Ángel Santiesteban und Camila Acosta sind im offiziellen Kuba unerwünscht. Der Schriftsteller und die Journalistin bilden in Kurzgeschichten und Artikeln die traurige Realität auf der permanent kriselnden Insel ab. Das hat Folgen.

2007 wurde dem Schriftsteller Ángel Santiesteban ein Publikationsverbot auferlegt. (Foto: Knut Henkel)
Die Wohnung befindet sich im ersten Stock einer kleinen Stichstraße, die gleich um die Ecke von der Plaza de la Revolución liegt. Calle Lugareño heißt sie und ist nur einen Steinwurf vom zentralen Busterminal, dem Teatro Nacional und dem Denkmal zu Ehren des Nationalhelds José Martí entfernt. Dort rund um den Platz der Revolution befinden sich die wichtigsten Ministerien, es ist die Drehscheibe der politischen Macht in Kuba.
Für die hat Ángel Santiesteban nicht viel übrig. Der kräftige 59-Jährige ist Schriftsteller und im offiziellen Kuba ein Unbequemer, der immer wieder unter Beobachtung der Staatssicherheit steht. So heißt die politische Polizei in Kuba, die in den letzten Monaten öfter verhindert hat, dass Ángel Santiesteban und seine Freundin Camila Acosta ihr Apartment verlassen konnten. Arresto domicilario, Hausarrest, heißt das in Kuba und wird oft angewandt gegen Oppositionelle, kritische Künstler*innen oder Journalist*innen.
Immer dann, wenn internationale Gedenktage wie der Tag der Menschenrechte oder der Pressefreiheit anstehen, wenn Botschaften zum Gedankenaustausch einladen, stehen frühmorgens Polizist*innen vor den Haustüren von Dutzenden Systemkritiker*innen. Als am 30. Januar der US-Botschafter Michael Hammer zum Empfang lud, haben Santiesteban und Acosta der Staatssicherheit jedoch kurzerhand ein Schnippchen geschlagen. Sie haben bei Freunden übernachtet und konnten so zum Termin an der Uferpromenade Havannas, dem Malecón, erscheinen, so Santiesteban.
Heute hat er wie gewöhnlich einen prüfenden Blick aus dem Fenster des im ersten Stock liegenden Apartments geworfen und niemanden gesehen, der auffällig unauffällig auf der anderen Straßenseite in der Calle Lugareño stand. Ein guter Tagesauftakt für Santiesteban, der lange mit Camila Acosta gesucht hat, bis er die so zentral gelegene Wohnung gefunden hatte und kaufen konnte. „Das war nicht leicht, denn die Staatssicherheit hatte uns schon bei anderen Wohnungen mehrfach einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie haben Druck auf die Besitzer ausgeübt“, erinnert er sich, sodass ein Kauf mehrfach scheiterte. Daher sind die beiden sehr diskret vorgegangen, um den Kauf der Wohnung abzuwickeln, haben selbst Freund*innen erst davon erzählt, als er bereits getätigt war.
Das war vor rund vier Jahren und längst hat sich das Paar im Stadtteil La Pera eingelebt, ein gutes Verhältnis zu den Nachbar*innen aufgebaut, die den beiden Systemgegner*innen oft helfen, wenn wieder einmal die Staatssicherheit vor der Tür steht. Dann wird Essen, früher auch die Telefonkarten mit Gesprächs- und Onlineguthaben gekauft und hin und wieder auch Benzin für den Motorroller von Santiesteban, der unten in einem Maschendrahtverhau steht.

Camila Acosta wurde aufgrund ihrer kritischen Berichterstattung bereits mehrmals festgenommen. (Foto: Knut Henkel)
Ein Land in permanenter Krise
Neben jenem Verhau steht Santiesteban auch jetzt, spricht mit einem Nachbarn ein paar Dinge ab. Einige Scheine wechseln den Besitzer, denn in Kuba regiert seit Jahren die Inflation. Die Preise steigen – seit Jahresbeginn und dem von den USA verhängten Ölembargo über die Insel haben sie neue Rekorde erreicht. Derzeit kostet ein Liter Benzin 7.000 Peso cubano, das ist ein durchschnittlicher Monatslohn; für ein Pfund Bohnen werden rund 450 Peso cubano verlangt und auch bezahlt, berichtet der Schriftsteller, schließt die Haustür auf und weist den Weg ins Treppenhaus des Gründerzeithauses.
