Liebe, Lust und Schuld(en)

Rupert Everetts „The Happy Prince“ zeigt den englischen Dichter Oscar Wilde in seinen letzten Lebensjahren.

„The boy that I love is up in the gallery“. Das Lied kommt nicht aus dem Mund einer Frau, sondern eines Mannes. Sturzbesoffen trällert es Oscar Wilde auf der Bühne eines Theaters und hat so die Lacher auf seiner Seite. Der heitere Gassenhauer begleitet den Film über Wildes Lebensende wie ein Gradmesser der Distanz zwischen diesem Moment der Heiterkeit und seiner zunehmend desolaten Lebenslage.

Ein Dichter, dem nicht nur die Kreativität abhandengekommen ist, sondern der nur noch auf Pump lebt. Finanziell ist er nach zwei Jahren Kerker wegen seiner Homosexualität abhängig von seiner Frau, die sich jedoch von ihm getrennt hat, von seinen Freunden, von seinen Liebhabern Robbie und Bosie. Wilde wird hier nicht auf einen brillanten Schriftsteller reduziert, der Opfer der britischen Bigotterie gegenüber Homosexuellen geworden ist, sondern auch gezeigt als der überhebliche und oberflächliche Bonvivant, der für sich in Anspruch nimmt, wie ein Aristokrat leben zu können, als der alternde Freier, der sich mit seiner Berühmtheit Liebe erkauft und seine jungen Geliebten gegeneinander ausspielt oder als Mann, dessen Körper zunehmend, von Alkohol, Rauschgift und Syphilis gezeichnet ist. „Why does one run to its ruin?“ fragt Wilde denn auch selbst am Anfang des Films.

Natürlich will der Film am Beispiel Wildes auch zeigen, in welche Formen der viktorianische Zeitgeist das Ausleben von männlicher Homosexualität drängte. Nicht nur heterosexuelle, sondern auch homosexuelle Beziehungen entkamen der viktorianischen Moral nicht. Zwischen Sex als heiterer Ausschweifung, als Ausdruck von leidenschaftlichen, unkontrollierbaren Liebesgefühlen oder als mit Schuldgefühlen beladenem Frevel wechselnd, ist es dem hier gezeigten Wilde unmöglich, zu sich selbst auf Distanz zu gehen. Er wird nicht nur als zynischer Profiteur, sondern auch als unverbesserlicher Romantiker gezeigt, der grandios ausruft: „Suffering is nothing when there is love!“, oder enttäuscht beklagt: „I must love and be loved, but what a price I pay for it.“ Auch Wildes kompliziertes Verhältnis zum katholischen Glauben und zur Institution Kirche – die hier allerdings etwas unkritisch dargestellt wird – illustriert diese Verstrickung.

Zugleich aber verdeutlicht der Film auch, wie sehr Homosexualität mit sozialer Ablehnung verbunden war. Hohn und Abscheu begegnen Wilde nicht nur auf der britischen Insel, sondern auch im fernen Neapel, wohin er mit seinem Geliebten Bosie vor seinen Geldsorgen flieht. In einer Strandszene, in der Wilde einen jungen Mann anspricht, der zu einer Gruppe von jugendlichen Engländern gehört, wird man kurz an „Tod in Venedig“ erinnert. Anders als Thomas Manns Roman ergibt sich aber aus dieser kurzen Begegnung keine Romanze, sondern eine Verfolgungsjagd, bei der Wilde und seine Freunde schließlich in einer Kirche Zuflucht suchen. Doch auch hier drangsalieren die jungen Männer Wilde weiter, bis dieser schließlich selbst die Faust hebt.

Es ist einer der stärkeren Momente des Films, dem manche Kritiker*innen vorwerfen, er sei etwas blass und leidenschaftslos. Dennoch ist Rupert Everetts Debut als Regisseur kein langweiliger, sondern ein ansprechender Film, was er zu einem großen Teil auch den Schauspieler*innen verdankt. Daneben setzt er sein Thema aber auch in einen historischen Kontext und erinnert an den schwierigen Weg homosexueller Emanzipation. In diesem Sinn ist „The Happy Prince“, in dem übrigens nicht nur Englisch, sondern auch Französisch und Italienisch geredet wird, auch ein Film über europäische Sozialgeschichte.

Im Utopia.

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