LGBTIQ+: Queeres Leben in Zahlen

von | 11.07.2025

Ein neuer Bericht zeigt, dass LGBTIQ+-Personen in Luxemburg viel Diskriminierung ausgesetzt sind. Zudem leiden sie unter hoher psychischer Belastung.

Anlässlich der Pride, die dieses Wochenende in Esch gefeiert wird, stellte das „Luxembourg Institute for LGBTIQ+ Inclusion“ die Ergebnisse seiner neuen Studie zu Diskriminierung vor. (Foto: Tristan B./Unsplash)

„Wenn ich mit meinem Freund zusammen bin, achte ich auf jede Geste. Im Bus vermeide ich selbst eine Berührung am Arm.“ So schildert eine betroffene Person in einer aktuellen Studie des „Luxembourg Institute for LGBTIQ+ Inclusion“ (Lili), die die Lebensrealitäten von LGBTIQ+-Menschen in Luxemburg untersucht hat, ihre Erfahrungen. Sie ist damit nicht alleine. Knapp 70 Prozent der queeren Menschen in Luxemburg vermeiden affektive Gesten in der Öffentlichkeit. Damit liegt Luxemburg weit über dem europäischen Durchschnitt von 61 Prozent, wie eine 2024 veröffentlichte Studie von Ilga-Europe, dem europäischen Dachverband von LGBTIQ+-Organisationen, zeigt. Lili wurde im Mai 2024 vom „Centre LGBTIQ+ Cigale“ gegründet, um Diskriminierungserfahrungen und Folgen wie diese sichtbar zu machen.

Unter Leitung der Sozialpsychologin Nada Negraoui kombinierte die Studie eine quantitative Erhebung zu Gewalt und psychischer Gesundheit mit einer qualitativen Analyse zu komplexem Psychotrauma und struktureller Stigmatisierung. Ergänzend konnten Teilnehmende über ein offenes Textfeld eigene Erfahrungen schildern. Die Daten wurden zwischen Juni 2024 und Mai 2025 erhoben. Ein Zeitraum, der international von Rückschritten in der LGBTIQ+-Politik geprägt war. Auch auf nationaler Ebene waren die Auswirkungen spürbar: Eine signifikante Mehrheit der Personen nutzte das Freifeld, um die Petition Nr. 3198 zu kritisieren. Diese Petition forderte, sämtliche LGBTIQA+-Inhalte aus dem schulischen Unterricht Minderjähriger zu verbannen. Anfang 2025 wurde sie gemeinsam mit einer Gegenpetition, die eine stärkere Inklusion forderte, in der Abgeordnetenkammer diskutiert (woxx1822).

„In den Beiträgen wird deutlich, wie sehr sich die Menschen von staatlichen Institutionen verraten fühlen“, sagte Negraoui am Mittwochabend. Darin zeige sich die Angst, dass der schulische Raum, der eigentlich schützen, bilden und zu einer offenen und toleranten Gesellschaft beitragen soll, zum Ort der Zensur und des Ausschlusses wird.

Diskriminierung sichtbar machen

Die Studie basiert auf den Aussagen von 301 Personen, die anonym an der Onlinebefragung teilnahmen. Rund 31 Prozent identifizierten sich als homosexuell, 20,3 Prozent als bisexuell, 10,6 Prozent als pansexuell und sieben Prozent als asexuell. Auch bei der Geschlechtsidentität zeigt sich ein diverses Bild: 28 Prozent bezeichneten sich als cis männlich, 26,6 Prozent als cis weiblich, 16,9 Prozent als trans Frauen, 15 Prozent als trans Männer und 13,6 Prozent als nicht-binär.

Besonders häufig berichteten schwule und lesbische Personen von Gewalt- oder Diskriminierungserfahren: 78 Prozent der schwulen und 71 Prozent der lesbischen Befragten gaben an, diese im vergangenen Jahr mindestens einmal erlebt zu haben. Nur vier Prozent der Vorfälle wurden angezeigt. Im europäischen Vergleich liegt Luxemburg damit am unteren Ende: Laut der genannten Ilga-Europe-Studie liegt die Anzeigequote EU-weit zwischen vier und 14 Prozent.

Die Lili-Daten zeigen zudem einen klaren Zusammenhang zwischen sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität und psychischer Gesundheit (woxx1843). Besonders trans und nicht-binäre Personen litten überdurchschnittlich häufig unter Symptomen wie Müdigkeit, Angst, Schlafstörungen oder körperlichen Beschwerden. Zusätzliche marginalisierende Faktoren wie das Leben mit einer Behinderung erhöhten das Risiko, von Gewalt oder Ausgrenzung betroffen zu sein, deutlich.

Aus diesen Ergebnissen wurden im Bericht zur Studie eine Reihe konkreter Empfehlungen abgeleitet. Dazu zählt vor allem eine systematische und fundierte Weiterbildung von Fachpersonal in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Polizei und Justiz. Darüber hinaus fordern die Autor*innen eine stärkere positive Sichtbarkeit von LGBTIQ+-Personen im öffentlichen Raum und in den Medien sowie den konsequenten Ausbau der Datenerhebung zur Lebenssituation queerer Menschen in Luxemburg. Auch eine psychologische Anlaufstelle, die spezifisch auf die Bedürfnisse von LGBTIQ+-Personen ausgerichtet ist, müsse dringend geschaffen und finanziell abgesichert werden. Der neue nationale Aktionsplan zu LGBTIQ+, der als Dreiergespann mit den Aktionsplänen zur Gleichstellung zwischen Frauen und Männern und jenem zur geschlechtsspezifischen Gewalt konzipiert wurde, soll noch diesen Sommer vorgestellt werden.

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