Wenig später stehen wir im Wohnzimmer des geräumigen Apartments, Santiesteban kocht Kaffee für den Besucher und Acosta, die sich zu uns setzt. Die 33-Jährige ist Korrespondentin der konservativen spanischen Tageszeitung „ABC“, arbeitet aber auch für Medienportale in Miami und zählt zu den international bekannten Berichterstatter*innen der Insel. Viele von ihnen haben Kuba verlassen, für Acosta ist das keine Option. „Ich denke, dass ich eine Verantwortung habe, hier etwas zu ändern, etwas zum überfälligen Wandel beizutragen“, sagt sie und Santiesteban nickt zustimmend. Beide plädieren für einen Übergang zur Demokratie und für die Stärkung der Zivilgesellschaft und sprechen das auch aus. Im Freundeskreis, aber auch in den Beiträgen und Kurzgeschichten, mit denen Ángel Santiesteban in Kuba und später auch international bekannt geworden ist. Sein Debüt „13. Grad südlicher Breite“, ein Band mit mehr als einem Dutzend Kurzgeschichten, wurde damals vom nationalen Schriftsteller- und Künstlerverband (UNEAC) ausgezeichnet.
Doch schon die darin enthaltenen Kurzgeschichten über Veteranen des Angola-Krieges, an dem Kuba als Stellvertreter für die Sowjetunion teilnahm, gefielen längst nicht allen auf der Insel. Zu kritisch, zu realistisch, zu ungeschminkt sind die Geschichten Santiestebans dem offiziellen Kuba. Der Autor ist ein sehr genauer Beobachter, scheut sich nicht, die negativen Veränderungen in der kubanischen Gesellschaft aufzuzeigen – unverblümt und teilweise schockierend. Ein gutes Beispiel ist die titelgebende Geschichte aus „Stadt aus Sand“ über das Leben mehrerer Prostituierter vom Land in Havanna, eine von dreizehn Kurzgeschichten, die in Deutschland 2024 erschienen.
Ihnen soll alsbald einer von vier Romanen folgen, die Santiesteban in den letzten drei Jahren geschrieben hat. Auch zwei Drehbücher hat er gemeinsam mit dem exilkubanischen Regisseur Lilo Vilaplana verfasst und auf seinem Schreibtisch liegen bereits zwei weitere Buchprojekte. Überaus produktiv und kreativ ist Santiesteban derzeit, arbeitet oft bis in die frühen Morgenstunden, wenn es die Batterien von Laptop und Solarlampe zulassen, denn längst haben die in Kuba weit verbreiteten Stromabschaltungen auch Havanna erreicht. Acht und mehr Stunden bleibt der Strom in Kubas Hauptstadt oft weg, in den Provinzen sind es bis zu zwanzig Stunden, die die Bevölkerung ohne Elektrizität überbrücken muss. In einem Land, wo hohe Temperaturen die Regel, Lebensmittel chronisch knapp und schnell verderblich sind, ein Desaster.
Verhaftet und verhört
Doch daran wird sich kaum etwas ändern, so Acosta. „Kuba braucht mindestens zwei neue Kraftwerke, seit Ende 2024 gab es sechs komplette Blackouts über mehrere Tage. Das System ist marode“, so die Journalistin, die an der Universität Havanna studiert hat und erst für offizielle Medien der Regierung arbeitete. Doch deren Sichtweise, das Scheuklappendenken waren nichts für die selbstbewusste Frau, die früh die Probleme benennen und nicht kaschieren wollte. 2017 und 2018 nahm sie mehr und mehr Abstand von der offiziellen Sicht der Dinge, 2019 erhielt sie die erste Vorladung zum Verhör auf einer Polizeistation.
