Mit der Adaption von Arthurs Schnitzlers Klassiker „Traumnovelle“ gibt das TNL den Auftakt zu seiner neuen Theatersaison.

Ein Spiel der Verführung: In ihrem Ehebett fechten Fridolin und Albertine nicht nur Konflikte aus, sondern geben sich auch der Sinnlichkeit hin. (Foto: Bohumil KOSTOHRYZ)
Täuschung und Tatsächlichkeit, Wahnbild und Wahrheit, Gaukelei und Geradheit – Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ nährt sich aus dem Spiel zwischen dem, was echt ist, und dem, was nur der eigenen Einbildung entspringt, dem hitzigen Tanz also von Fakt und Fantasie. Und es sind nicht nur diese Gegensätzlichkeiten, durch die die Geschichte von Fridolin und Albertine eine sich in Themenwahl und Erzählweise niederschlagende Doppelgesichtigkeit erhält. Begierde und bürgerliche Beschränkung, Trieb und Temperierung, Zügellosigkeit und Zucht bilden die Pole, zwischen denen sich die Erzählung wie ein Panorama aufspannt.
Auslöser für die Abenteuer, welche die Eheleute getrennt voneinander innerhalb von 36 Stunden erleben, ist ein ehrliches wie mitfühlendes Gespräch: Nach der Rückkehr von einer Redoute, eines Maskenballs also, vertrauen sich die Hauptfiguren bis dato verschwiegene Sehnsüchte an, die andere Personen in ihnen weckten. Fridolin, ein Arzt, muss plötzlich wieder aufbrechen, weil er zu einem Patienten gerufen wird. Während der Nacht trifft der noch junge Mann mehrere Frauen, die seine innere Zerrissenheit und sein erotisches Verlangen widerspiegeln: Marianne, die trauernde Tochter des mittlerweile verstorbenen Patienten, die Prostituierte Mizzi, Pierrette und schließlich – als Höhepunkt – eine unbekannte Frau auf einem geheimen Maskenball, an dem Fridolin als unerkannter Gast und, so wird nahegelegt, unter Lebensgefahr teilnimmt.
Indes träumt Albertine von einer rauschhaften sexuellen Begegnung mit mehreren Männern, bei der Fridolin als Zuschauer zugegen ist. Am Ende des Traums, zu dem sich die Handlung zuspitzt, wird er ans Kreuz geschlagen – auf unbewusster Ebene wird hier Sexualität als ein Spiel von Macht und Auslieferung, Sühne und Bestrafung begriffen. Eben das kränkt Fridolin, als ihm Albertine von ihrem Traum erzählt. Schließlich jedoch, nach einer fruchtlosen Suche nach der Frau vom Maskenball, findet das Ehepaar wieder zusammen, die Ordnung wird wieder hergestellt.
Zwischen Moral und Wollust
Die Themen, welche die Traumnovelle behandelt, sind eng mit dem gesellschaftlichen Kontext verzahnt, in dem das Werk entstand: das durch Freud ausgelöste Interesse an der Tiefenpsychologie, die fühlbare Kluft zwischen gesellschaftlichen Konventionen und verdrängten sexuellen Wünschen, die langsam ins Wanken geratende Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern … All das hielt die bürgerliche Wiener Gesellschaft zur Zeit der Jahrhundertwende in Atem. Die im Théâtre National du Luxembourg (TNL) gezeigte Theaterproduktion, bei der Frank Hoffmann Regie führt, bleibt der literarischen Vorlage insofern treu, als dass hier darauf verzichtet wird, das Geschehen in die Gegenwart zu transponieren; die Bühnenadaption „Traumnovelle“ ist kein Kommentar auf die heutige Gesellschaft, die zwar in vielen Dingen – zumindest an der Oberfläche – freier und offener geworden ist, in der jedoch noch immer ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern existiert.
