Barrierefreie Mobilität: Der Empathie auf die Sprünge helfen

Der öffentliche Transport in Luxemburg gilt als zu wenig inklusiv. Auch die Kritik am Transportdienst Adapto schwillt nicht ab. Mit einer Kampagne hofft das Collectif 1329, die Politik zum Handeln zu bewegen.

Copyright: Sacha Grosser/Wikimedia

Wo Erklärungen nichts bringen, kann nur die Erfahrung am eigenen Leibe helfen – so zumindest die Argumentation hinter einer neuen Kampagne des Collectif 1329. Alle Abgeordneten wurden dazu aufgerufen, einen Tag lang den öffentlichen Transport „mit einer Behinderung“ zu benutzen. Zur Auswahl stehen Rollstuhl, Krücken und Augenbinden.

Die Kampagne ist eine Reaktion auf die unzureichende Barrierefreiheit des öffentlichen Transports. Der Presse gegenüber erklärte das Kollektiv, das unter anderem aus Vertreter*innen von OGBL und Nëmme mat eis! besteht, am Montag, wo noch Nachholbedarf besteht. So verfügten etwa nur 7 Prozent der Bushaltestellen über einen Leitstreifen und 17 Prozent über einen sogenannten Kasseler Bordstein. Letzterer ist etwas höher als durchschnittliche Gehwege und somit auf einer Höhe mit Niederflurbussen. Auch die geringe Anzahl an Ampeln mit Tonsignal sei zu bedauern. „Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, sich zu einem gewünschten Zeitpunkt von A nach B fortzubewegen, ohne sich dadurch in Lebensgefahr zu begeben“, fasste Marie-Marthe Müller das Anliegen des Kollektivs zusammen.

Kritik an Adapto

Ein Dorn im Auge ist dem Kollektiv auch die Reform des Adapto-Dienstes vom März 2020. Durch diese hätten sich zum einen die Arbeitsbedingungen für die Fahrer*innen verschlechtert. Konnten diese ihre arbeitsrechtlich vorgesehen Pausen zuvor an beliebigen Orten einlegen, so müssten sie mittlerweile an spezifischen Parkplätzen, zum Teil ohne sanitäre Anlagen parken.

Zum anderen habe die Reform auch negative Auswirkungen auf die Nutzer*innen. Joël Delvaux vom OGBL berichtete von Personen, die gegen den Bescheid, keinen Adapto-Pass mehr zu erhalten, Einspruch erhoben hatten. Nachdem ihnen der Pass daraufhin gewährt worden sei, habe man ihnen jedoch den Führerschein entzogen. Es entstehe der Eindruck, so Delvaux, als würden diejenigen, die Einspruch einlegten, mit dem Führerscheinentzug bestraft. Manche Menschen hätten zudem die negative Erfahrung gemacht, dass ihnen bei Beantragung des Behindertenparkscheins der Führerschein entzogen wurde.

Diese Problematiken sprach auch die CSV kürzlich in einer Question parlementaire an François Bausch an. In seiner am Mittwoch publizierten Antwort erklärte der Transportminister die Prozedur, die es in diesem Kontext zu berücksichtigen gilt. Einen Führerschein beziehungsweise einen Behindertenparkschein erhalte nur, wer bestimmte, von der Commission médicale des Transportministeriums festgelegte medizinische Bedingungen erfülle. Bestehe ein Verdacht, dass dem nicht so sei, könne die entsprechende Person zur medizinischen Kontrolle vorgeladen werden.

Auf ebendiese Kontrollen ging das Collectif 1329 der Presse gegenüber ein. Sie würden außer Acht lassen, dass manche Behinderungen nicht an jedem Tag gleichermaßen stark ausgeprägt sind. Gehe es darum zu entscheiden, ob eine Person in der Lage ist, den öffentlichen Transport zu benutzen, stelle sich dieses Problem ebenfalls. In der Arztpraxis lasse sich das alltägliche Erleben nur schwerlich nachahmen: Wer das Gleichgewicht in einem Untersuchungsraum halten kann, kann dies nicht unbedingt in einem Bus.

An der Kampagne des Collectif 1329 haben sich bisher Sven Clement und Marc Goergen von den Piraten und Carlo Back von den Grünen beteiligt. Auch Martine Hansen (CSV) habe bereits Interesse angemeldet. Um einen möglichst großen Mehrwert zu erzielen, wird das Ganze gefilmt und am 3. Dezember, dem internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, der breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.


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