwanzig Linolschnitten um. Da ist zum einen ein Bild mit Schneeglöckchen und Rotschwänzen – von denen zwei Paare unseren Garten besuchen. Beide Elemente symbolisieren die Hoffnung und den Frühling, obschon sie in Realität nie zusammen aufzufinden sind, denn als Zugvögel kehren die Rotschwänze erst am Ende des März zurück, dann, wenn die Schneeglöckchen nicht länger blühen. In meiner Illustration treffen sich beide.

Die drei anderen Bilder, die Sie bisher vollendet haben, sind auch mit dem Garten verknüpft.

Ja, zu jedem Bild gibt es eine kleine Geschichte! Einmal gibt es ein Bild mit verschiedenen Gemüsesorten, die meine Eltern anbauen. Die Idee für das dritte Bild, das mit den Schwalben, hatte ich, weil meine Mutter mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass wir in den letzten Wochen Besuch von Mehlschwalben hatten. Schwalben sollen ja besonders in den Gegenden auftauchen, in denen die Artenvielfalt sehr hoch ist. Ich finde, dass sie etwas Mystisches an sich haben, deshalb habe ich die beiden in meinem Bild mit dekorativen Motiven umrahmt. Gleiches gilt für das vierte Bild mit den Elstern: Wir haben einen Rosenstock im Garten, auf dem sich immer zwei streiten, weshalb das Paar auf dem Druckbild von Rosenblättern und Rosen umrahmt ist.

Damien Giudice ist eine „One-Man Show“: Der Grafiker und Illustrator ist vor allem für seine Linol- und Siebdrucke bekannt, tritt mit seiner Band „Boy from Home“ auf, illustriert dabei noch Poster und Merch und leitet Workshops für Kund*innen wie den SNJ. Bis Juni 2026 arbeitet er als residierender Künstler im „Kulturhuef“ in Grevenmacher an verschiedenen Projekten, darunter ein Buch rund um die kleinen und größeren Bewohner*innen eines Gartens. Im Rahmen der Künstlerresidenz leitet er am 21. September einen Linolschitt-Workshop. Seine Projekte sind auf Instagram zu finden: @yourboyfromhome

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTURTIPP

Buchtipp: Reden für die Menschlichkeit

„Die Rede ist ein performatives Genre mit dem Charakter einer Produktwerbung, aber für eine Idee“, schreibt Saša Stanišić im Vorwort seiner Redensammlung „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“. Ziel der Rede sei es, das Publikum dazu zu bringen, diese Idee in die Welt hinauszutragen. Gleich die erste der...

KINOKULTURTIPP

Im Kino: The Chronology of Water

Kristen Stewart gibt mit „The Chronology of Water“ ein kompromissloses Regiedebüt. Die Adaption von Lidia Yuknavitchs Memoiren überzeugt jedoch weniger durch formale Konsequenz als durch die intensive Präsenz von Hauptdarstellerin Imogen Poots. Mit „The Chronology of Water“ legt Kristen Stewart ihr Regiedebüt vor – und zwar keines, das sich...