Trotzdem erlaubt sich die Adaption, deren Text aus der Feder von Florian Hirsch stammt, gegenüber der Novelle einige Freiheiten, die, auch wenn sie zumeist dezent sind, den Szenen ein anderes, eigenes Parfüm verleihen – manchmal auf Kosten der Komplexität der Geschichte. Oft wird der Fokus auf das drastisch Sexuelle gelegt, auch da, wo im literarischen Text unterschiedliche Stimmungen koexistieren dürfen. Die freundschaftliche Zärtlichkeit zwischen den Eheleuten in der Anfangsszene wird ersetzt durch ein leidenschaftliches, ungezügeltes Beisammensein, das harte und doch liebevolle Gespräch, welches die Aventüre einläutet, ersetzt durch ein von Eifersüchteleien bestimmtes Wortgeplänkel. Marianne, eine (gemäß der männlichen Perspektive, die im Buch vorherrscht) zarte, verwelkende Schönheit, verzweifelt und von Verlust- wie Liebesschmerz gepackt, wird zu einer forschen Verführerin, die ihre Trauer um ihren Vater nur vortäuscht.
Der Kostümverleiher, eigentlich ein steifer wie etwas blutleerer Mann, wird zu einer schillernden, flamboyanten und exzentrischen Figur, einer Kupplerin um genauer zu sein, die ihre Tochter Fridolin für sexuelle Gefälligkeiten anbietet. Und während Fridolin in Schnitzlers Vorlage die Leiche einer Frau, die womöglich die Baronin war, die sich für Fridolin auf dem Maskenball opferte, auf entrückt-nüchterne Weise betrachtet, entschließt sich der Arzt im Theaterstück zur Leichenschändung. Diese Änderungen besitzen manchmal einen verkürzenden beziehungsweise vereinfachenden Charakter; die Vielschichtigkeit des Werks geht so gelegentlich verloren.
Motiv der Verdoppelung

Allesamt in ihren Rollen überzeugend: Nora Koenig, Christian Clauß, Luc Feit und Christiani Wetter (v.l.n.r). (Foto: Bohumil KOSTOHRYZ)
Auch wirken die Szenenwechsel zum Teil holprig. Das feindselige Zusammentreffen Fridolins mit einem Studenten auf der Straße erscheint zum Beispiel durch die schnelle Anfügung dieser Szene an die vorherige etwas brüsk und, da sie größtenteils auf Andeutungen beruht, konfus. Besonders gelungen, da hier die Möglichkeiten des Theaters ideal genutzt werden, ist hingegen die Szene, in der Fridolin in der Nacht wieder zu Albertine zurückkehrt und die Figuren (entgegen der Darstellung im Buch) plötzlich verdoppelt werden: Fridolin (eigentlich Christian Clauß) und Albertine (eigentlich Christiani Wetter) werden von Doppelgänger*innen (hier Luc Feit und Nora Koenig) begleitet, bis sie sich zu viert im Bett wiederfinden, wobei die Doppelgänger*innen als Spiegelbilder agieren, die in einem fließenden Prozess, bei dem die Symmetrie beider Paare schrittweise aufgehoben wird und sich die Rollen mitunter vertauschen, alternative emotionale Reaktionen zeigen und so auf das andere, Verdrängte hinweisen, das als Unterstrom die gesamte Erzählung durchfließt. Das Duale, das in der Erzählung eine zentrale Rolle spielt, kommt so auf der Bühne auf intelligente Weise zum Tragen.
„Ich schließe die Augen, um zu sehen.“ Dieser treffende Satz fällt im Stück gleich zweimal und kann als direkte Anspielung auf Stanley Kubricks Kultfilm „Eyes Wide Shut“ aus dem Jahre 1999 gedeutet werden. Er enthält letztlich auch den Kern der Erzählung, immerhin verwischen hier ständig die Grenzen zwischen Illusion und Realität, Fata Morgana und Faktum. Die Theateradaption wird Arthur Schnitzlers Novelle zwar leider nicht immer zur Gänze gerecht, dennoch gelingt es ihr, die Konflikte der Figuren, die zwischen verbotener Sinnlichkeit und Regelkonformität schwanken, überzeugend darzustellen.
Aufführungen finden noch am heutigen Freitag, dem 11. Oktober um 19.30 Uhr sowie an diesem Sonntag, dem 13. Oktober um 17 Uhr statt.
Bühne: Christoph Rasche Kostüme: Jasna Bosnjak Musik und Soundeffekte: René Nuss Videodesign: Sebastian Pircher Licht: Daniel Sestak Maske: Joël Seiller

