Debütroman von Akwaeke Emezi: Salziges „Süßwasser“

Akwaeke Emezi zerpflückt in „Süßwasser“ die menschliche Identität, anstatt deren Mehrstimmigkeit zu pathologisieren. Eng verwoben mit Elementen der Igbo-Kultur* und einer interessanten Sicht auf Sexualität, bietet der Roman einen bereichernden Einblick in eine intime Welt: das Ich.

Copyright: Eichborn Verlag

„Wenn man das Leben von weit genug weg betrachtet, werden die Dinge, die wir sagen, denken und über die wir reden, zu klitzekleinen Punkten, zu nichts“, sagt die Hauptfigur Ada gegen Ende des Romans. „Ich habe es so satt, leer zu sein. Ich habe das Gefühl nach außen gekehrt und es getragen wie einen Handschuh, habe damit die Wände beschmiert, bis mein Haus nur noch leer, leer, leer geschrien hat.“ Dabei ist Ada, eine junge Frau, die im Süden Nigerias aufgewachsen ist und ihren Eltern seit Kindertragen Sorgen bereitet, nicht leer. Ihre Persönlichkeit, ihre Identität, das „Haus“, von dem sie spricht wird beherrscht von zerstörerischen und liebenden, treibenden Kräften zugleich. In diesem Haus gibt es ein „Wir“, Ashugara, St.Vincent und Ada – die menschliche Verkörperung, die die einzelnen Wesenszüge beheimatet und für Außenstehende erfahrbar ist. Jedes Ich, das Ada innewohnt, trägt einen Namen und spricht seine eigene Sprache. Die ist mal sanft, mal poetisch („Sie (Anm.d.R.: Ada) war eine in Atem gehüllte Frage“), aber auch vulgär („Ich kann dich ficken oder ich kann dich zugrunde richten – ganz einfach.“).

Ada wird früh zum Opfer sexualisierter Gewalt und gilt als schwieriges Kind. Später zieht sie für ihr Studium in die USA. Ein weiterer Übergriff und die Auseinandersetzung mit interkulturellen Differenzen verleihen Ashugara, der vornehmlich destruktiven Kraft in ihr Überhand. Das „Wir“ übernimmt die Rolle der umsorgenden „Brüderschwestern“. Es hat Ada unterteilt, hat ihr „gesonderte Fächer mit Erinnerungen“ verschafft, die alle eine andere Version ihrer Selbst beinhalten. Einigen wurden „schlimme Dinge angetan“ und anderen nicht. „Die Ada konnte auf ihr Leben zurückblicken“, erklärt das Wir, „und wie Klone auf mehrere Ausgaben von sich nebeneinander aufgereiht sehen.“

Dabei fällt besonders die negative Darstellung von Sexualität als Selbstzerstörung, als Ausdruck von Kontrollverlust und Gefühlskälte auf. Überspitzt könnte man von Sex als externalisiertem und internalisiertem Machtkampf sprechen. Externalisiert, weil kaum gleichberechtigte, einvernehmliche sexuelle Handlungen beschrieben werden; internalisiert, weil Ashugara,die vor allem heterosexuelle Begegnungen erlebt, St. Vincent, der für queere Fantasien und gleichgeschlechtliches Verlangen steht, vor der Außenwelt verstecken will. Emezi thematisiert durch Ashugaras Stimme die Abwesenheit, die Benommenheit einer Person, die sexuelle Akte als ferngesteuert erlebt. „Nur, dass Ada nicht mehr da war. Überhaupt nicht mehr, überhaupt nicht mehr da. Sie war nicht mal ein kleines Ding, das zusammengekauert in einer Ecke ihres Marmorzimmers lag“, schreibt sie an einer Stelle. „Ada war nie da, wenn es ein Bett gab. Wenn ich eine Sache in meinem bis dahin kurzen Leben sicherstellte, dann das.“ In das komplexe Sexualleben der Protagonistin spielt ebenfalls ihr christlicher Glaube hinein: Mehrfach ist die Rede von Schuldgefühlen gegenüber Gott.

In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur gab Emezi an, ein Großteil von „Süßwasser“ basiere auf der „Igbo-Anthologie“: „Die Masken, die Maskerade ist nur eine weitere Facette der Igbo-Kultur, der Igbo-Realität. Ich habe so eine Realität gewählt, weil ich sie als real einführen wollte, ich wollte sie als wahr darstellen und einführen.“ Sie selbst ist in Nigeria aufgewachsen, lebt aber inzwischen in New York. Zwar taucht in „Süßwasser“ der Begriff der Persönlichkeitsstörung auf, doch liest sich der Text mehr wie ein Maskenspiel als das Zeugnis einer Krankheit. Durch die Einführung der Elemente aus der Igbo-Kultur, erhält das Werk einen mystischen Tonfall, der ihm einen besonderen Reiz, eine gewisse Magie verleiht. Man fühlt sich als Leser*in stellenweise überfordert von den multiplen Stimmen, von den starken, harten Sprachbildern und berührt von Adas Geschichte. Die Lektüre ist eine Herausforderung, die man jedoch annehmen sollte. Es ist das Wechselspiel zwischen Zartheit und Gewalt, Kult und Realität, das Emezis Debütroman auch ein Jahr nach der Erscheinung der deutschen Übersetzung lesenswert macht.

*Die Igbo sind eine Ethnie in Nigeria.

Akwaeke Emezi: Süßwasser. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anabelle Assaf und Senthuran Varatharajah. Eichborn Verlag/Bastei Lübbe AG: Köln, 2018. (24 Euro)


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