Im Kino: Little Women

In Gerwigs Adaptation von Louisa 
May Alcotts Klassiker „Little Women“ wird die Charakterentwicklung der Frauen ins Zentrum gestellt. Jo March wird dabei zur asexuellen Heldin, die sie möglicherweise von Anfang an sein sollte.

Jo (Saoirse Ronan) will Schrifstellerin sein und unabhängig bleiben. (Fotos: © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH)

Massachusetts, Mitte des 19. Jahrhunderts: Jo (Saoirse Ronan) ist angehende Schriftstellerin. Regelmäßig verfasst sie Theaterstücke, die sie zusammen mit ihren Schwestern Meg (Emma Watson), Beth (Eliza Scanlen) und Amy (Florence Pugh) probt. Die vier sind Teil der Familie March: der Vater (Bob Odenkirk) kämpft im Bürgerkrieg, während die Mutter (Laura Dern) alles tut, um sich und ihre Töchter mit dem Nötigsten zu versorgen. „Little Women“ erzählt vom Erwachsenwerden dieser Schwestern und den unterschiedlichen Weisen, wie sie mit patriarchalisch geprägten Rollenmustern umgehen. Die Geschichte wurde bereits unzählige Male erzählt. Erst 1868 von Louisa May Alcott in Romanform, anschließend in zwölf Fernseh- und fünf Filmadaptationen. Die bisher sechste und neueste Verfilmung stammt von Greta Gerwig, die sich 2017 mit ihrer Tragikomödie „Lady Bird“ erstmals als Regisseurin und Drehbuchautorin einen Namen machte.

In ihrem Filmscript weicht Gerwig mal subtil, mal grundlegend vom Buch ab. Zu letzter Kategorie zählt ihre Entscheidung, zwischen den Zeitebenen hin und her zu springen, wodurch die Charakterentwicklung der Figuren in den Vordergrund rückt. In Gerwigs Version dominiert zudem nicht Jos Perspektive auf die Schwestern – stattdessen erhält jede ihren eigenen komplexen Erzählstrang.

Gerwig geht aber noch in anderer Hinsicht über das Ausgangsmaterial hinaus. Wer die Figur Jo einem „Queer Reading“ unterzieht, dürfte eine interessante Entdeckung machen: Wird die Figur nämlich erst einmal unter diesem Blickwinkel analysiert, ist es schwer, sie jemals wieder als heterosexuell wahrzunehmen. Vor allem in Winona Ryders Interpretation der Rolle in der 1994er-Verfilmung kam dies zum Vorschein. Es war nicht nur klar, dass Jo die Ehe als Bedrohung ihrer persönlichen Freiheit wahrnahm, sondern es war ihr auch deutlich anzusehen, dass sie nichts als platonische Gefühle für Laurie hegte. Ihre Liebe für Friedrich nahm man ihr dagegen nicht richtig ab.

In Gerwigs Version ist es nicht so sehr Saoirse Ronans Verkörperung, die diese Interpretation bestärkt, sondern vielmehr subtile Änderungen am Handlungsverlauf. Im Zentrum von Gerwigs Film steht nicht die Entscheidung für den einen und gegen den anderen Mann. Der Fokus liegt vielmehr darauf, dass sie noch nie in einen Mann verliebt war und dies auch nicht bedauert. Das heißt nicht, dass Jo unbedingt lesbisch ist. In Anbetracht dessen, dass sie, abgesehen von ihren Familienmitgliedern, kein enges Verhältnis zu einer Frau pflegt, ist die plausibelste Interpretation, dass sie asexuell, oder doch zumindest aromantisch ist. Autorin Louisa May Alcott selbst war historischen Quellen zufolge wohl alles andere als begeistert von der Vorstellung, dass Jo sich vermählt. In einem Brief an eine Freundin schrieb sie, dies nur deshalb eingebaut zu haben, weil unzählige Leser*innen sie darum baten. Sie, die selbst nie heiratete, empfand ein solches Ende als „Perversität“. In ihren Augen hätte Jo eine Jungfer bleiben sollen.

„If I were a girl in a book this would all be so easy“, sagt Jo an einer Stelle. So sehr sie sich auch manchmal wünscht, ein bestimmtes Weiblichkeitsideal zu erfüllen, so weiß sie, dass das nicht der Lebensweg ist, den sie einzuschlagen gewillt ist. Die Art und Weise wie Jos Normabweichung nicht als etwas Statisches dargestellt wird, sondern als etwas, das sie in einem langen Prozess für sich ausloten muss, macht sie zu einer überdurchschnittlich nuancierten Figur.

In Anbetracht dessen hätten Jos Schwestern Meg und Amy als Frauen, denen es wichtig ist zu heiraten, leicht in ein negatives Licht gerückt werden können. Doch auch hier weicht Gerwig entschieden von einer simplistischen Darstellungsweise ab. In einer Szene macht Amy deutlich, dass sie die Ehe weniger als romantisches, denn als ökonomisches Unterfangen sieht, ein notwendiges Übel, um ihr finanzielles Überleben zu garantieren. Auch Meg hat alles andere als romantisierte Vorstellungen von der Ehe, zieht es aber vor, den Hürden des Lebens gemeinsam mit einem Lebensgefährten zu begegnen. Keine der Schwestern lässt sich eindeutig einer Schublade zuordnen.

Mit „Little Women“ zeigt Gerwig, dass Erzählungen nicht nur objektiv die Realität widerspiegeln, sondern wesentlich dadurch beeinflusst sind, aus wessen Perspektive sie erzählt werden. Der Film ist darüber hinaus toll gespielt und wunderschön anzusehen.

Im Kinepolis Kirchberg. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

Bewertung der woxx : XXX


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