Liebesroman: Konsumportfolios

Mit „Allegro Pastell“ legt der Schriftsteller Leif Randt seinen ersten Liebesroman vor. Die künstliche Unaufgeregtheit seines Stils versteckt geschickt eine kalte, aber perfekt funktionierende literarische Maschine.

Er hat es geschafft. Nach Ausflügen in imaginäre Länder in „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ und in fremde Sonnensysteme mit „Planet Magnon“ ist Leif Randt in der Realität – oder zumindest im Maintal – gelandet. „Allegro Pastell“ ist auch in einer anderen Hinsicht bemerkenswert: Die beiden Vorgängerromane erweckten den Eindruck, Randt sei zwar ein begnadeter und stilsicherer Literaturproduzent mit eigenem Flow – die Geschichten, die er erzählt, aber immer die gleichen sind, wenn auch in verschiedene Genres verpackt. Auch wenn dies auf viele Schriftsteller*innen, die durchaus Erfolg mit ihren Maschen haben können, zutrifft, so scheint Randt mit diesem neuen Roman den Zyklus gebrochen zu haben. Zwar gibt es Kontinuitäten zwischen den Werken, wie Drogenkonsum und das zwiespältige Verhältnis zu den Möglichkeiten der Gefühlswelten, aber die erzählte Geschichte ist so tief in einem realistischen Setting verankert, dass es einem beim Lesen manchmal ein bisschen schaudert.

Dabei würde „Allegro Pastell“ rein vom Narrativ her auch in jede Vorabendseifenoper passen. Webdesigner Jerome Daimler und Schriftstellerin Tanja Arnheim verlieben sich heftig, aber die Long-Distance-Beziehung zwischen dem schnöden Maintal und dem hippen Berlin lässt auch gleich einen Entfremdungsprozess entstehen, der schlussendlich dazu führt, dass Jerome sich seiner Jugendliebe Marlene zuwendet. Jerome gründet mit ihr eine Familie, während Tanja weiterhin dazu verdammt ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen. So endet das 280-seitige Literaturkuriosum und lässt die Leserschaft erst mal perplex. Wie ein ICE rast Randt durch die Gefühlswelten der beiden Ü-30er, die sich mehr oder weniger von ihren wilden 20ern verabschiedet haben und sich in der „Erwachsenenwelt“ noch nicht zurechtfinden wollen.

Das Verdrängen ist sicher eins der Themen, die in „Allegro Pastell“ vorherrschen. Das der eigenen Eltern und ihrer Lebensweise, das der eigenen Gefühle, die nicht ins gerade gewählte Lebensschema passen, das der Gegenwart, die jederzeit mit Drogen weggeschnippt werden kann, und das der Zukunft, die so unheimlich erscheint, dass die Protagonist*innen nur die Vorschau ins nächste Jahr wagen und nicht drüber hinaus. Außer, dass es jedes Jahr heißer wird, spricht niemand den Klimawandel an.

Was den Drogenkonsum angeht, so ist anzumerken, dass Randts Figuren diesen weder als Grenzüberschreitung, noch als Erweiterung ihres geistigen Horizonts begreifen. Drogen sind Genussmittel wie andere auch und dienen lediglich dazu, den Moment, in dem sie genommen werden, zu veredeln. Etwa wenn Tanja und Jerome auf einer Hochzeit in Thüringen Ecstasy konsumieren oder Jerome mit Marlene ein paar Pilze am Comosee einwirft. Irgendwie scheint die ganze Welt in „Allegro Pastell“ aus Oberflächen zu bestehen, die beständig in die Brüche gehen, ohne dass irgendwo eine Tiefe entsteht. So als bestünde die ganze Welt nur noch aus Geschmacksrichtungen. Zum Beispiel als es um die anti-deutsche Haltung einiger Bekannter geht, rezitiert Jerome eine Definition dieser Strömung, die auch von einer Wikipedia-Seite stammen könnte, und die Diskussion ist beendet.

© Wikimedia/Amrei-Marie

Die Moral bleibt bei „Allegro Pastell“ außen vor, und das ist auch gut so.

So definieren sich die Protagonist*innen eigentlich nur über den Konflikt zwischen ihrem äußeren und inneren Ich. Nur dass sie von letzterem kein Selfie beim Joggen schießen können. Inwiefern die Technologie und das allseits präsente Internet die Verhaltensmuster prägen, lässt sich an vielen Stellen des Romans festmachen. Am deutlichsten wohl aber an einer Überlegung Tanjas über die Kommunikation mit ihrem Liebhaber und ihr Bedenken, in der iMessage App ihre Botschaft nicht mehr abändern zu können. Nicht weil sie das möchte, aber weil der Empfänger – wenn er sieht, dass an der Botschaft nachträglich Änderungen vorgenommen wurden – den Eindruck erhält etwas Besonderes zu sein.

Interessant ist auch der Aspekt, dass in Randts Universum keine sozialen Probleme existieren. Geld ist die kleinste der Sorgen, alle Figuren stammen aus der mehr oder weniger gehobenen Mittelklasse, die Eltern haben vorgesorgt und sie auf ein Leben vorbereitet, in dem Entbehrungen nicht vorkommen sollten. Sicher, Romane in denen Sozialproblematik und materielle Mängel ausgeblendet werden, gibt es nicht erst seit gestern und es ist schon auch erfrischend, von der Negativität der Verteilungsfrage und der Gerechtigkeit verschont zu bleiben. Die Moral bleibt bei „Allegro Pastell“ außen vor, und das ist auch gut so.

Was den Roman so lesenswert macht, ist schlussendlich Randts Schreibstil. Der Aufbau des Buches scheint auf den ersten Blick banal, bei genauerem Hinsehen aber entpuppt er sich als perfekt getimte Erzählmaschinerie. Das kann auch daran liegen, dass der Autor aus einer „Schriftsteller*innen-Fabrik“ kommt, dem Bachelor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus der Universität Hildesheim. Dort absolvierten einige der schweren Kaliber der deutschen Gegenwartsliteratur wie Ronja von Rönne, Vea Kaiser, Kevin Kuhn und die luxemburgische Autorin Nora Wagener ihr Studium.

Diesem kontrollierten Schreiben, das bei manchen Autor*innen als verkopft und elitär daherkommt, gelingt es Randt, durch sein Talent eine Leichtigkeit und ein Selbstverständnis einzuhauchen, die seine Bücher zu dem machen, was sie selbst oft beschreiben: ein Genussmittel, angenehm im Verbrauch, mit gutem Nachgeschmack und leichter Wehmut beim Zuklappen des Deckels.

„Allegro Pastell“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

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