In der Cinémathèque: New-Hollywood-Retrospektive

Bis zum 28. März kann man in der hauptstädtischen Cinémathèque einen Einblick in die New-Hollywood-Bewegung gewinnen, die von 1967 bis 1978 das Hollywoodkino auf den Kopf stellte.

Dennis Hopper und Peter Fonda in „Easy Rider“ (© Picasa)

In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren ging ein filmisches Erdbeben durch Hollywood: Junge, idealistische, risikofreudige Talente griffen zur Kamera und verwarfen zu einem großen Teil das alte Hollywood. Die sogenannten „Movie Brats“ sowie einige Regisseure mittleren Alters profitierten in dieser Zeit nicht nur von einer kränkelnden Filmindustrie, sondern auch von sozialen Unruhen und kontroversen gesellschaftlichen Debatten. Das Kino politisierte sich, wurde unbequemer und stilistisch moderner. Plötzlich standen nicht mehr kommerzielle Aspekte im Fokus, sondern die Hoffnung das Studio-System und festgefahrene Hierarchien zu destabilisieren. Totgeglaubte Genres, wie der Detektivfilm und der Western, wurden wiederbelebt. Genres, wie das Road Movie, der Politthriller und der Veteranenfilm, neu erschaffen. Filme wie „Bonnie and Clyde“ und „The Graduate“, die beide 1967 in die Kinos kamen, kündigten eine kulturelle Revolution an, in der neu definiert wurde, wie Filme gemacht wurden und auszusehen hatten. Standen davor allein Schauspieler*innen im Zentrum der Aufmerksamkeit, so verfügten plötzlich Filmemacher (es waren fast ausnahmslos Männer) über mehr künstlerische Freiheit, Prestige und Wohlstand als je zuvor.

„It was the last time Hollywood produced a body of risky, high-quality work – as opposed to the errant masterpiece – work that was character-, rather than plot-driven, that defied traditional narrative conventions, that challenged the tyranny of technical correctness, that broke the taboos of the language and behavior, that dared to end unhappily. These were often films without heroes, without romance, without – in the lexicon of sports, which has colonized Hollywood – anyone to ‘root for’“, beschreibt Peter Biskind diese Zeit in seinem Werk „Easy Riders, Raging Bulls“.

Ebendiesen Titel trägt auch die New-Hollywood-Retrospektive, die noch bis zum 28. März in der Cimémathèque gezeigt wird. Am Mittwoch ist Francis Ford Coppolas „The Conversation“ zu sehen: Ein Film über die Entfremdung und Vereinzelung, die mit Computerisierung und Digitalisierung einhergeht. Der Film mit Gene Hackmann in der Hauptrolle erschien 1973 – unmittelbar nach der Watergate-Affäre – und griff mit seinem Fokus auf die Abhör- und Überwachungsbranche ein damals brandaktuelles sowie allgemein zeitlos relevantes Thema auf: die persönliche Verantwortung und die Bedrohung des Einzelnen durch das System. 1974 wurde der Film in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Mit Dennis Hoppers „Easy Rider“ (1969) wird am 5. und 19. März einer der Filme gezeigt, die demonstrierten, dass es keiner großen Stars oder eines erfahrenen Regisseurs bedarf, um einen künstlerisch und finanziell erfolgreichen Film zu produzieren. Das Road Movie handelt von Männern, die auf Motorrädern durch Amerika fahren und in einem Land, das ihnen fremd geworden ist, nach einem Platz suchen. Sie suchen nach einer Freiheit, die nicht zu existieren scheint. In ungeschliffenen, improvisiert wirkenden Bildern und Erzählsträngen zeigt der Film eine gespaltete Gesellschaft mit Establishment auf der einen und Gegenkultur auf der anderen Seite; einer Gegenkultur, deren subversiver Gestus Ende der 1960er-Jahre bereits in Resignation umgeschlagen war.

Am 6. und 18. März läuft Robert Altmans in lose miteinander verbundenen Episoden erzählte Militärsatire „M.A.S.H.“ (1970), mit Donald Sutherland in der Hauptrolle. Ausgehend vom Mikrokosmos einer Militärbasis in Korea, spielt der Film mit teils makabrem Humor sowohl auf den Vietnamkrieg als auch auf soziale Konflikte innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft an. Das 1970 in Cannes mit der Goldenen Palme prämierte Werk ist in der für Altman typischen, klassische Hollywood-Konventionen unterwandernden Stilistik gefilmt: Figuren laufen häufig aus dem Bildrahmen heraus, immer wieder werden scheinbar nebensächliche Geschehnisse gezeigt, die Dialoge überschneiden sich, unscharfe Konturen im Vordergrund blockieren die Sicht. Das Resultat sind nicht nur Orientierungsprobleme beim Publikum, sondern auch eine möglichst dokumentarisch anmutende Visualisierung isolierter Menschen und einer gestörten Kommunikation untereinander.

Warren Beatty und Faye Dinaway in „Bonnie and Clyde“ (© Studio / Produzent)

Genau wie Robert Altman zählt auch Arthur Penn zu den wenigen Regisseuren im mittleren Alter, die in den 1960er- und 1970er-Jahren neue Akzente setzten. Am 7. März zeigt die Cinémathèque „Bonnie and Clyde“ (1967) – ein subversiver Gangsterfilm mit großem Einfluss auf nachfolgende Filmemacher*innen und Filme. Aufgrund seiner Amoral und Gewalttätigkeit polarisierte der Film nach seiner Veröffentlichung stark. Nachdem er anfangs an den Kinokassen gefloppt war, wurde „Bonnie and Clyde“ dank vereinzelter positiver Kritiken, Festivalpreisen sowie einem Re-Release nachträglich zu einem großen kommerziellen Erfolg. Das Publikum sympathisierte mit den rebellischen Hauptfiguren, denen es, anders als klassischen Gangstern, nicht um Geld und Macht, sondern vor allem um Selbstbestimmung und Liebe ging.

Neben Watergate, Gegenkultur und Vietnamkrieg wartet die Retrospektive der Cinémathèque aber noch mit vielen weiteren, für die Zeit zwischen 1967 und 1978 bezeichnenden Themenkomplexen auf. So wird beispielsweise am 20. März John Schlesingers oscarprämiertes Drama „Midnight Cowboy“ (1968) gezeigt, das mit dem Callboy Joe Buck (Jon Voight) und dem todkranken Kleinganoven Rizzo Ratso (Dustin Hoffman) das damalige Tabuthema Homosexualität in den Vordergrund stellt. Auch „The Last Picture Show“ (1971), in welchem sich Peter Bogdanovich einer Gruppe desillusionierter, perspektivloser Jugendlicher widmet, sollte man sich am 26. März nicht entgehen lassen.

Das vollständige Programm kann hier nachgelesen werden.


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