Im Kino: Babyteeth

„Babyteeth“ schafft eine Distanz zwischen Figuren und Zuschauer*innen – das macht die Geschichte rund um einen krebskranken Teenager zwar ertragbarer, erschwert jedoch die Anteilnahme.

Moses ist zwar nicht immer zuverlässig, dennoch verhilft er Milla zu neuer Lebensfreude. (© Pathé Films)

„Babyteeth“ ist ein Film, der sich schwer einordnen lässt. Der Titel deutet auf einen Film übers Erwachsenwerden hin, der Trailer erweckt den Eindruck einer schwarzhumorigen Beziehungskomödie und der Film selbst ist dann anders. Zwar kommen gängige Filmthemen wie Teenie-Romanze, unheilbare Krankheit und Sucht vor – mit Produktionen wie „The Fault in Our Stars“ (2014) lässt sich „Babyteeth“ dennoch schwer vergleichen. So sehr haben die Drehbuchautorin Rita Kalnejais und Regisseurin Shannon Murphy versucht von bestehenden Konventionen abzuweichen, dass der Film kein kohärentes Ganzes mehr ergibt.

Die Macher*innen werfen die Zuschauer*innen mitten ins Leben dieser Menschen, darin zurechtfinden müssen sie sich selbst. Wer mit wem verwandt ist, wie die Figuren zueinanderstehen, das alles puzzelt man sich erst nach zahlreichen Szenen zusammen. Einerseits wird das Publikum dadurch dazu angehalten, mitzudenken und Sehgewohnheiten zu reflektieren, andererseits wird dadurch die Anteilnahme an diesen Figuren unnötig erschwert. Psychiater Henry (Ben Mendelsohn) verschreibt seiner Ehefrau zu Beginn Medikamente, ohne dass erklärt wird, wozu sie diese braucht. Tochter Milla (Eliza Scanlen) hat Krebs im Endstadium, doch auch das wird nicht explizit ausgesprochen. Als sie per Zufall den obdachlosen, suchtkranken Moses (Toby Wallace) kennenlernt, ist die gegenseitige Faszination umgehend spürbar. Als vom Leben gezeichnete Außenseiter*innen haben die beiden so einige Gemeinsamkeiten. Dennoch ist nie völlig klar, wieso er ein derart zentraler Teil in ihrem Leben und dem ihrer Familie wird. Das soll nicht heißen, dass mit dem, was da zu sehen ist, nichts anzufangen wäre. Etwas mehr Orientierung hätte dennoch nicht geschadet.

Was den Film letztlich zusammenhält, ist sein Ton, der zunächst mehr zum Humorvollen neigt, später aber – ebenso wie Millas Gesundheitszustand – zunehmend ernster wird. Die anfängliche emotionale Distanz zu den Figuren ist von den Macher*innen wohl gewollt, macht sie diese herzzerreißende Geschichte doch ertragbar. Der Film funktioniert in jenen Augenblicken am besten, wo er nicht ganz so sehr darum bemüht ist, Erwartungen auf den Kopf zu stellen. Dann nämlich, wenn er den Figuren und uns erlaubt, die Schwere der Situation zu fühlen und um Milla zu trauern.

Seit „Babyteeth“ im September 2019 auf den Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte, hat er viele positive Kritiken bekommen und eine Reihe von Preisen ergattert. Lob ernteten vor allem die beeindruckenden Schauspielleistungen von Wallace und Scanlen. Letztere hatte bereits 2018 mit ihrer Rolle in der HBO-Serie „Sharp Objects“ ihr Talent für äußerst komplexe Figuren unter Beweis gestellt. In „Babyteeth“ deckt sie eine große Bandbreite glaubhaft ab: Mal ist sie kindlich, dann erwachsen, mal unbeschwert, dann abgeklärt, mal euphorisch, dann lebensmüde.

Ob der auf einem Theaterstück beruhende Film gefällt, wird wohl stark von den jeweiligen Zuschauer*innen abhängen.

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Bewertung der woxx : XX


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