Haruki Murakami: Killing Commendatore

Wer Murakami mag, lechzt nach seinem magischen Realismus. In seinem neuen Roman treibt der Autor das Spiel auf die Spitze – und verliert haushoch gegen sich selbst. Flache Brüste, ein japanischer Yoda-Verschnitt und eine mysteriöse Glocke harmonieren nicht miteinander.

Es beginnt mysteriös und spannend: Ein Porträtmaler, der kürzlich für einen anderen Mann von seiner Frau sitzengelassen wurde, zieht in ein Haus in die Berge. Das gehörte einem berühmten japansichen Künstler, der zu dem Zeitpunkt dement in einem Altenheim vor sich hinvegetiert. Auf dem Dachboden des Hauses deckt der neue Bewohner ein Gemälde des alten Meisters auf – „Killing Commendatore“. Die Dinge nehmen ihren Lauf: Wenig später läutet mitten in der Nacht eine Glocke, ein wohlhabender IT-Guru aus der Nachbarschaft taucht auf, die Männer entdecken eine mysteriöse Gruft unter einem Schrein und plötzlich schläft eine Figur aus dem Gemälde auf dem Sofa des Ich-Erzählers. Die erinnert von ihrem Auftreten und ihrer kryptischen Redeart her übrigens entfernt an Yoda aus Star-Wars. Verstörend. Das Buch gründet jedenfalls in einem für Murakami typsichen Setting: Das Surreale schleicht sich in den Alltag seiner Protagonist*innen.

Zu viele Fässer aufgerissen

„Killing Commendatore“ ist eine Matrojschka: Die einzelnen Handlungsstränge sind zusammengesteckt und werden von Seite zu Seite kleinteiliger. Nur, dass die narrativen Steckpuppen Murakamis nicht so lückenlos zusammenpassen. Zum einen kann man das eigentliche Geschehen irgendwann nicht mehr ausmachen, zum anderen verwirren die Einzelteile. Murakami entführt in die Welt der Ideen und der Metaphern, nimmt das Künstler-Dasein kritisch auseinander und fabuliert gleichzeitig über die unbefleckte Empfängnis und ungewisse Vaterschaften. Das alles vermischt er mit surrealen Begegnungen, historischen Exkursen zum österreichischen „Anschluss“ von 1938 und mit unnötig detaillierten Sex-Szenen, die die Handlung in keinster Weise vorantreiben. Zwar erzählt er linear – von hinten nach vorne, denn zu Beginn des Romans blickt der Hauptcharakter auf die letzten Monate zurück – doch wird man das Gefühl nicht los, dass da jemand den Faden verloren hat. Mehrere Schubladen zu bedienen ist per se ein Mehrwert, den nur wenige Geschichten bieten, aber doch bitte nicht auf diese inkohärente Art – denn keine der Ideen ist befriedigend zu Ende gedacht und kaum eins der vielen Mysterien wird wirklich aufgeklärt. Das ist frustrierend.

Unvorteilhaft

Frustrierend ist auch die Frauendarstellung in „Killing Commendatore“. Es mutet komisch an, dass eine 13-jährige Schülerin, die im Laufe der Handlung spurlos verschwindet, einem deutlich älteren Porträtmaler von ihren flachen Brüsten erzählt. Nicht nur einmal. Mehrmals. Sie ruft ihn deswegen sogar an. Die anderen Frauenfiguren sind meist Verführerinnen, alternativ willige Sexpartnerinnen. Auch das ist für Murakami nicht untypisch. Aber: Muss das sein?

Auch sprachlich kann das Buch nicht überzeugen. Zwar überrascht der Autor mit seinem Humor, doch glaubt man stellenweise in einem Fortsetzungsroman gelandet zu sein. Manche Kapitel beginngen mit exakt denselben Worten, mit denen das vorherige endete. Oder komplette Handlungsstränge werden eins zu eins nochmal erklärt. So, als rechne der Autor schon damit, dass man zwischenzeitlich vergisst, worum es eigentlich geht. Die Dialoge zwischen den Charakteren beschränken sich teilweise auf ein simples Frage-Antworten-Spiel für Dummies. „Du willst also sagen, dass…?“ wird dann mit „Ich will sagen, dass…“ beantwortet. Es fehlt an Raffinesse, an originellen Sprachbildern. Das Buch hat in der englischen Übersetzung von Philipp Gabriel und Ted Goossen, im Oktober 2018 bei Penguin Random House erschienen, 704 Seiten. Davon könnte man getrost die Hälfte streichen. Nur eins muss man Murakami lassen: Trotz aller Schwächen übt die Erzählung einen unglaublichen Sog aus.


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