Der letzte linke Kleingärtner, Teil 5: Rucola radikal

Was macht eine Gartenkolumne im trüben kalten Herbst? Sie wächst und gedeiht – ganz ohne Dünger. So wie der Lieblingssalat, den der letzte linke Kleingärtner derzeit täglich verzehrt.

Nachdem der Halloween-Irrsinn vorbei ist, trauen sich auch die letzten Kürbisse aus dem Versteck. (Foto: Pixabay)

Manchmal bin sogar ich überrascht darüber, was in meinem Gemüsegarten so vor sich geht. Dinge, die ich weder geplant noch „auf dem Schirm“ hatte. Rucola zum Beispiel, dem ich nach meinen jüngsten Erfahrungen gerne den Titel „Überraschungskraut des Jahres 2018“ verleihen möchte. Im Frühjahr habe ich wie üblich vier Reihen dieser nussartig schmeckenden Salatpflanze gesät. Ich war guter Dinge.

Manchmal jedoch laufen im Garten die Dinge aus dem Ruder; mal negativ, mal positiv. Im Frühjahr wuchs der Rucola gut an, aber die Blätter blieben klein und die Salatschüssel trotz großer Bemühungen meinerseits nur halb gefüllt. Gut, dachte ich mir, einen gewissen Verlust gibt es immer und ich hakte das Thema vorerst ab.

Die Rucola-Pflanzen wuchsen aus, ohne dass die Blätter relevant größer wurden und produzierten Samen. Dieser Vorgang ist im genetischen Code einer jeden Pflanze eingraviert, um ihren Erhalt zu sichern. Irgendwann hackte ich die Pflanzen in dem Rucola Beet um und ließ sie liegen, um sie später, sobald sie verdorrt sind, zum Komposthaufen zu bringen. Aus Gründen, an die ich mich heute nicht mehr erinnere – ich kann mich ja nicht an jeden Mist erinnern, nur um die Neugier meiner Leserschaft zu befriedigen – landeten die Pflanzen allerdings doch nicht an dem von mir vorbestimmten Ort.

Und siehe da – plötzlich hatte ich ein doppelt so großes Beet, in dem der Rucola allerdings nicht in Reihen stand, so wie ich es als ordnungsliebender Mensch gerne habe, sondern die gesamte Fläche bedeckte. Das Schönste daran: er hatte richtig große Blätter!

Rauke war nicht gerade in Mode – bis uns „der Italiener“ Rucola auf der Pizza und im Salat bescherte.

Ergo: Was ich mit Plan und ordnungsliebender Akribie nicht hinbekam, hat mir der merkwürdig anarchistische Impuls, der ungewollt meiner kurzzeitigen Unordnung entsprang, ohne jede Mühe beschert. Eine üppige Ernte. Auch dass ich vergaß, das getrocknete Gestrüpp zu entfernen, hat dem Wachstum des Rucola gut getan. Es verhinderte sowohl ein Austrocknen des Bodens wie auch ein relevantes Aufkeimen von anderen Pflanzen, die nicht Rucola heißen. So kam ich Monate später zu meiner angestrebten Rucolaernte und kann jetzt schon seit Wochen, mitten im kühlen Herbst, Tag für Tag frischen Rucola ernten und essen. Das ist Anarchie im Rucolabeet.

Rucola gibt es auch im deutschen Gemüsegarten schon „immer“. Aber er hieß zunächst anders, nämlich Rauke. Und weil „Rauke“ so ein bisschen klingt wie „Sauerkraut“ und „Krauts“, geriet sie in den hiesigen Breitengraden in Vergessenheit. Ihr Image war miserabel. Bis uns „der Italiener“ Rucola auf der Pizza und im Salat bescherte. Und flugs wurde aus dem Allerweltskraut das vornehme italienische „Ru – co – la“, was natürlich viel besser klingt und viel besser schmeckt.

Da sage mal einer, unsereiner sei nicht offen für Neues. Und weil etwas, das schwer in Mode ist und gut schmeckt, überbordend rund ums Jahr verfügbar sein muss, wird es genauso eifrig produziert. Mit viel Düngung. Da Rucola jedoch ein guter Nitratspeicher ist, was sich wiederrum nicht so toll als Essensinhaltsstoff empfiehlt, sollte man ihn lieber nur zurückhaltend aus konventionellem Anbau kaufen. Am besten organisiert man sich den Rucola beim Kleingärtner seines Vertrauens. Denn dieser baut ihn garantiert ohne Extradüngung an. Oder er ist doof. Großes Ehrenwort.

Eine Ehre ist es natürlich auch, dass ich es mit meiner letzten Kolumne für 2018 sogar in die Weihnachtsnummer der woxx geschafft habe. Wenn Sie allerdings glauben, dass Sie jetzt wegen des Winters eine Weile Ruhe vor mir haben und meinen, um diese Jahreszeit sei im Garten nicht viel los, dann kennen Sie den Jahreszyklus von Kleingärten und damit auch dieser Kolumne noch nicht.

Denn „nicht viel“ ist deutlich mehr als nichts, um es genauer zu sagen: Der Kleingärtner hat keine Ruhepause. So müssen vor dem bevorstehenden Frost die letzten Kürbisse geerntet werden. Einige davon hatte ich bei der ersten Ernte schlichtweg übersehen. Oder ich hatte nur keine Lust, das hochgewachsene Gras an der einen oder anderen Stelle zu schneiden und habe die Kürbisse so zwangsläufig übersehen. Egal, jetzt sind sie unter Dach und Fach.

Weil ich gerade dabei war, habe ich auch noch das große Beet mit Roter Bete abgeerntet. Ein lustiges wie schmackhaftes Wurzelgemüse. Wenn man es isst, färbt sich der Stuhlgang recht schnell rot und man könnte glauben, man blutet aus. Und dann muss noch der Plan gemacht werden für die nächste Gartensaison. Denn nach der Saison ist vor der Saison, sagt der kluge Kleingärtner, der nichts dem Zufall überlässt.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.