Januar 2025: Willis Tipps

von | 08.01.2025

Von Bogota nach Toulouse

   Pulcinella ist ein Quartett aus Toulouse, das vor Jahren unter anderem schon durch seine Zusammenarbeit mit der süditalienischen Vokalartistin Maria Mazzotta beeindruckte. Jetzt haben sie die Kooperation mit dem weiblichen Instrumental- und Vokaltrio La Perla aus Bogota, Kolumbien, gesucht, das sich 2014 gründete und – zumindest in Europa – anfangs leider nicht einmal als Insider*innentipp eine Rolle spielte. Die Zusammenarbeit der beiden Ensembles unter dem Namen PulciPerla auf dem gemeinsamen Album Tatekieto müsste eigentlich für La Perla zur verdienten Aufmerksamkeit führen. Die Platte, die als CD, auf Vinyl und digital erhältlich ist, enthält zehn Stücke, die deutlich kolumbianisch geprägt sind – teils handelt es sich um druckvollen Latin/Cumbia-Rock, teils um etwas dezenteren mit indigenen Elementen aus der Andenregion. Die Herren aus Toulouse zeigen ihre Fähigkeit, neue musikalische Wege zu beschreiten, während die drei Künstlerinnen besonders ihre stimmlichen Talente unter Beweis stellen. Sie können kraftvoll shouten und selbst in ihren Rap-Einlagen ist deutlich Kolumbien herauszuhören. Eine tolle Platte mit energiegeladenen Latinoklängen!

PulciPerla – Tatekieto – Prado Records

Raue Emotionalität

Die Urbevölkerung Nordeuropas, die Sámi, haben nicht nur ihren ganz speziellen vokalen Ausdrucksstil, den Joik, sondern sind auch oftmals erstaunlich offen für musikalische Experimente – zum Beispiel unter Einbeziehung von Einflüssen anderer indigener Völker. Der norwegische Sámi Torgeir Vassvik hat sich unter anderem auch vom zentralasiatischen Kehlkopfgesang inspirieren lassen. Traditioneller Joik wird a cappella gesungen oder von der Rahmentrommel Govvadas begleitet. Bei Vassvik hört man aber ebenso die Gitarre und die Maultrommel. Auf seinem fünften Album White hat er sich mit dem norwegisch-finnischen Musiker Juhani Silvola zusammengetan, der eine modifizierte, oft verzerrte Gitarre spielt und Electronics hinzufügt. Wie immer bei Vassvik darf man keinen Belcanto erwarten, sondern ganz urwüchsigen, expressiven Gesang. Dazu passt bestens die instrumentelle Begleitung, die oft einen stark geräuschhaften Charakter hat. Eine faszinierend raue, ungeschliffene Emotionalität, die sich wohl aus der Naturverbundenheit des sámischen Animismus speist.

Torgeir Vassvik, Juhani Silvola – White – Eighth Nerve Audio

Maurische Perlen

Zwischen 2007 und 2013 veröffentlichte das Al Andaluz Project vier Alben. Das Ensemble entstand, als die Gruppen Estampie aus Deutschland und Aman Aman, hinter der das spanische Duo L’Ham de Foc steckt, in München aufeinandertrafen. Nun gibt es eine Kompilation von 16 Stücken ihrer bisherigen Veröffentlichungen mit dem Titel The Songs of Iman Kandoussi. Im Mittelpunkt des Al Andaluz Project stehen drei herausragenden Sängerinnen, die Deutsche Sigrid Hausen, die Spanierin Mara Aranda und die Marokkanerin Iman Kandoussi. Sie werden von einem multinationalen Ensemble von kompetenten Musikern begleitet. Ihnen geht es um die Musik von Al Andaluz, dem maurischen Spanien, in dem sich über Jahrhunderte romanisch-christliche Elemente mit muslimisch-maghrebinischen und jüdisch-sephardischen Traditionen zu einer ganz besonderen Melange verbanden. Die Interpretationen des Ensembles sind mustergültig, aber seit 2013 gibt es keine neuen Aufnahmen. Alle, die die Gruppe bisher nicht kannten oder nicht alle CDs besitzen, sollten hier unbedingt zugreifen. Eine wunderbare Zusammenstellung!

Al Andaluz Project – The Songs of Iman Kandoussi – Galileo Music

Akkordeonvielfalt

Auf dieser CD, die schlicht Duos heißt, hat der Finne Markku Lepistö mit vier Freund*innen zusammengearbeitet. Es geht um Musik, die auf diatonischen Knopfakkordeons zu Gehör gebracht wird. Lepistö war zehn Jahre lang Mitglied in der Band, die das legendäre finnische Frauenvokalensemble Värttinä begleitete. Er hat zudem zahlreiche Platten unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Auf den ersten beiden Stücken hört man ihn und seine Landsfrau Leija Lautamaja. Die beiden darauffolgenden Stücke hat er zusammen mit dem umtriebigen toskanischen Meister Riccardo Tesi aufgenommen, den man unter anderem von seinem Projekt Bella Ciao kennt. Xabi Aburruzaga spielt anschließend die baskische Version des Instruments, die Trikitixa, während das portugiesische Flair von der Lissabonnerin Eva Parmenter, die auch singt, hinzugefügt wird. Gelegentlich hört man etwas Perkussion, vor allem aber voluminöse Mehrstimmigkeit, denn bekanntlich lässt sich schon auf einem Akkordeon gleichzeitig zur Melodie auch eine Bassbegleitung spielen – hier dann im breiten Duoformat. Sehr schöne Melodien, die auch von den unterschiedlichen Heimatregionen der fünf Virtuos*innen geprägt sind und die Vielseitigkeit des Instruments glänzend dokumentieren.

Markku Lepistö – Duos – Rapusaari Records

 

World Music Charts Europe Januar – Top 20

1. Aboubakar Traoré & Balima – Sababu – Zephyrus
2. Markku Lepistö – Duos – Rapusaari Records
3. L. Shankar & Abhijit Banerjee – Full Moon – X DOT 25 Music
4. Nfaly Diakité – Hunter Folk Vol.1 – Mieruba
5. Juana Luna – Canciones en blanco y negro – Folkalist Records
6. V.A. – Zanzibara 11, Congo in Dar: Dance no sweat – Buda Musique
7. Mari Boine – Alva – Norse Music
8. Nusrat Fateh Ali Khan – Chain of Light – Real World
9. Baba Zula – Istanbul Sokaklari – Glitterbeat
10. Seckou Keita – Homeland Chapter 1 – Hudson Records
11. Lenka Lichtenberg – Feel with Blood – Sunflower Records
12. Mulatu Astatke & Hoodna Orchestra – Tension – Batov Records
13. V.A. – Super Disco Pirata – Analog Africa
14. Momi Maiga – Kairo – Segell Microscopi
15. Lucibela – Moda Antiga – Lusafrica
16. Justin Adams & Mauro Durante – Sweet Release – Ponderosa
17. Ruca Rebordao – Mestico Atlantico – self released
18. Seun Kuti & Egypt 80 – Heavier Yet (Lays the crownless head) – Record Kicks
19. Carmen Souza – Port’ Ingles – Galileo
20. Tamar Ilana & Ventanas – Azadi – Lulaworld Records

Die WMCE TOP 20/40 bei: www.wmce.de, Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und woxx.lu

 

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