Im Stream: The White Lotus

Bei der Darstellung von Amerikas Superreichen spart Mike White gewöhnlich nicht mit Kritik. Obwohl es in „The White Lotus“ nie richtig ungemütlich wird, gibt es dennoch ausreichend Gründe, sich die sechs Folgen anzuschauen.

„Smile like you mean it“: Das Personal des „The White Lotus“-Resorts empfängt die neuen Gäste am Strand von Hawaii. (Copyright: HBO)

„Good things happen to good people.“ Wenn in der ersten Folge von „The White Lotus“ eine der Hauptfiguren diesen Satz spricht, kann man nur die Augen verdrehen. Von den in dieser HBO-Serie im Zentrum stehenden Gästen der luxuriösen, titelgebenden Ferienanlage auf Hawaii kann sicherlich niemand als gut bezeichnet werden. Dafür aber als schwer geplagt: Angst vor Entmännlichung, Zweifel nach der Hochzeit und Verägerung darüber, „nur“ die zweitgrößte Suite bekommen zu haben, sind nur einige der Probleme, die diese superreichen Menschen belasten.

In scharfem Kontrast dazu steht das Hotelpersonal, denn dessen Sorgen – zumindest die, von denen wir erfahren – beziehen sich auf seine Arbeitsbedingungen. Hotelmanager Armond (Murray Bartlet) kommt anfangs noch am besten klar, was vor allem daran liegt, dass er das Ganze mit Humor nimmt. Seiner Ansicht nach zählt für jeden der Gäste einzig, wie das „special chosen baby child of the hotel“ behandelt zu werden. Die Auszubildende Lani ist im neunten Monat schwanger, traut sich allerdings nicht, dies ihrem Arbeitgeber zu sagen, aus Angst ihren Job zu verlieren. Währenddessen fühlt sich die Managerin des Wellnessbereichs, Belinda (Natasha Rothwell), immer wieder genötigt, Gäste psychologisch zu betreuen. Dass das alles in einem Desaster enden wird, wird schon in der allerersten Szene deutlich: Hier erfahren wir, dass eine der Serienfiguren am Ende ermordet wird. Wer beziehungsweise von wem, erfahren wir allerdings nicht.

Reiche im Fokus

Auch schon in seinem Film „Beatriz at Dinner“ (2017) befasste sich Regisseur und Drehbuchautor Mike White mit der Beziehung zwischen Wohlhabenden und ihrem Personal. Hier stellte er jedoch die Perspektive der von Salma Hayek gespielten holistischen Heilerin Beatriz ins Zentrum der Erzählung. Auch Whites „Brad’s Status“ (2017) handelt von einer Figur, die weit davon entfernt ist, ultrareich zu sein. Anders als Beatriz blickt der titelgebende Brad (Ben Stiller) allerdings nicht verachtend, sondern eifersüchtig auf „the one percent“. Seine Meinung wird sich im Laufe des Films aber ändern.

Bei „The White Lotus“ scheinen Whites Sympathien für die Reichen weitaus größer. Das Personal dient lediglich als Erzählmittel, um deren Charakterentfaltung zu begünstigen. Die Kolonialisierung Hawaiis wird nur am Rande thematisiert. Wie schon in „Brad’s Status“ wird dem weißen Mann zwar kritisch, dafür aber mit Empathie begegnet. Er kommt jedenfalls nicht schlechter weg als die meisten anderen Figuren.

So ungemütlich wie „Beatriz at Dinner“ wird „The White Lotus“ jedenfalls nie. Das liegt einerseits wohl daran, dass die Serie unter die Lupe nimmt, wie Menschen ihr eigenes Verhalten – und sei es noch so abscheulich – vor sich und anderen rechtfertigen. Der Ton, den White dafür gewählt hat, ist komödiantisch bis tragikomisch. Andererseits war White als weißer US-Amerikaner, der selbst eine Ferienwohnung auf Hawaii besitzt, wohl zu parteiisch, um in seiner Kritik weiter zu gehen.

Dennoch: Die Art wie White das Unüberwindbare an Klassendifferenzen und das Perfide an performativer Wokeness thematisiert, ist eine Stärke, die er nach „Beatriz at Dinner“ nun auch hier wieder an den Tag legt. White weiß, dass ein Happy End für das Personal ausgeschlossen ist, denn wenn es hart auf hart kommt, halten die Gäste an ihren Privilegien fest. Diese können noch so sensibilisiert sein für die Lebensrealität der lokalen Bevölkerung: Allein ihre physische Präsenz in diesem Hotel ist Teil des Problems.

„The White Lotus“ ist vom Drehbuch über Regie und Musik bis hin zum Schauspiel einwandfrei umgesetzt. Der materielle Exzess einerseits und der Egozentrismus der Figuren andererseits ergeben einen hochspannenden Themen-Cocktail, von dem man kaum die Augen abwenden kann. Die Serie macht es den Zuschauer*innen allerdings etwas zu leicht, die Kollateralschäden dieses Wohlstands auszublenden.

Die sechste und letzte Folge der ersten Staffel von „The White Lotus“ wurde am 15. August veröffentlicht. Kurz darauf gab HBO grünes Licht für eine zweite Staffel.

Auf Sky Go.

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