Das hat sie nicht eingeschüchtert wie so viele andere, sondern die Journalistin empört. „Ich wollte mir das Denken nicht verbieten lassen“, sagt sie, schiebt die schwarze Brille nach oben in den vollen Haarschopf und nippt an dem Espresso, der vor ihr auf dem Tischchen steht. Seitdem ist Acosta Dutzende Male verhaftet und verhört worden, sie hat intensiv über die Situation politischer Gefangener auf der Insel berichtet, über die Proteste aus dem Kulturspektrum im November 2020, aber auch über die spontanen Demonstrationen im Juli 2021, die vom offiziellen Kuba niedergeschlagen und kriminalisiert wurden.
Allesamt Gründe, weshalb Acosta auf der Insel gut vernetzt ist und wie ihr Freund zu den Regimekritiker*innen gehört, die sanktioniert werden. Santiesteban unterliegt in Kuba einem Publikationsverbot, darf dort an keiner Literaturveranstaltung mehr teilnehmen, saß zwei Jahre und sechs Monate im Gefängnis wegen angeblichen Hausfriedensbruchs – bis eine Petition von 33 Abgeordneten des Europaparlaments für seine Freilassung sorgte. Die Zeit hinter Gittern hat den Literaten geprägt und zu mehreren Kurzgeschichten inspiriert, die Einblick in ein weitgehend unbekanntes Kuba geben.
Ein Sakrileg aus der Perspektive der kubanischen Behörden, doch für Santiesteban ist das Schreiben ein kathartischer Prozess. „Ich will mich nicht vor mir selbst ekeln, habe Angst vor meinem Gewissen, schreibe, weil ich aussprechen muss, was hier passiert“, sagt der Schriftsteller. Neben den Kurzgeschichten und Romanen verfasst er auch Artikel für die spanische Tageszeitung „El Debate“. Der letzte Text handelt von den 1.214 politischen Gefangenen, die laut der Menschenrechtsorganisation „Prisoners Defenders“ in kubanischen Haftanstalten stecken. „Zensur oder Knast“ lautet der Titel, den Santiesteban gewählt hat, und er kritisiert deutlich, dass schon das Posten von Bildern von verfallenen Häusern, von langen Warteschlangen vor Geschäften oder den charakteristischen Müllbergen als „konterrevolutionärer Akt“ geahndet werden kann – pervers in seinen Augen.
Santiesteban glaubt zudem, dass die politischen Gefangenen ein Thema in den anstehenden Verhandlungen zwischen Kubas autoritärer Regierung und den USA spielen werden – als „Währung des Wandels“, wie er es nennt. Ihre Freilassung könnte die USA zu Zugeständnissen bewegen, so Santiesteban in seinem Beitrag. Ob das so eintreten wird, ist ungewiss – dass Verhandlungen stattfinden, dass die Kirche vermitteln würde, ist hingegen sicher. Doch eine zentrale Frage bleibt bestehen: Wird die Zivilbevölkerung mit am Verhandlungstisch sitzen?
Für Santiesteban und Acosta ist dieser Punkt entscheidend. „Wir brauchen eine Transition zur Demokratie und das geht nicht von außen, wir brauchen einen Wandel von innen“, erklären die beiden übereinstimmend. Dafür haben sie die Petition unterschrieben, die Anfang Februar mit mehr als 1.500 Unterschriften beim kubanischen Parlament, dem „Poder popular“, eingereicht wurde. Eine Antwort darauf steht nach wie vor aus. Doch darauf hat kaum einer der Unterzeichnenden gewartet, für sie ging es vor allem darum, als Zivilgesellschaft ein Zeichen zu setzen.
Der Schriftsteller Ángel Santiesteban
(cl) – Der kubanische Autor Ángel Santiesteban, 1966 in Havanna geboren, gewann alle wichtigen Literaturpreise seines Landes und ist international bekannt. Zwei seiner Erzählbände sind auf Deutsch beim S. Fischer Verlag erschienen: „Wölfe in der Nacht“ (2017) und „Stadt aus Sand“ (2024), den wir als Kulturtipp in dieser woxx-Ausgabe vorstellen. 2020 erhielt er den renommierten „Disturbing the Peace Award“, der von der Václav Havel Library Foundation vergeben wird.

